HOME

WM 2018: Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun: Warum ich meine Tippspiel-Karriere beendet habe

Zur WM versuchen wieder alle, jedes Ergebnis vorherzusagen. Mit Fußball hat das nicht mehr viel zu tun, meint unser Autor - und ist ausgestiegen.

Fußballfans, die sich ein Ballmuster ins Gesicht geschminkt haben

Zur WM hat jeder nur Fußball im Kopf

Picture Alliance

Fußball, sagen diejenigen, die den Fußball nicht verstehen, habe ja nichts mit dem realen Leben zu tun. Irgendwo laufen 22 Spieler einem Ball hinterher und versuchen, ihn in ein Viereck zu befördern. Ob sie es nun aber schaffen oder nicht, wer nun gewinnt oder verliert, das habe doch keine Auswirkungen auf das wirkliche Leben der Fans, die dabei mitfiebern.

Vielleicht stimmt das sogar manchmal. Bei Welt- oder Europameisterschaften aber ist es auf jeden Fall anders: Dann wird Fußball zu einem Element, das unsere Laune im Alltag gehörig steigern oder verderben kann – selbst bei denen, die sich normalerweise wenig dafür interessieren. Zumindest wenn sie an Tippspielen teilnehmen.

Wie eine Epidemie greifen diese Tipprunden zu den großen Fußballturnieren um sich. Dann versucht in den Büros, Familien und im Freundeskreis jeder vorherzusagen, wie wohl Kolumbien gegen Japan spielt, obwohl die meisten keinen Spieler dieser beiden Teams kennen.

Ich aber habe beschlossen, mich diesem Wahnsinn zu entziehen. Ich habe meine Tippspielkarriere offiziell beendet.

Ohne Tipps macht die WM mehr Spaß

Das liegt nur zum Teil daran, dass mein Abschneiden bei den letzten Turnieren eher unbefriedigend war – und das, obwohl ich einige Spieler aus Kolumbien und Japan kenne. Allerdings habe ich gemerkt, dass mir Fußballgucken mehr Spaß macht, seit ich nicht mehr tippe.

Nehmen wir das Spiel Portugal – Marokko. Nach allen Regeln der Vernunft hätte ich auf einen portugiesischen Sieg getippt (und damit letztendlich auch Recht behalten). In Wirklichkeit aber schlug mein Herz in dem Spiel eher für den Außenseiter aus Marokko. Die Mannschaft aus Nordafrika rannte an, hatte eine Chance nach der anderen – und ich fieberte mit, ohne in mir einen Kampf zwischen Tipp und Sympathie ausfechten zu müssen.

Rudi Völler würde sagen: Wer tippt, hat den Fußball nie geliebt. Denn er findet sich in einem inneren Konflikt wieder: Wer sonst dem Außenseiter die Daumen drückt, will nun doch den Favoriten, für den er sicherheitshalber getippt hat, siegen sehen. Wer ein 1:0 vorhergesagt hat, will nach einer frühen Führung keine weiteren Tore mehr sehen.

Stattdessen würde er am liebsten vor dem Fernseher ständig auf seine Uhr zeigen und "Abpfeifen!" rufen, als wäre es die Nachspielzeit im WM-Finale. Irgendwie führt das das Prinzip des neutralen Fußballfans ad absurdum.

Es geht nur um Anerkennung

Dahinter steckt noch mehr: Wir ärgern uns oft darüber, dass es im Fußball nur noch ums Geld geht und nicht mehr um den Sport an sich. Oder über Mannschaften, die Fußball nicht spielen, sondern zerstören wollen, um sich ein 0:0 zu ermauern. Dieser Sport ist schon lange nichts mehr für Romantiker, das haben wir verstanden.

Beim Tippen verhalten sich viele von uns aber genauso. Ihnen geht es nicht mehr um ein schönes Spiel oder viele Tore. Sie wollen nur in der Tippspiel-Tabelle nach oben klettern, um den Jackpot oder – genauso wichtig – die Anerkennung der anderen zu gewinnen. Schade, denn dadurch geht bei diesem großen Fußballfest einiges verloren. Ich jedenfalls bin raus.

Obwohl, nicht ganz: Vor der Weltmeisterschaft hatte mich eine Freundin (diejenige, der ich mal erzählte, dass ich über Fußball schreibe und die mich daraufhin ganz ehrfürchtig fragte: "Weißt du dann auch, was Abseits ist?") gebeten, alle Spiele für sie durchzutippen. Sie wollte sich nicht vor ihren Arbeitskollegen blamieren. Ob das so schlau war?

Eine Kombo zeigt llinks Joachim Löw mit einer Espresso-Tasse am Mund und rechts Ägyptens Stürmer Mohamed Salah beim Training