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Meinung

Mit oder ohne Marie Kondo: Ordnung fürs Chaos: Wer seine Wohnung aufräumt, räumt auch den Kopf auf

Seit Marie Kondo auf den Plan getreten ist, räumen auf einmal alle auf. So als wäre ihnen vorher gar nicht aufgefallen, dass die Unordnung sie stresst. Ich habe schon vor langer Zeit entdeckt, dass eine aufgeräumte Wohnung so viel mehr als nur besucherfreundlich ist.

Unordnung kann gern auch zu Stress führen

Beim Anblick dieses Bildes juckt es mir fürchterlich in den Fingerspitzen

Getty Images

Seit Marie Kondo in unserem kollektiven Bewusstsein aufgetaucht ist, räumt die ganze Welt mit einem Mal auf. Alles sortiert aus, räumt um und scheint ganz plötzlich festgestellt zu haben, dass es sich in einer geordneten Umgebung tatsächlich entspannter aushalten lässt als in einem Saustall. KOMISCH!

Nur mein Kollege Eugen, der ist so gar nicht überzeugt von Frau Kondos Tipps für ein besseres Leben. Wieso er für Besuch aufräumen solle, fragte er in einem Artikel – wer ihn wirklich möge, der wolle doch lieber die ungeschönte Wahrheit sehen. Das lässt es ja ein wenig klingen, als würden wir alle nur aufräumen, um etwaige Besucher zu beeindrucken. Als wären wir eiiiigentlich alle viel glücklicher, wenn wir in unserem eigenen Dreck sitzen, aber hätten so sehr das Bedürfnis, die Außenwelt zu beeindrucken, dass wir extra für Besucher unseren Wohlfühlraum zerstören würden. Ganz ehrlich? Das halte ich für eine infame Unterstellung.

Ich weiß, dass ich mir selber später danken werde

Ich mag aufräumen. Ich mag aussortieren. Ich mag umräumen. Ich mache jeden Morgen, egal wie spät dran ich bin, mein Bett. Ich stelle abends mein Geschirr zurück in die Küche und mache das Sofa wieder ordentlich, auch wenn ich gerade schon zwei Stunden vor dem Fernseher eingeschlafen bin. Ich mache den Abwasch, wenn ich nach einem Abend mit Freunden betrunken nach Hause komme. Und all das aus einem ganz einfachen Grund: Weil ich weiß, dass ich selbst mir später dafür danken werde. Weil meine Wohnung automatisch ordentlicher aussieht, wenn ich nach Hause komme und das Bett gemacht ist. Weil ich morgens aufwachen kann und nicht als erstes den Abwasch in der Küche und das unordentliche Wohnzimmer sehe. Weil ich mich aufs Sofa legen und entspannen kann, ohne zu wissen, dass sich die Tomatensoße von gestern Abend langsam aber sicher tiefer und tiefer in die Pfannenbeschichtung frisst. Das finde ich beruhigend.

Es gab eine Zeit, in der ich viel von zu Hause gearbeitet habe. Damals wohnte ich in einer WG und hatte nur ein – zugegebenermaßen sehr großes – Zimmer. Ich konnte vom Schreibtisch mein Bett und vom Bett meinen Schreibtisch sehen. Als wäre das nicht schlimm genug, sah ich auch immer und dauerhaft ALLES, was dazwischen noch so war. Ist das eine Hose, die eigentlich in die Wäsche müsste? Sind das die Unterlagen, die ich noch abheften wollte? Und können die Magazine da nicht langsam mal ins Altpapier? Und so kreisen die Gedanken auf einmal um alles, nur nicht um das, worum es eigentlich geht.

Wer sein Umfeld aufräumt, hat eine viel bessere Chance, sein Inneres aufzuräumen

Uns geht täglich so viel durch den Kopf. Unsere Gedanken kreisen und immer häufiger höre ich von Menschen aus meinem Umfeld, dass sie Probleme beim Einschlafen haben, weil sie den ewigen Kreislauf ihrer Gedanken nicht ausschalten können. Mir geht es da nicht anders. Mein Gehirn ist die unaufgeräumte Wohnung, die ich im echten Leben nicht habe. Aber wieso sollte ich mir das Leben noch schwerer machen, indem ich mir die zusätzlichen Hintergedanken an überquellende Wäschekörbe und einen Wandschrank voll Pfandflaschen aufhalse? Wer sein Umfeld aufräumt, hat eine viel bessere Chance, sein Inneres aufzuräumen. 

Natürlich habe ich das nicht immer so gesehen. Als Teenager schob ich über Monate alles, was rumlag, konsequent unters Bett – inklusive Geschirr. Ich vergaß alte Brotbüchsen – mit Inhalt – über die Sommerferien in meinem Ranzen und wenn mir beim Öffnen der Schranktür nicht alles entgegenflog und ich irgendwie ein T-Shirt zu fassen kriegen konnte, ohne den ganzen Klamotten-Jenga-Turm zum Einsturz zu bringen, konnte der gesamte Tag als Erfolg abgeheftet werden. Aber ich glaube, es gibt einen Grund, weshalb diejenigen meiner Freundinnen, die am besten in der Schule waren, auch immer die mit den aufgeräumtesten Zimmern waren. Das hat etwas mit Disziplin und Respekt vor sich selbst zu tun.

Mein Rückzugsort hat etwas Wertschätzung verdient

Ich bin vor etwa einem Jahr in meine neue Wohnung gezogen. Vor dem Umzug hatte ich nochmal richtig heftig aussortiert, obwohl sich mein Wohnraum um mehr als das Doppelte vergrößern würde. Während ich die ersten paar Wochen der Umzugs- und absolutes Chaos-Phase nur mit Scheuklappen und viel Wein aushielt, ist meine Wohnung, seit sie fertig eingerichtet ist, nicht mehr wirklich unordentlich gewesen. Selbst die Überreste der Einweihungsparty waren innerhalb von zwölf Stunden verschwunden. Meine Mutter, die sich noch blendend an die Zeit des selbstgemachten Biotops unter meinem Bett erinnern kann, fragte letztens bei einem Besuch, ob ich für sie aufgeräumt habe. Hatte ich nicht. Und dann sagte sie etwas, was sich in meinem Gehirn eingebrannt hat: "Man merkt, dass dir deine Wohnung etwas wert ist." Und ganz ehrlich: Wieso sollte mein Rückzugsort diese Wertschätzung auch nicht verdient haben? 

Ich glaube, was ich eigentlich sagen möchte, ist das hier: Natürlich finde ich es schön, wenn jemand in meine Wohnung kommt und sie genau so aussieht, wie ich sie leiden mag. Aber ab und zu meinen gesamten Schrankinhalt auf dem Wohnzimmerboden verteilen und beim Netflix-Gucken Klamotten aus- und neu sortieren hat auch dann eine beruhigende Wirkung auf mich, wenn in den nächsten Tagen erstmal keiner mehr vorbeischaut. 

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