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Sexuelle Legende?: Mythos G-Punkt: Vom Suchen und Finden der Ekstase

Seit mehr als 60 Jahren ranken sich Legenden um den G-Punkt. Der deutsche Sexualforscher Ernst Gräfenberg war der erste, der ihn erforschte – zum Symbol der Ekstase wurde er erst Jahrzehnte später.  

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Der G-Punkt und seine Geschichte – um sie zu verstehen, müssen wir knapp 100 Jahre in der Zeit zurückreisen: In den 1920er Jahren leitete Dr. Ernst Gräfenberg, Sohn eines jüdischen Eisenwarenhändlers, eine erfolgreiche Gynäkologie-Praxis in Berlin und schrieb Forschungsberichte zum weiblichen Geschlechtsorgan und dem Orgasmus – Themen, die zu jener Zeit nur zögerlich an die Öffentlichkeit gelangten. Einen Namen machte er sich schon vor der "Entdeckung" des G-Punktes, indem er in den frühen 20er Jahren Ringe aus gedrehtem Silberdraht in die Vagina einsetze, um Schwangerschaften zu vermeiden. Heute heißt diese Methode Verhütungsspirale und ist gängige Praxis.

Gräfenberg stieg in seinem Feld rasch auf und leitete wenige Jahre später die gynäkologische Abteilung eines Berliner Krankenhauses, bis ihm das Amt 1933 aufgrund seines jüdischen Glaubens von den Nationalsozialisten entzogen wurde. 1937 folgte ein dreijähriger Aufenthalt im Zuchthaus, die dazugehörige Geldstrafe brachte ihn um sein gesamtes Vermögen. Mithilfe der US-amerikanischen Gründerin der weltweiten Geburtenkontrollbewegung, Margaret Sanger, gelang ihm die Einreise in die USA, wo er bis ins hohe Alter eine gynäkologische Privatpraxis in New York leitete. 

G-Punkt

Der G-Punkt: Besteht überhaupt noch die Notwendigkeit, seine Existenz nachzuweisen?

Getty Images

Die 80er im Zeichen des G-Punkts

In seinem amerikanischen Exil beschrieb Gräfenberg zum erstem Mal eine an der Vaginalwand gelegene erogene Zone, die sich viele Jahre später als "G-Punkt" in die populärwissenschaftliche Aufmerksamkeit drängen sollte. "Einige Untersucher der weiblichen Sexualität glauben, dass die meisten Frauen keine Erfahrung mit dem vaginalen Orgasmus haben, weil es keine Nerven in der Vaginalwand gibt", heißt es in seiner viel zitierten Arbeit im International Journal of Sexology von 1950. "Dieser Artikel hat, hoffe ich, zeigen können, dass die vordere Vaginalwand unterhalb der Urethra der Sitz einer ausgeprägten erogenen Zone ist und dass diese bei der Behandlung weiblicher sexueller Mangelzustände eine größere Bedeutung erhalten sollte."

In der Zeit seiner Entstehung fand Gräfenbergs Theorie nur wenig Beachtung. Forscher wie Alfred Kinsey hatten nach ihren groß angelegten Umfragen den inneren Bereich der Vagina als empfindungsarm beschrieben. Der G-Punkt wurde auch von den führenden US-Sexualwissenschaftlern William Masters und Virginia Johnson (die großartige US-Serie "Masters of Sex" erzählt ihre Geschichte) als "irrtümliches, wenn auch weit verbreitetes Konzept" abgetan. 

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Seine Renaissance feierte der G-Punkt in den 80ern, als die US-amerikanischen Sexualforscher John D. Perry und Beverly Whipple Forschungen zur weiblichen Ejakulation anstellten und dem ihr zu Grunde liegenden Areal im Gedenken an Gräfenberg den Namen "G-Spot" gaben. Perry und Whipple glaubten, den Auslöser, das "Triggerareal", für den vaginalen Orgasmus identifiziert zu haben – die Zeitungen stürzten sich mit Hingabe auf den wiederentdeckten Fund. 

Auf der Suche nach Ekstase

Seitdem hält sich ein hartnäckiger, zu keinem Ende kommender Diskurs über die Existenz und Nicht-Existenz des G-Punkts. Noch 2001 forschte ein Psychologe der New Yorker Pace University an dem Phänomen und kam zu dem Ergebnis, das die Beweislage zu schwach sei, um sein Vorhandensein wissenschaftlich zu belegen. Gräfenberg selbst kann seine Theorie nicht mehr bekräftigen, er ist wenige Jahre nach der Renaissance der erogenen Zone im Alter von 78 Jahren gestorben. 

