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Kommentar

"Love Rules": Ex-Cosmopolitan-Chefin klagt an: Was Frauen beim Dating heute alles falsch machen

Joanna Coles, Ex-Chefredakteurin mehrerer Frauenzeitschriften, hat ein Buch über Liebe und Sex im digitalen Zeitalter geschrieben. Darin kommen vor allem die weiblichen Millennials gar nicht gut weg. Coles Thesen sind eine Frechheit.

Dating im digitalen Zeitalter

Es sei nicht "niedlich", sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken und am nächsten Tag verwirrt und reumütig aufzuwachen, so Joanna Coles (Symbolbild). Danke für den Tipp!

Es wäre wohl falsch zu behaupten, dass Joanna Coles so gar keine Ahnung hat, worüber sie schreibt. Die 55-Jährige war immerhin Chefredakteurin der Frauenmagazine "Cosmopolitan" und "Marie Claire" und hat sich deshalb jahrelang mit den Themen Liebe, Sex und Dating beschäftigt. Was sie in ihrem neuen, gerade in den USA erschienenen Buch "Love Rules: How To Find A Real Relationship In A Digital World" auch tut. Leider lesen sich Coles' Tipps aber ziemlich großmütterlich und aus der Zeit gefallen. Oder schlicht unglaublich frech.

Ihr täten die Millenials leid, so die in England geborene Journalistin in einem Interview mit der "New York Post", weil Dating-Apps die Regeln völlig verändert hätten: "Apps machen es leichter, Menschen zu treffen, aber härter, sich mit ihnen zu verbinden." Wir würden uns hinter Bildschirmen verstecken. Wenngleich sich diese Feststellung noch auf weibliche und männliche Kandidaten gleichermaßen beziehen lässt, geht Coles vor allem mit jungen Frauen hart ins Gericht.

"Sie sind frustriert, weil sie keine Liebe finden"

Überspitzt formuliert, lautet ihr Rat: Ladies, hört auf zu trinken und werdet sesshaft! Denn: Coles habe mit "tausenden von erfolgreichen, klugen Frauen" gesprochen: "Sie waren auf dem College, ihre Karrieren laufen gut - aber sie sind alle frustriert, weil sie keine Liebe finden." Dies würde dazu führen, dass sie sich selbst belügen. Auf der Suche nach einem erfüllten Sex- und Liebesleben würden sie deshalb gleich mehreren Mythen aufsitzen.

Es sei zum Beispiel nicht "niedlich", sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken und am nächsten Tag verwirrt und reumütig aufzuwachen, ohne zu wissen, ob man mit irgendeinem Typen geschlafen hat. Warum sie glaubt, dass ausgerechnet erfolgreiche Karriere-Frauen sich überdurchschnittlich viel betrinken und das auch noch niedlich finden würden, erklärt sie nicht. Dafür hat sie eine hanebüchene These zu der #MeToo-Debatte im Angebot: "50 Prozent aller sexuellen Übergriffe passieren, wenn Alkohol im Spiel ist", sagt Coles und betreibt damit klassisches "Victim Blaming" - sie schiebt die Schuld den Opfern zu. "Wir müssen aufhören, so zu tun, als ob heftiges Trinken für Frauen ein Spaß wäre." Dass komatöses Trinken auch bei Männern die Chance auf das Finden der großen Liebe schmälern dürfte, fällt ihr hingegen nicht auf.

Ein weiterer Irrglaube von Frauen laut Coles: Bis in die Dreißiger hinein müsse man sich ja keine Gedanken über Nachwuchs machen. "Wir haben eine Generation von Frauen, die denkt, sie könne sich einfach künstlich befruchten lassen und alles wird gut." Aber diese Chancen stünden schlecht, so Coles, erst recht für Frauen über 35. Frauen würde diesbezüglich ein falscher Traum verkauft, so Coles - die allerdings selbst erst mit 36 ihr erstes Kind bekam, mit 39 das zweite. Sollen Frauen sich in ihren 20ern also einfach dem nächstbesten Mann an den Hals werfen, nur, um früh genug Kinder in die Welt zu setzen? Auch hier hinterfragt sie nicht die Gründe für das späte Kinderkriegen (ähm: befristete Jobs, geringe Gehälter, Karriereknick...), sondern verurteilt die Frauen.

Was Coles aber am wichtigsten ist, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein: Frauen sollen endlich ehrlich sein - gegenüber sich selbst und gegenüber den Männern. Ihr Beispiel führt sie zurück zu den Dating- : Eine Freundin habe sich letztens bei ihr beklagt, dass ihr Tinder-Date eine Wanderung vorgeschlagen hätte - obwohl sie "Hiking" (dt.: Wandern) in ihrem Profil als Hobby angegeben hatte.

Dating bei Tinder: "Oh, mein Gott, ich hasse Wandern!"

"Oh, mein Gott", hätte die Freundin gesagt, "ich hasse Wandern!" Auf Coles Nachfrage, warum in aller Welt sie das Wandern dann als Interesse angeben würde, habe die Freundin gesagt: "Ich habe geflunkert, weil so viele Männer sagen, dass sie die Natur mögen." Für Coles sei so ein Verhalten bloß ein "Missbrauch" des App-Filters. Schließlich suche man doch den passenden Partner, und nicht irgendeinen Typen.

Ein guter Rat, so glatt wie das Ende eines Märchens. Fast alle von Coles Weisheiten klingen so: ein bisschen frauenfeindlich, ein bisschen von oben herab, und im Fazit erschreckend schlicht. Ganz sicher aber klingen sie wie Weisheiten einer Frau, die aus eigener Erfahrung eben nicht weiß, wie kompliziert es mit der Liebe im digitalen Zeitalter sein kann.