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Burn-out: "Herzlich willkommen in der Angstgruppe, liebe Sophie!"

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Für NEON schreibt unsere Autorin offen über ihr Burn-out. Heute berichtet sie von ihrer Gruppentherapie.

Von Sophie Blau

Einige Personen sitzen im Kreis im Rahmen einer Gruppentherapie zu Burn-out

In Behandlung, aber auf dem richtigen Weg: Sophie macht gute Erfahrungen in der Gruppentherapie.

Getty Images

"Hallo, ich bin die Sophie." Sieben Patienten und zwei Therapeuten sahen mich aufmerksam an. "Ich bin 27 und wegen Burnout, Depressionen und einer Angststörung hier." Ich war unglaublich nervös, als ich das sagte. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich in einer richtigen psychotherapeutischen Gruppe. Ich hatte wenig Ahnung, aber dafür viel Angst vor dem, was mich in diesen Gruppen erwartete. Erstmal jedoch wurde ich von den beiden Therapeutinnen und den anderen Gruppenteilnehmern freundlich aufgenommen: "Herzlich willkommen in der Burnout-Gruppe, liebe Frau Blau!"

"Ich fühlte mich wie in der Uni"

Eine knappe Woche zuvor war ich von der Psychiatrie in die Psychosomatik gewechselt. Nun lief das durchgetaktete Therapieprogramm schrittweise an. Die erste Gruppentherapie meines Lebens, die Burnout-Gruppe, begann schließlich haargenau so, wie ich mir das vorgestellt hatte: Stuhlkreis, Namen nennen, willkommen geheißen werden, freundliche und empathische Gruppenleitung. Das einzige, was mich von Anfang an etwas irritierte, war die Leinwand an der einen Wand. Nach der Eröffnungsmeditation händigte mir die Therapeutin dann auch noch einen dicken Schnellhefter aus. Ich fühlte mich wie in der Uni und was folgte, war dann tatsächlich fast schon eine Vorlesung: Mit Hilfe einer Präsentation klärte uns die Dozentin – hoppla, Therapeutin natürlich – über das Krankheitsbild Burnout auf. Einerseits war ich enttäuscht: Das war nun doch recht unspektakulär. Andererseits war ich heilfroh, dass nicht von mir erwartet wurde, vor wildfremden Menschen mein Innerstes nach außen zu kehren, Gruppenregeln hin oder her. Für meinen Einstieg in diese neue Therapiemethode hatte ich eine edukativ ausgerichtete Gruppe erwischt. Das bedeutete, dass wir Patienten umfassend über unser Krankheitsbild informiert, Auslöser erarbeitet und Tipps und Tricks für den Umgang vermittelt wurden.

"Ich war mindestens genauso neugierig wie skeptisch"

Gleich am nächsten Tag saß ich erneut in einem Stuhlkreis, in der Angstgruppe diesmal. Wieder stellte ich mich vor: "Hallo, ich bin die Sophie. Ich bin 27 und wegen Burnout, Depressionen und einer Angststörung da." Wieder war ich nervös und wieder wurde ich willkommen geheißen: "Schön, dass Sie hier sind, Sophie." Die Leinwand fehlte allerdings, ich bekam auch keinen Schnellhefter. Stattdessen wurde ich, wie jeder in der Runde, gefragt, ob ich denn ein Thema hätte. "Nein…?", antwortete ich. Ich wusste gar nicht, was ein "Thema" sein könnte.

Also setzte jemand anderes ein "Thema" für die Gruppe. Das bedeutete, lernte ich schnell, dass derjenige der Gruppe ein Problem darlegte, das er gerade im Rahmen der Therapie bearbeitete. Das reichte vom Umgang mit Angst vor dem Aufzugfahren bis hin zur Klärung von schwierigen Familienkonstellationen. Die gesamte Stunde beschäftigten wir uns als Gruppe gemeinsam mit ebendiesem Thema, suchten nach Lösungsansätzen, neuen Blickwinkeln und Handlungsalternativen. Manchmal diskutierten wir einfach, so, wie ich es aus Projektmeetings kannte.

Manchmal aber wurde eine spezielle therapeutische Methode angewandt, wie zum Beispiel das Erstellen einer Familienskulptur oder wir arbeiteten mit einem bestimmten therapeutischen Modell. Diese Art zu Arbeiten war mir vollkommen neu und ich war sehr skeptisch: Was, bitteschön, sollte es denn helfen, fremde Menschen vor sich aufzustellen, ihnen Namen und Sätze von Personen in einer Situation von vor zwanzig Jahren zuteilen? Ich war jedoch mindestens genauso neugierig wie skeptisch. Die Neugier überwog: Ich beschloss, mich, auf was auch immer in diesen Gruppen auf mich zukommen würde, einzulassen.

Schnell stellte ich fest: Dieser ganze Hokuspokus funktionierte. Und zwar nicht nur bei der Person, die gerade ihre Familienskulptur aufstellte, sondern auch bei mir – obwohl es gar nicht um meine Geschichte ging. Oft kämpfte ich mit ähnlichen Situationen. Dann tat es gut, festzustellen, dass ich diese Probleme nicht, wie gedacht, als Einzige hatte. Manchmal aber auch entdeckte ich, während ich gerade als Schwester in einer Familienskulptur stand, ein fehlendes Puzzleteil, das mir bisher gefehlt hatte.

Widerwillig öffnete ich mich also der Gruppe. Der Einstieg fiel mir sehr schwer.

Trotzdem hielt ich mich stundenlang elegant zurück. Ich fühlte mich sehr wohl in der Gruppe – aber ich konnte mich immer noch nicht überwinden, in dieser Runde mein Innerstes nach außen zu kehren. Als ich schließlich in der achten Gruppenstunde mal wieder erklärte, kein "Thema" zu haben, schritt die Therapeutin ein: "Ich bin mir ziemlich sicher, Frau Blau, dass Sie doch eines haben. Heute sind Sie dran." Widerwillig öffnete ich mich also der Gruppe. Der Einstieg fiel mir sehr schwer. Schließlich aber folgte ich gebannt der Diskussion, die sich um meine Fragestellung entwickelte. Und je länger ich das tat, desto besser fühlte ich mich: Da saßen acht Leute, die mich ernst nahmen. Die sich eine Stunde Zeit nahmen, um sich mit meinem Problem auseinanderzusetzen. Ich war wichtig! Und ich wurde gehört!

Am Ende der Stunde, ich konnte es kaum glauben, hatte ich für das Problem, das ich in meinem Kopf monatelang hin und her gewälzt hatte, von dem ich überzeugt gewesen war, dass es keine Lösung dafür gab, gleich drei Lösungsideen. Jeder in der Gruppe – der Manager, der Handwerker, die Frauen, die Männer, die Jüngeren, die Älteren – hatten einen ganz eigenen Blickwinkel auf mein Problem. Blickwinkel, die ich selbst in all diesen Monaten nie entdeckte hatte. Endlos hatte ich mir den Kopf zermartert – und dann kommen eine Studentin und ein Arbeitgebervertreter daher und präsentieren mir innerhalb von 30 Minuten zwei absolut umsetzbare Lösungsvorschläge. Ich konnte es kaum fassen: Nie hätte ich gedacht, dass diese Gruppentherapien so gut tun würden und so hilfreich sein konnten.

Lest hier den ersten Text von Sophie für NEON: Mein Leben lag in Scherben – dennoch war das Burn-out das Beste, was mir je passiert ist.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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