Ein Problem der Studien zum G-Punkt: Sie beruhen auf Umfragen. Ein der größten Forschungsprojekte der vergangenen Jahre ist die Befragung von 1804 Zwillingen, die im "Journal of Sexual Medicine" veröffentlicht wurde. Nur 56 Prozent der Befragten gaben darin an, den G-Punkt zu kennen. Für die Forscher bedeutet das: Es gebe keine physiologische Basis für ihn. Was die Studie aber außer Acht lässt ist: Die Beschäftigung mit der eigenen Sexualität ist eine wichtige Voraussetzung dafür. Je jünger die Befragten waren, desto wahrscheinlicher war es, dass sie die erogene Zone kannten. Die Umfrage der Forscher zeigt zudem: Frauen, die um ihren G-Punkt wussten, hatten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit erfüllende Beziehungen und mehr Lust beim Sex.

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Fraglich ist also nicht unbedingt der Beweis, sondern seine Notwendigkeit. Frauen berichten seit Jahrzehnten von ekstatischen Erfahrungen mit der erogenen Zone, Tantra-Masseure wie Andrea Silwanus aus Saarbrücken oder Sex-Coach Yella Cremer aus Berlin geben Kurse, um den Bereich zu erforschen und sein Potenzial zu nutzen. In einem Interview mit NEON macht Cremer Paaren und Singles Mut, sich auf die Suche zu begeben – von Zweifeln an der Existenz des G-Punkts keine Spur. 

(Im Video ganz oben könnt ihr euch das Gespräch mit Sex-Coach Yella Cremer ansehen.)

Wo liegt der G-Punkt?

Im vordersten Drittel des inneren Bereichs der Vagina, bauchseitig, etwa fünf Zentimeter vom Scheideneingang entfernt soll er liegen. Wenn die Frau schon erregt ist, ist diese Stelle oft härter und etwas hervorgehoben. Bei den meisten Frauen ist der G-Punkt auch rauer als die übrige Scheidenwand. Silwanus und Cremer vergleichen die Oberfläche haptisch mit einer Walnuss. Gräfenberg selbst hat im Übrigen nie den Ausdruck "G-Spot", also "G-Punkt" bemüht. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um eine Fläche von mehreren Zentimetern Durchmesser handeln soll, scheint dieser Begriff auch nicht ganz passend. Also sprechen wir fortan lieber vom G-Areal. 

Und das kann durchaus anatomisch erklärt werden: Das G-Areal ist ein schwammartiges Drüsengewebe, das von feinen Kanälen durchzogen ist, darunter auch die Harnröhre. Das Geschlechtsorgan eines Embryos entwickelt sich erst ab der zehnten Woche in eine geschlechtsspezifische Richtung, das heißt wir bestehen aus den gleichen Anlagen. So bildet sich aus der gleichen kleinen Wölbung ab der zehnten Woche ein Penis oder eine Klitoris und im Inneren entsteht im männlichen Fall eine Prostata oder – wie seine Verteidiger sagen – das weibliche Pendant G-Areal oder die weibliche Prostata.

"Das Potenzial muss herausgearbeitet werden"

Es kommt nicht von ungefähr, dass Perry und Whipple die G-Punkt-Theorie wiederbelebten, als sie zur weiblichen Ejakulation forschten. Schon Gräfenberg bezeichnete die "Prostata feminina" als Drüsengewebe, das bei entsprechender sexueller Stimulation einen mehrschübigen, pulsierenden Ausstoß absondere – das weibliche Ejakulat. 

Wie auch die Klitoris sei das G-Areal in seiner Wahrnehmung für Frauen unterschiedlich intensiv, deshalb schwinge beim ersten Ertasten manchmal Enttäuschung mit, erklärt Tantra-Expertin Silwanus. Genauso verhielte es sich bei Männern, die einen "Katapult-Knopf ins Universum" erwarteten, hätten sie ihn erstmal bei ihrer Partnerin gefunden. Im Gegensatz zum klitoralen Orgasmus, der von Frauen als spitz, intensiv und zielorientiert beschrieben wird, soll die Stimulation des G-Areals ein warmes, weiches Gefühl auslösen, das sich im gesamten Beckenbereich ausbreitet. Die Tantra-Masseurin rät dazu, sich bei der Erkundung des G-Areals Zeit zu lassen. Oft sei die Erregung anfangs gering, würde sich dann aber steigern. „Das Potenzial des G-Punkts muss herausgearbeitet werden“, sagt sie.

Wie das gelingt, muss am Ende wohl noch jeder selbst herausfinden. Aber das Ergebnis könnte sich lohnen.

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