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Sexualforschung: 60 Jahre Kinsey-Report

Er hatte die "Wirkung einer Atombombe": Vor sechszig Jahren erschien "Das sexuelle Verhalten des Mannes", der erste Kinsey-Report. Die Forschungsergebnisse des Zoologen schockierten das prüde Amerika. Bis heute hat Kinsey nichts von seiner Faszination eingebüßt.

Sechzig Jahre ist es her, dass der US-Forscher Alfred Kinsey über das sexuelle Verhalten seiner Landsleute berichtete und dabei viele falsche Vorstellungen widerlegte. Kinsey selbst war noch weitgehend unbekannt, als er im Januar 1948 seinen ersten Report über "Das sexuelle Verhalten des Mannes" vorstellte. Es machte ihn, den Zoologen, über Nacht zu einem der bekanntesten Sexualforscher Amerikas. Fünf Jahre später ergänzte er sein Werk mit intimsten Details aus dem Sexleben der Frauen. Sein Postulat, dass Frauen zur Befriedigung mehr brauchen als nur einen "Quickie", sprach vielen Amerikanerinnen aus dem Herzen und wurde Auslöser einer neuen Feminismus-Welle.

Kinseys zweiter Report sprengte das Bild von der sexuell uninteressierten Amerikanerin, der keuschen Braut und treuen Gattin, die nur das Wohl ihrer Kinder im Sinn hat. Im Einzelnen fand er heraus, dass jede vierte Ehefrau in den USA es mit der Treue nicht allzu genau nimmt und weit über die Hälfte aller Bräute zwar in unschuldiges Weiß gehüllt ist, doch keineswegs unerfahren in die Ehe geht.

Der Schleier war gelüftet

Was heute niemanden mehr überrascht, hatte Anfang der 50er-Jahre nach dem Wortlaut damaliger Medienberichte noch die Wirkung einer "Atombombe". "Der Schleier war gelüftet", sagt der Sexualforscher John Bancroft, der heute das Kinsey-Institut in Bloomington im US-Bundesstaat Indiana leitet.

Das auf knapp 6000 Interviews mit weißen Amerikanerinnen basierende Buch "Das sexuelle Verhalten der Frau" machte US-Bürgern und der ganzen Welt klar, dass "Frauen viel sexueller waren als bis dahin geahnt und moralisch erwünscht". Es war ein Bestseller, der in zehn Sprachen übersetzt wurde. Kinsey räumte nicht nur mit Tabus auf. Er öffnete auch die Tür für offene Gespräche über Sex und bahnte populärwissenschaftlicheren Nachfolgerinnen wie Shere Hite und Ruth Westheimer den Weg. Kinseys aufklärender Blick hinter die Schlafzimmerkulissen machte ihn aber auch zum erklärten Feind der Konservativen und einflussreicher Frauenverbände. Sie bezichtigten Kinsey, Moral und Sitten aufs Gröbste zu verletzen, und strengten alles an, um weitere Veröffentlichungen von ihm zu verhindern.

Vom Insektenforscher zum Sexualaufklärer

1894 in Hoboken im US-Bundesstaat New York geboren, hatte sich Kinsey fast 20 Jahre dem Studium der Insekten gewidmet, ehe er 1938 begann, unter die Bettdecke seiner Mitmenschen zu schauen. Dabei wahrte er strikte Anonymität und verarbeitete die Offenbarungen von insgesamt 17.000 Männer und Frauen zu trockenen Statistiken.

Doch etliche Experten bezweifelten, dass sein Ergebnis für den großen Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung repräsentativ sei. Ganz besonders die Art seiner Fragestellung geriet unter Beschuss. Mediziner warfen ihm vor, zoologische Maßstäbe an Menschen anzulegen und die psychologischen Momente menschlicher Sexualität außer Acht zu lassen. Als Tierforscher fehle ihm die Qualifikation zur Beurteilung des sexuellen Verhaltens von Menschen, kritisierten sie ihn. Ungeachtet dessen hat der Autor der Kinsey-Reports nichts von seiner Faszination eingebüßt.

DPA / DPA
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