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Ein berüchtigtes Lehrbuch: Kamasutra: Die Lehren eines Enthaltsamen

Das Kamasutra wird oft auf seinen zweiten Band reduziert, in dem Paare die Beine in alle Richtungen strecken. Dabei ist das hinduistische Lehrbuch eine umfangreiche Wissenschaft der Liebe, dessen Autor sich dem Sex entsagt hat.

Kamasutra

Liebe, Sex, Ehe und Enthaltsamkeit sind die Themen des Kamasutra

Getty Images

In einer prachtvollen Stadt am südlichen Ufer des Ganges, geschützt durch eine lange Ziegelmauer, in deren Mitte sich ein Königspalast erhebt – hier wurde das Kamasutra geschrieben. Pataliputra war einst die Hauptstadt eines indischen Königreichs und Wohnsitz des Gelehrten Vatsyayana, der heute lange in Vergessenheit geraten wäre, stünde sein Name nicht auf einem der berühmtesten Schriftstücke des Altertums.

Vatsyayana hat sich Zeit seines Lebens in verschiedenen Schriften mit Liebe und Erotik auseinandergesetzt, von denen nur das Kamasutra unsere Zeit erreichte und in 1700 Jahren kaum an Strahlkraft eingebüßt hat. Seine Illustrationen zieren indische Tempelwände und locken Touristen aus überfüllten Reisebussen, während man das erotische hierzulande mit gesenktem Blick über die Ladentheke schiebt. 

Ein Buch über die Lebenskunst

In Indien sind die Illustrationen des Kamasutra heute als Pornographie verschrien und verboten worden. Den lüsternen Touristen allerdings steckt man an den Tempeln trotzdem gerne bebilderte Heftchen zu und öffnet anschließend beide Handflächen. Wer das Kamasutra jedoch als anrüchige Porno-Fibel verurteilt, hat nie hineingesehen.

In sieben Bänden mit mehr als 36 Kapiteln schrieb und sammelte Vatsyayana umfangreiche Schriften zu Liebe, Hingabe, Sinnlichkeit, Sexualität und . In einer Neuübersetzung des Kamasutra schreibt der Deutsche Robin Cackett: "Es ist ein Buch über die Lebenskunst – über Partnerwahl, Machterhalt in der Ehe und Ehebruch, über das Leben als Kurtisane und mit einer Kurtisane, über den Gebrauch von Drogen – und über die Stellungen beim Geschlechtsverkehr." 

Das Kamasutra lehrt Rücksichtnahme

Der Begriff Kamasutra setzt sich aus dem Alt-Indischen "Kāma" (das sinnliche Verlangen) und "Sutra" (Versform indischer Lehrtexte) zusammen. Der Verfasser selbst hielt sich von Ersterem allerdings entschieden fern. Am Ende des Buches schreibt er: "In höchster Enthaltsamkeit und Andacht ist es [das Kamasutra] geschaffen worden für das Treiben der Welt; seine Einrichtung hat nicht die blinde Leidenschaft zum Ziele". Vatsyayana hat als Asket gelebt.

So ist es kaum verwunderlich, dass nicht die sexuelle Ekstase Ziel seiner Lehre ist, sondern die gezügelten Aufmerksamkeit gegenüber sich und dem anderen im Mittelpunkt steht, in der sexuelle Höhepunkte Teil einer höheren Anstrengung sind. "Während der ersten drei Tage nach der Hochzeit sollten Mann und Frau auf dem Boden schlafen, sich sexuellen Vergnügens enthalten und ihre Mahlzeiten ungewürzt zu sich nehmen.", steht im dritten Band des Kamasutra. "Erst nach dieser Zeitspanne beginnt der Mann, sich seiner Frau zu nähern. Seine Werbung um ihre Gunst muss dabei durch zarteste Rücksichtnahme gekennzeichnet sein und in einem verschlossenen Raum zu nächtlicher Stunde vor sich gehen."

Sex ist heilig

Und was in diesem Raum schließlich vor sich ging, war für Inder jener Zeit nicht weniger als ein Heiligtum. Zwei Menschen, die sich einander öffnen, ihre Leidenschaften teilen, Vertrauen wachsen lassen und sich verbinden. "Sobald der Gipfel der Lust erreicht wird, verschwindet sowohl die innere als auch die äußere Welt." heißt es. "Der Mann und die Frau sind nicht länger separate Einheiten und sie verlieren sich in der Seligpreisung des Seins."

1700 Jahre später und in einer Gesellschaft, in der Sex käuflich ist oder sich in an jedem Abend in einer überfüllten Bar und mit angestrengten Nieren in kurzer Zeit realisieren lässt, scheint das Liebesspiel diesen Zauber verloren zu haben. Die Grenzen zwischen Verlangen und Enthaltung sind durchlässig, wer keine Geduld hat, sucht sich einen willigeren Partner. 

Wie viel Intimität braucht Kamasutra?

Die berühmten Sexstellungen, die im zweiten Band des Kamasutra erklärt werden, dürften mit einem Fremden ohnehin ziemlich herausfordernd werden. Wenn alle beteiligten Beine beim "Lotussitz" um die Rücken des jeweiligen Gegenüber verknotet sind, das Ikea Bett ächzt und der Schweiß langsam aber stetig von der Stirn perlt, wäre es doch schön, über ein "Wie geht's?" hinaus zu sein. Oder gerade nicht?

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