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Meinung

Instagram: "Spieglein, Spieglein in der Hand": So befreit uns Instagram vom ewigen Schamgefühl

Angeschnitten, verschwommen oder mit Blick auf den Boden: Lange war unserer Autorin fast jeder digitale Post peinlich, besonders Bilder von ihr selbst. Dann befreite sie ausgerechnet die Selbstdarstellungsapp Instagram von ihrem ewigen Schamgefühl.

Von Lena Steeg

Frau lächelt und schaut nach unten

Unser Autorin Lena Steeg ist neuerdings nichts mehr so richtig peinlich – und das liegt ausgerechnet an Instagram

Folgende Theorie ist nicht originell, aber höchstwahrscheinlich richtig: Schlaue Menschen schämen sich häufiger als nicht so schlaue. Dem stumpfen, ein bisschen blöden Menschen ist mehr egal als dem feingeistigen, sein Handeln ständig reflektierenden und die Gefühlsreaktionen seiner Mitmenschen abklopfenden. Nach dieser Definition von Schamgefühlausprägung bin ich neuerdings extrem dumm. Mir ist seit einigen Monaten eigentlich nichts mehr so richtig peinlich. Und das liegt ausgerechnet an Instagram.

Schlaue Menschen schämen sich häufiger als nicht so schlaue

"Dein Runtergucken auf Bildern" hatte ein Freund mal die typische Geste genannt, die ich mache, wenn ich fotografiert werde. Es existierten jahrelang praktisch keine Fotos von mir, auf denen ich direkt in die Kamera schaue, es gab mich Pixel auf Pixel immer nur angeschnitten, halb umgedreht, verschwommen oder eben nach unten schauend.

Und das nicht aus Versehen. Mein "Runtergucken auf Bildern" ist Ausdruck der Angst, blöd auszusehen, oder vielleicht hin und wieder nicht total blöd, dafür dann aber selbstgefällig. Beim Wegschauen grinse ich meist, man meint unter dem in die Kamera gestreckten Scheitel immer ein gut gelauntes, etwas schüchternes Kichern zu sehen. Dabei ist das Kichern in Wahrheit Verlegenheit, die sich vor eine weitere große Sorge schiebt: die Angst, dass die Scham von anderen als bloße Koketterie missverstanden werden könnte. Doch das ist wirklich so: Mir sind Fotos zu intim. Ich würde den Menschen, der mich fotografieren will, eher unvermittelt küssen, als Blickkontakt mit seiner Kamera zu halten.

"Bitte findet mich toll!"

Umso furchtbarer fand ich Instagram, das 2010 auf den Markt kam. Diese schreiende Selbstdarstellung, dieses unverblümte "Bitte finde mich toll!" schoss so brutal gegen alles, was ich immer als Feinheit und Zumutbarkeit von Selbstdarstellung begriffen hatte, es machte mich schier wahnsinnig. Während man sich bei Twitter und Facebook irgendwie über das zu definieren versucht, was aus dem Kopf herauskommt, witzige oder kritische Statusmeldungen, den Bezug zu einem besonderen Lied, eine abgetippte Interview- oder Buchpassage, ging es bei Instagram von Anfang an immer nur um den Kopf selbst. Bei welchem Friseur der Kopf gerade war. Das Essen, das der Kopf isst. Oder das hübsche Hotelzimmer, in dem der Kopf sich abends aufs Kissen bettet.

Selbst ein Dalai-Lama-Sinnspruch hebelt sich durch die Darreichungsform "Text im jpg-Format“ automatisch selbst aus. Es geht dann nur noch um die Ästhetik der Buchstaben. Instagram war für mich eher Menschen wie Kim Kardashian vorbehalten, die nicht den Anschein erwecken, ihre Umwelt irgendwie mit substanziellen Inhalten belästigen zu wollen.

Müssen wir es begründen, wenn wir ein Bild von uns hochladen?

Knapp zwei Jahre hielt sich mein spießig-elitäres Vorurteil, dass die App in ihrer Absicht zu eindeutig sei. Natürlich postete ich trotzdem mit, allein deshalb, weil dieses ganze Filtertheater so viel Spaß macht. Aber ich hielt mich, wie ich fand, einigermaßen elegant zurück. Ich lud hoch: Bilder vom Sylter Strand, eine Fotografie meiner Eltern als junges Paar, eine Aufnahme meines Wohnzimmers in der Morgensonne. Hin und wieder auch Bilder von mir selbst, die ich dann mit viel Schärfe- Unschärfe-Einstellungen bearbeitete.

