HOME

Marie Kondo: Wie mir eine Japanerin das Aufräumen als Wellness verkaufte

Wir alle haben die Wohnung voll mit Krimskrams, an dem wir hängen, der aber eigentlich nicht nützlich oder schön ist. Ordnungs-Queen Marie Kondo hat mir beigebracht, diese Dinge loszulassen – und kräftig auszumisten.

Die japanische Aufräum-Queen Marie Kondo

Die japanische Aufräum-Queen Marie Kondo bei einer Buchpräsentation

Picture Alliance

Ich bin chaotisch. Und das mit einer gewissen Leidenschaft. Und bisher hatte ich nur bedingt das Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Wenn auf meinem Schreibtisch gar kein Platz mehr war, wurde halt einmal radikal aufgeräumt. Ebenso, wenn sich Besuch ansagte. Hat immer leidlich funktioniert. Aber wieso habe ich vor einigen Tagen trotzdem angefangen, mit einem unerklärlichen Feuereifer aufzuräumen? Eine kleine ist schuld.

Marie Kondo ist für Insider (zu denen gehörte ich bisher definitiv nicht) die Königin des Aufräumens. Sie hat mittlerweise drei Bestseller übers Aufräumen geschrieben, die sich weltweit unfassbar gut verkauft haben. Aktuell plant sogar Netflix eine Dokusoap mit der 32-Jährigen, die kürzlich von Tokio nach Kalifornien zog.

Die zierliche Japanerin verkauft einen Lifestyle

Was macht die zierliche Asiatin aber anders als andere Aufräum-Queens? Nun, sie verkauft nicht nur Ordnung oder gute Ratschläge – sie verkauft eine Lebenseinstellung. Einen Lifestyle. Und zwar einen attraktiven. Die hübsche junge Frau ist immer schick gekleidet, lächelt strahlend und postet bezaubernde Fotos aus ihrem rundum perfekt wirkenden Leben bei Instagram. Wo einen zupackende Putzfeen in Haushaltsschürzen und mit entschlossenen Mienen eher abschrecken, hat Marie Kondo einen elfenhaften Charme, dem man sich kaum entziehen kann.

Und sie hat gute Ideen. Besonders, was all diesen Kleinkram angeht, der sich zu Hause so ansammelt. Mit dem man eigentlich nichts anfangen kann, aber an dem eben Erinnerungen hängen. Aber eigentlich – eigentlich nervt er. Und eigentlich – ja eigentlich, müsste man ihn mal sortieren und verstauen und organisieren, oder? Nein, natürlich muss man das Zeug loswerden!

Genau so würde es jeder normale Mensch auch formulieren. Doch dann würde ein überzeugter Nostalgiker wie ich rufen: Aber nein, diese Muschel ist doch vom Strand in Thailand! Diese Kerze hat mir doch eine Freundin aus der siebten Klasse geschenkt! Und sofort wäre Schluss mit der Lust, zu entrümpeln.

Viele Dinge haben ihre "Aufgabe" längst erfüllt

Marie Kondo macht das geschickter. Sie bringt in ihrem Bestseller "Magic Cleaning" (rororo Verlag) den Lesern bei, dass wir viele Andenken gar nicht mehr brauchen, weil sie ihre "Aufgabe" längst erfüllt haben. Die schöne Erinnerung ist in deinem Kopf, sie muss nicht jahrelang unbeachtet in irgendeiner Kiste rumliegen.

Das teure Kleid, das du nie angezogen hat, hat seinen Zweck schon erfüllt, als du es voller Enthusiasmus in der Einkaufstüte aus dem Laden getragen hast. Und Geschenke erfüllen ihren Zweck, indem sie überreicht werden und sich in dem Augenblick Schenkender und Beschenkter gemeinsam über den Moment freuen. Niemand, der dich wirklich mag, würde wollen, dass du nur aus schlechtem Gewissen etwas behältst, dass dir gar keine Freude macht. Kondo rät, dem Gegenstand für seine Dienste zu danken und ihn "gehen zu lassen". Klingt esoterisch, tut aber seltsam gut.

Überhaupt, Freude: Marie Kondo geht das Aufräumen fast spirituell an und rät, alle Dinge in der Wohnung einmal in die Hand zu nehmen und auf das eigene Gefühl zu lauschen, ob der Gegenstand einem Freude bereitet. Das ist bei Küchenutensilien oder dem Wischmopp vielleicht erstmal seltsam, aber auch da kann man sich ganz pragmatisch fragen: Hilft mir dieses Ding im Alltag? Ist es funktionell und einfach zu benutzen? Brauche ich es wirklich?

Nachdem ich mehr und dann noch mehr und immer mehr zu ihrer Methode gelesen hatte, packte mich die Lust, den ganzen Kram aus meinen vier Wänden zu entsorgen. Große Lust. Viele Sachen landeten einfach im Müll, weil sie schlicht nutzlos waren. Andere ließen sich für ein paar Euro verkaufen. Und vieles landete in Kisten und Säcken und wird gespendet. In Hamburg ist da z.B. Hanseatic Help eine gute Anlaufstelle. In eurer Stadt gibt es bestimmt ähnlich tolle Organisationen.

Ordnung ist tatsächlich entspannend

Angeblich hat das Entrümpeln außerdem handfeste gesundheitliche Vorteile: Das Gehirn mag es, wenige visuelle Reize zu empfangen. So kann es sich besser auf Aufgaben konzentrieren, man soll besser schlafen können, kreativer sein und sogar mehr Lust auf gesunde Ernährung bekommen. Ob da was dran ist, werde ich ja demnächst erleben. Aber tatsächlich merke ich schon, dass es irgendwie entspannend ist, den Hinterkopf nicht mehr voll mit all diesem KRAM zu haben, um den man sich ja eigentlich irgendwann mal kümmern müsste.

Kleiderschrank - Mädchen wirft Kleidung in die Luft
Themen in diesem Artikel