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Selbstwert: Handy-Besessenheit: Wenn die Sucht nach Bestätigung dich auffrisst

Warum schreibt er nicht? Warum guckt er nicht? Warum lacht er nicht? Unsere Community-Autorin weiß eigentlich, dass sie ihr Selbstwertgefühl nicht von anderen abhängig machen sollte - aber es passiert trotzdem.

Von NEON-Community-Autorin mimimiend

Oh nein, ich darf das nicht. Alle zehn Minuten auf mein starren, um zu schauen, ob du nicht doch schon geantwortet hast. Gestern um die Uhrzeit hattest du schon Feierabend und dich sofort gemeldet. Und das im Minutentakt. Jetzt herrscht da große Leere, nicht nur auf meinem Handydisplay, sondern auch in meinem Herzen.

Oh Gott, das hört sich wirklich übertrieben und bedauerlich an. Und doch entspricht es meiner Wahrnehmung der momentanen Situation sehr gut. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich etwas gesagt bekommen, was mir schon längst hätte klar sein müssen: "Mensch, du kannst doch dein Selbstwertgefühl nicht daran messen, wie dich irgendwelche fremden Männer anschauen oder eben nicht anschauen.“

Einsamkeit macht grausam

Stimmt. Hab' ich verstanden und tatsächlich selbst für großen Quatsch befunden.

Ich habe mir Szenen ins Gedächtnis gerufen, nach denen ich mich schlecht, unattraktiv und ungesehen gefühlt habe, weil ein Fremder an der Bar eben nicht hochgeschaut hat. Ich bin ständig auf der Suche nach Blicken, die an mir haften bleiben, als Maß dafür, wie gut mir mein Outfit steht, wie sympathisch ich lächle, wie weiblich und zugänglich ich wirke. Ist das eine ? Vielleicht ist es eine Art Besessenheit und Zwang.

Umso klarer mir alles wird und je öfter ich mich in ähnlichen Situationen ertappe, desto schlimmer wird es auch. Ich kann nicht abstellen, dass mein Selbstbewusstsein mit dem Augenaufschlag eines Anderen steht oder fällt. Und was passiert, wenn ich enttäuscht und wieder allein ins Bett falle? Etwas Schlimmes. Einsamkeit macht grausam, vor allem, wenn man selbst nichts von sich hält.

Das Fass ohne Boden

Und nun klammere ich mich an mein Handy. Und mit einer neu empfangenen Nachricht weiß ich, dass ich es wert bin, mit dir Kontakt zu haben, dass meine Nachrichten lesenswert sind, du meinen Humor verstehst, du mehr von mir wissen willst, weil ich ja eigentlich schon eine kluge und interessante junge Frau bin, wie mir meine Freunde immer versuchen, klarzumachen. Auch vom argentinischen Lieblingsautor habe ich doch letztens erst gelernt, dass nur ein Fachmann den wahren Wert von etwas bestimmen kann. Fremde Menschen wissen nicht um diesen Schatz.

Doch, oh nein: Das Display bleibt gähnend leer. Genauso leer wie mein Selbstwertkonto. Wie soll man jemals ein Fass füllen, wenn der Boden fehlt?

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