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Junggesellinnenabschied: Enttäuschte Braut, genervte Freunde: Wenn der JGA zur Zerreißprobe wird

Kein Abschied in Würde: Um die zukünftige Braut in die Institution Ehe zu entlassen, werden die in der Diaspora lebenden Freunde geladen, damit sich alle aufführen wie nie zuvor. Sogar, wenn niemand Lust darauf hat.

Frauen feiern mit Sektglas in der Hand und fliegenden Konfetti.

Stell dir vor, es ist JGA – und keiner will hin ...

Getty Images

Der Zug ruckelt durch Deutschland. Vor dem Fenster zieht in uninspiriertem Grau das Nichts vorbei und heuchelt Verständnis. Genau sechs Stunden und 55 Minuten bin ich heute unterwegs. An einem Samstag, an dem bei mir zu Hause die Sonne scheint. Die Sonne! Im regnerischen Norden! Ich seufze und beiße gleichgültig in ein Käsecroissant. Im Bordbistro wird "Rindergulasch mit Knöpfle" angeboten – bei 119,80 Euro Ticketpreis jedoch ein finanzielles Wagnis, das ich nicht eingehen darf.

Zwölf Stunden später: Der Abend war zäh, es ist noch nicht sehr spät, aber ich habe den ersten Teil überstanden. Ich liege auf der rechten Seite des ausgezogenen Sofas in unserer Ferienwohnung, neben mir liegt meine Freundin. Nächsten Monat heiratet sie einen sehr netten Mann mit sehr wenigen Haaren, weswegen wir dieses Wochenende ihren "JGA" feiern. Also, wegen der Heirat, nicht wegen Alopezie. Wir sind zu siebt, eine "Mädelsgruppe". Höllenschlimm. Ach ja, und "JGA" heißt "Junggesellinnenabschied". Ich musste googlen.

Gerührte Trauzeugin, genervte Braut

Seit stolzen 15 Jahren sind die Braut und ich befreundet. Und ihre Trauzeugin sein zu dürfen, erfüllte mich mit rührendem Stolz. Ist ja auch ein bisschen wie im Film. Sie hingegen schien schon zu diesem Zeitpunkt von einem schlechten Gewissen geplagt, vergewisserte sich mehrmals, ob es denn WIRKLICH okay für mich sei. Mein damaliger Freund dachte nicht daran, mich zu heiraten. Bald folgte ein Umzug in eine andere Stadt, Leben passierte, wir trennten uns. Meine Freundin hörte sich mein Leid an, stellte jedoch auch abermals die Frage: Würde ich es EHRLICH schaffen, ihre Trauzeugin zu sein? Würde ich der Aufgabe, auch emotional, gewachsen sein?

Was ich damals nicht verstand: Es ging ihr nicht um Mitleid. Nicht an diesem Punkt. Für mich war "Trauzeugin" ein ehrenvoller Titel, ein Meilenstein unserer Freundschaft. Nicht einmal vergleichbar mit meinem ersten Kuss auf dieser Hausparty im Heimatdorf, nach dem ich sie auf die Straße gezerrt hatte, um sofort ihre Meinung zu hören. Und nicht vergleichbar mit der nachmittäglichen Flasche Wodka im Uni-Hinterhof in der Großstadt, nachdem dieser Arsch sie sitzengelassen hatte. Doch für sie als Braut ging es nicht um Nostalgie oder Romantik: Eine Trauzeugin sollte die bis an die Zähne bewaffnete Anführerin einer Mission sein, die von Armeen in fliederfarbenen Tüll-Brautjungfernkleidern entworfen worden war. Ziel: Der sagenumwobene JGA.

Der JGA muss keine Saufveranstaltung sein (was ihn nicht besser macht)

Leichtgläubig wie ein Kind, das Mentos in eine Cola-Flasche tunkt, begann ich mit der Planung. Man kennt ja diese Sauf-Veranstaltungen. Aber meine Freundin wollte keinen Bauchladen (auch das musste ich googlen), keine peinlichen Aufgaben, keine Party. Die Sache mit der Abstinenz kam mir komisch vor, aber ihr Wunsch war mir Befehl.

