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Meinung

Beziehungen: Schluss mit halbgar: "Freundschaft Plus" ist in den meisten Fällen ganz großer Mist

Man versteht sich richtig gut und findet sich gegenseitig sexy? Was spricht denn dann dagegen, zusammen das Experiment Beziehung zu wagen? Unsere Autorin kann nicht verstehen, warum so viele Menschen sich damit inzwischen so schwer tun – und bei aller Coolness heimlich leiden wie Hunde.

Ein junges Paar, der Mann spielt Gitarre

Wenn alles stimmt – wieso macht man dann nicht einfach Nägel mit Köpfen?

Unsplash

Ich habe eine liebe Freundin, Chrissi. Chrissi lebt inzwischen in München, und sie ist manchmal unglücklich. Ich meine, wer ist das nicht – klar –, trotzdem mag ich es nicht, wenn gute Freunde von mir unglücklich sind. Bei ihr ist ein Mann schuld. Einer, den wir beide schon ewig kennen, noch aus Abi-Zeiten aus unserer Heimatstadt, wir hatten den gleichen erweiterten Freundeskreis mit ihm. Nennen wir ihn Florian. Eigentlich ist Florian ein Guter: ruhig, freundlich, kein arroganter Macker oder neurotischer Hipster. Und trotzdem macht er Chrissi nichts als Ärger. Und sie macht den Ärger mit.

Der Punkt ist: Sie hatte schon immer eine Schwäche für den Typen. Als vor etwa zwei Jahren mit seiner Ex Schluss war, begannen die beiden dann, sich regelmäßig zu besuchen und herumzuturteln. Fand ich anfangs super – die beiden zusammen, das machte in meinem Kopf total Sinn. Sie: energiegeladen, im Leben angekommen, immer positiv. Er: still, immer noch ein bisschen Mamasöhnchen, unsicher. Das ergänzte sich doch ganz prima. Und trotz ihrer Unterschiede gab es bei den beiden eine richtig gute gemeinsame Ebene.

Die beiden benahmen sich wie ein Pärchen

Ich erlebte die zwei nur sporadisch zusammen: Wenn ich Chrissi in München besuchte, oder bei Stippvisiten in unsere kleine Heimatstadt, an Ostern und Weihnachten. Sie knutschten, kuschelten, saßen in der Kneipe immer eng beisammen und waren in gute, persönliche Gespräche vertieft. Florian fand sichtlich nicht gut, wenn irgendein anderer Kerl Chrissi – lange blonde Haare, klein, superschlank – schöne Augen machte. Alles ganz normal, wie bei jedem Paar. Nur: Sie waren kein Paar.

Behaupteten sie jedenfalls.

Chrissi und ich schrieben uns und telefonierten viel in dieser Zeit. Die Kommunikation bestand meist daraus, dass sie eine gute Stunde von Florian schwärmte und darüber klagte, dass sie nicht wisse, ob das eine "richtige Beziehung" werden könne und ob sie ihn darauf ansprechen solle. Wenn ich ihr riet, ihm doch einfach von ihren Gefühlen zu erzählen (das konnte doch für ihn nicht so überraschend sein, jetzt mal ehrlich?), winkte sie schnell ab und meinte, es sei doch völlig okay, wenn es "einfach nur Sex" sei. Daran musste ich denken, als ich kürzlich den Text meines Kollegen für unsere Single-Kolumne las. "Sie trauen sich einfach nicht zu sagen, dass sie Angst haben. Und dass sie deshalb lieber weglaufen. Oder sich verstecken", schreibt er darin.

Habt doch keine Angst vor der Liebe, Leute!

Ich bin vielleicht einen Hauch zu alt, um dieses "Freundschaft Plus"-Ding zu verstehen, zumindest wenn es um Menschen geht, die sich gegenseitig richtig gut finden und die ganz offensichtlich mehr verbindet als nur Geschlechtsverkehr. Das macht mich sogar manchmal ein bisschen wütend. Leute! Ihr mögt euch! Ihr verbringt gern Zeit zusammen, habt was zu reden, findet euch scharf, vermisst euch, wenn ihr euch nicht seht! Warum geht ihr nicht diesen kleinen Schritt weiter und nennt euch verdammtnochmal einfach ein Paar? Chrissi war ganz klar dazu bereit. Florian scheinbar nicht.

Ich meine, "zusammensein" ist doch nicht sofort "heiraten". Es bringt halt nur ein klein wenig Verantwortung mit, die viele offenbar trotzdem scheuen: Meistens ist beim Paar-Dasein Treue angebracht, Interesse am Wohlergehen des anderen und das Klarkommen mit dem Alltags-Shizzle. Und: Wenn es schließlich doch nicht passen sollte, fällt der unbequeme Schritt des Schlussmachens an. Das ist jetzt in meinen Augen alles nichts Schreckliches oder Unmögliches, darum frage ich mich, warum es vielen so schwer fällt? Florian scheint das jedenfalls schwerzufallen. Während Chrissi Angst hat, ihn mit ihren Gefühlen zu überfordern oder klammernd zu wirken, hat er Angst vor Verantwortung. Vielleicht auch davor, ihren Ansprüchen nicht zu genügen. Und so treffen die beiden sich zwar regelmäßig und freuen sich, wenn sie zusammen sind, sind aber trotzdem permanent unglücklich mit der Situation. 

Sie müssen die vertrackte Situation selbst lösen

Ich würde sie gern schütteln, jeden einzeln, und dann anschreien. Oder, wie in dieser einen "How I Met Your Mother"-Folge Robin und Barney, im Bad einsperren. So lange, bis sie endlich vernünftig miteinanden reden. (Marshall und Lily auf der anderen Seite der Tür: "Das reicht uns nicht!") Aber letztlich haben wir es hier mit zwei erwachsenen Menschen zu tun. Die sich nur leider nicht benehmen wie erwachsene Menschen. Chrissi leidet inzwischen wie ein verknallter Teenie, Florian fühlt sich schlecht und schuldig – und trotzdem können sie nicht voneinander lassen. Keiner von beiden hatte, seit sie ihre Tändelei begonnen haben, irgendwas mit irgendwem anders. Es ist zum Haareraufen. Dieser ganze Stress ist so unnötig!

Ich weiß nicht, ob und wie ich Florian und Chrissi helfen kann. Ihr habt vermutlich Freunde, die in ähnlichen Situationen stecken. Und seid genauso ratlos. Es wäre so schön, wenn wir dieses Feiern des Lockeren, des Unentschlossenen aus unserem Liebesleben raushalten könnten. Es mag ja nachvollziehbar sein, wenn wir das bei Jobs oder Verabredungen ganz gut finden (auch darüber kann man diskutieren, aber okay), meinetwegen auch bei sexy Treffen mit Menschen, bei denen es wirklich nur um Kopulation geht. Aber habt doch ein wenig mehr Mut, was Beziehungen angeht.

Beziehungen sind super! Wirklich!

Probiert es doch zumindest! Ihr glaubt, ihr würdet dem anderen weh tun, wenn es dann am Ende nicht funktioniert? Ihr tut ihm mehr und länger weh, wenn ihr so eine halbgare Affäre verschleppt, glaubt das mal. Probiert doch mal, Erwachsene zu spielen und euch ein bisschen Verantwortung zuzutrauen. Ist gar nicht so schlimm. Und macht auf lange Sicht sogar richtig glücklich!

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