Dass ich mich mit diesem Rumgeeier viel angestrengter und berechnender verhielt als all die gestylten Modebloggerinnen, wurde mir erst klar, als ich mich vor einigen Wochen dabei beobachtete, ein Bild posten zu wollen und es einfach nicht hinbekam. Auf dem Foto fand ich mich ganz hübsch und deshalb wollte ich, dass es die Leute sehen. So simpel ist es am Ende ja. Aber natürlich konnte ich die Aufnahme nicht einfach posten, das wäre peinlich gewesen. Ich hatte das Gefühl, diesen Vorgang irgendwie begründen zu müssen, formulierte also eine sehr krude, selbstironische Bildunterschrift, deren einzelne Passagen dann auch noch durch augenzwinkernde Drei-Punkt-Satzenden unterbrochen waren. Es wurde wirklich mit jedem Buchstaben furchtbarer und mir endgültig klar: Eine Selbstdarstellungsapp wie Instagram kann man nicht ironisch bedienen.

Je mehr Follower, desto größer die Verklemmtheit

Überhaupt, wo kam diese Verklemmtheit eigentlich her? In meiner Erinnerung hatte ich mich früher nicht so ausdauernd geschämt wie in den vergangenen Jahren. Und tatsächlich belegen wissenschaftliche Erkenntnisse eine Art Zeitstrahl der Verlegenheit. Etwa im Alter von zwei Jahren beginnen wir, Scham zu empfinden. Sie ist einer der Basisaffekte, die Menschen aller Kulturen entwickeln, und tritt immer dann zutage, wenn man hinter seinem Selbstbild zurücksteckt. Da das Selbstbild weitgehend dem Ideal entspricht, das man seiner Umwelt von sich zeigen möchte, feiert das Schamgefühl in der Pubertät Festwochen, weil man in dieser Zeit ja das Gefühl nicht loswird, dass alles, was man ist, so nicht richtig sein kann. Wenn man dann etwas älter wird, sieht man andere Menschen nackt, hört sie reden und begreift, dass auch sie nicht viel schöner oder klüger sind als man selbst, und schon geht es wieder besser, die Selbstzerfleischungstendenzen lassen nach, man wird gelassener.

Facebook und Twitter jedoch hatten über die Jahre diese Selbstgelassenheit wieder umgekehrt. Meine Verklemmtheit wuchs proportional zu meiner Follower-Liste. Auf beiden Plattformen häuften sich die Kontakte zu Menschen, deren Meinung mir wichtig ist, für die ich teilweise sogar arbeite. Irgendwann fing ich an, meine Pinnwand von den Peinlichkeiten der Vergangenheit zu säubern und Jahre zurückzuscrollen, um mein virtuelles Leben zu editieren.

Instagram macht jeden Nutzer automatisch zum Angeber

Jeder neue Post erschien mir wie eine Pressemitteilung, die ich für mich selbst herausgab und die also ernsthaft vorbereitet werden musste. Das ging so: den geplanten Post in der "Notizen"-App vorschreiben, den Text dann in die Statusmeldungsleiste bei Facebook kopieren, ihn dort noch einmal überarbeiten, dabei am Sinn der Mitteilung im Ganzen zweifeln, einen Screenshot machen, ihn einer Freundin schicken, sich mit ihr in einem mehrminütigen Whatsapp-Chat besprechen, den Text anschließend komplett löschen und damit eine Viertelstunde meines Lebens in den eben nicht nur virtuellen Mülleimer geworfen haben.

Mit Instagram verhielt es sich anders. Die App, die jeden Nutzer automatisch zum Angeber macht, weil es für einen Menschen, der nicht in der Öffentlichkeit steht, eigentlich keinen Grund gibt, einem Publikum private Einblicke zu gewähren, zersetzte mein Schamgefühl von innen. Sie sagte: Das hier ist eitel, aber es macht Spaß, und wenn du diesen Spaß zu ernst nimmst, ist das die viel größere Eitelkeit.

Auf Instagram wird Peinlichkeit zum Normalzustand

Instagram ist ein Nacktbadestrand, an dem der, der nichts postet, ein vollständig bekleideter Spanner ist, der die anderen beim Baden beobachtet. Dabei macht Mitschwimmen so viel Spaß, man muss nur einmal den Sprung wagen. Durch das regelmäßige, freizügige Posten passiert dann nämlich tatsächlich etwas Tolles: Man denkt einen Gedanken weniger, wenn man sich entscheidet, ob man ein Foto hochladen soll oder nicht. Und das entspannt.

Zwar würde ich nach wie vor kein Bild posten, auf dem ich mich schlecht getroffen fühle, und mein innerer Pressesprecher rät mir immer noch von Bikinifotos ab. Aber auch wenn das paradox klingt: Ich habe mittlerweile mehr Freude, dabei zu sein, als Angst, wie ich währenddessen aussehe. Instagram hat in mir die Messlatte für Scham schlicht dadurch verschoben, dass es die Peinlichkeit als Normalzustand konstatiert hat. Die App ist die vielleicht sozialste von allen, weil sie das tiefste Bedürfnis des Menschen anspricht, das er leugnen und reglementieren, von dem er sich aber nie freisprechen kann: Er will gesehen werden.

Dieser Artikel ist erstmals im September 2016 in der NEON erschienen.

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