Und dann explodierte die Cola-Flasche.

Wer will mit? Wer darf mit? Warum ist das so teuer? Wollen wir T-Shirts? Was ist auf diesen T-Shirts abgebildet? ("Team Braut", natürlich) Alles, was ich plante, stieß bei den "Mädels" auf Gegenwehr. Die "JGA"-Glitzer-Whatsapp-Gruppe wurde zum Ort des Showdowns für Psychospielchen. Manch lächelnder Smiley schien mir nun einen langsamen und qualvollen Tod zu wünschen. Ich hingegen wünschte mir schon in den Wochen der Planungsphase vor allem Alkohol.

Die schlimmste Sorge: Gefällt es der Braut?

In Anbetracht dessen, wie leidenschaftlich vorab jedes Detail diskutiert wurde, verlief das Zusammentreffen an besagtem Wochenende nahezu apathisch. Bei der Ankunft kippten wir Sekt. Es wurde sich beschwert, dass nur sechs Sektgläser in der Unterkunft zur Verfügung standen. Wenig unauffällig schenkte ich mir nach. Mit steigendem Pegel stieg auch meine Gewissheit darüber, dass besonders drei ihrer Freunde mich verachteten. Und ich verachtete sie gleichermaßen mit glasigem Blick: Sie hatten alle denselben Friseur, dieselbe Erscheinung, dieselben Piercings an exakt selben Stellen und bewohnten das Allgäu, was der Grund dafür war, dass sie ein bisschen komisch redeten. Mit jedem Glas bekamen sie alle drei mehr Ähnlichkeit mit Margaret Thatcher.

Ich lächelte ununterbrochen alles weg und schämte mich insgeheim für meine Abneigungen. Schlimmer war aber, dass ich tausend Tode starb in der Angst, dass diese nicht ganz billige Event-Veranstaltung der Braut nicht gefallen könnte. Also trat ich auf wie der Entertainer einer Hoteldisco für unter 13-Jährige. Kaufte noch mehr Alkohol. Kümmerte mich um die Musik. Kramte in meinem Gedächtnis nach Heimat-Dialekt. Bonding, baby!

Es half alles nichts. Um 22.30 Uhr verkündete das Trio-Infernale, dass es nun schlafen gehen würde. Mein Blick war nicht mehr sehr fokussiert, aber die Enttäuschung auf dem Gesicht der Braut war nicht zu übersehen. Stich Stich Stich Stich.

Wieso waren wir hier, wo es nur enttäuschte Erwartungen gab?

Und so lag ich da. Angesoffen. Ausgelaugt. Da begann der eigentliche Teil des Abends: "Wie geht es dir mit der Hochzeit?", frage ich meine Freundin mit kleinlauter Stimme. "Ich mache mir Sorgen um alles", antwortet sie weniger kleinlaut. Sorge, dass sie etwas in der Planung vergisst, dass es den Gästen nicht gefällt. Kein Wort über ihr traumhaftes Kleid, die Blumen, die mit absoluter Sicherheit zu erwartenden Tränen ihrer Mami. Kein Wort über das Ja-Wort. Oder ihren Ehemann. Sie klingt genervt.

Vielleicht war es wie bei mir mit diesem unsäglichen JGA. Plötzlich bekommt alles eine Eigendynamik, du vergisst, dass du es so wolltest. Wollte überhaupt irgendjemand dieses Wochenende? Wieso waren wir hier, wo es nur enttäuschte Erwartungen gab?

Als wir reden, ist es wie früher, und doch gar nicht. In 15 Jahren Freundschaft hatten wir einiges gemeinsam durchgemacht, und doch schien sie jetzt, kurz vor ihrer Hochzeit, niedergeschlagen wie nie. Über die Liebe sprechen wir nicht.

Falls ich einmal heiraten sollte, fahre ich mit ihr allein ein Wochenende an einen endlangweiligen See. Und dann erinnern wir uns daran, wie ich sie damals als Teenie mit nach draußen zog, nach meinem ersten Kuss. "Erinnerst du dich?", werde ich fragen. Und in meiner Vorstellung ist alles sehr leicht.

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