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Meinung

Zur Schau gestellt: Instagram-Knirpse: Wenn Eltern ihre Kinder für Likes und unerfüllte Träume benutzen

Für den Erfolg auf Instagram müssen ihre Kinder herhalten: Was ist eigentlich los mit Menschen, die ihren Nachwuchs dermaßen instrumentalisieren?

Erst drei Jahre alt und schon Fashionista auf Instagram – zweifelhafter Dank an Mama

Erst drei Jahre alt und schon Fashionista auf Instagram – zweifelhafter Dank an Mama

Während man vor 50 Jahren noch einfach reich hätte heiraten können, gibt es inzwischen einen neuen vielversprechenden Lebensweg: Heute lautet der Traum-Job: "Influencer" auf Instagram. Zu deutsch heißt das so etwas wie: jemand, der Menschen beeinflusst.

Denn Influencer (nicht zu verwechseln mit "Influenza", Profi-Tipp) sehen dank Contouring-Gesicht und Microblading-Augenbrauen perfekt aus. Dazu bekommen sie prall gefüllte Päckchen mit tollen Produkten zugesendet – und reisen mit Ray-Ban-Sonnenbrille im Gesicht und Starbucks-Kaffee in der Hand um die halbe Welt. Und: Influencer werden für diesen Luxus auch noch bezahlt. The dream! 

Selbstdarstellung über alles

Um den "Beeinflussungs"-Traum wahrzumachen, muss man allerdings schon recht schmerzbefreit sein. Privat- und Intimsphäre müssen der ununterbrochenen Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken weichen. Anstrengend ist das! So muss sich ein Influencer ständig bei seiner Instagram-Community melden, am besten live oder in einer Story – immer top gestyled in den absolut banalsten Alltagssituationen. Die Follower beeinflussen sich ja nicht von selbst, da muss schon Input vom Beeinflusser kommen! Welche Lippenpflege nutzt der Beeinflusser? Wie bekämpft der Beeinflusser seinen Pickel auf der Nase? Ach, Beeinflusser sind so nahbar und haben diese Probleme, die auch mein Leben belasten – aber sie lösen diese mit Stil (und teuren Werbeprodukten). 

Influencer? Okay. Aber Influencer-Kinder?

Und vermutlich kann man darüber schmunzeln, vielleicht den Kopf schütteln. Aber so richtig verwerflich ist das nicht, wenn erwachsene Menschen ihr Geld mit Filter-Fotos, Werbepostings und Oberflächlichkeiten verdienen. Vielleicht ist das als Karriereweg sogar ein bisschen genial. 

Was nur leider gar nicht geht, ist wenn Erwachsene ihre Kinder als Influencer-Sprungbrett oder Instagram-Inhalt missbrauchen. Dass das überhaupt gesagt werden muss, ist alarmierend. Der Schutz der Kinder vor sozialen Netzwerken durch die Eltern sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein. Denn Kinder sind unmündig und können nicht selbst entscheiden, welche Konsequenzen eine derart öffentliche Darstellung haben kann. Eltern entscheiden für ihre Kinder und tragen die Verantwortung. Punkt. Und Influencer, die ihre Kinder vermarkten, nutzen die Kleinen damit aus – mit unberechenbaren Folgen. 

Es beschleicht einen das Gefühl: Das ist nicht richtig

Egal, wie süß die Fotos der Kinder sind: Beim Scrollen bekommt man ein ungutes Gefühl. Ein Gefühl, dass das nicht richtig ist. Auch eine Dreijährige ist ein Mensch. Dargestellt als Püppchen. Die Mutter muss "influencern" – und dafür stellt sie ihr Kind als "Mini-Fashionista", wie in der Profilbeschreibung zu lesen, in der Öffentlichkeit dar.

 Achtung der Menschenwürde? Ich weiß ja nicht. 

Kind wird zum Werkzeug für die unerfüllten Träume der Mutter

Solche Kanäle sind ein extremes Beispiel für ein bekanntes Problem: Die Mutter profiliert sich über ihr Kind. Sie spiegelt ihre einstigen unerfüllten Träume und Sehnsüchte in ihren Nachwuchs. Das eigene Kind wird zum Werkzeug für die Vorstellungen der Mutter. 

Das ist nun nichts Neues: Man denke an die Väter, die ihre Kinder nach der eigenen, geplatzten Fußballkarriere auf den Trainingsplatz jagen, bis die Kinder jeglichen Spaß am Sport verloren haben. Man denke an die Mütter, die einst schön und jung waren, und ihren Sprössling als Nachwuchs-Model auf den Laufsteg quälen. 

Wie soll das Kind eine eigene Persönlichkeit entwickeln ohne an irgendeinem Punkt mit der Mutter zu brechen? Sich ein einigermaßen normales Selbstbild erarbeiten, wenn sie während ihrer gesamten Kindheit entzerrt in der Öffentlichkeit dargestellt wird?

Kinder sind auf den Schutz durch die Eltern angewiesen

Mal ganz davon abgesehen, dass die ganze Welt Zugriff auf unzählige Fotos dieser Kinder hat, ohne, dass sie gefragt wurden. Kinder sind darauf angewiesen, dass ihre Eltern sie schützen. Das Image der kleinen perfekten Fashionista, des Modepüppchens: Es wird diesen Kindern für immer anhängen und sie auch noch begleiten, wenn sie älter sind. Stichwort Mobbing.

Natürlich versuchen Influencer ihre Postings so vorteilhaft wie irgendwie möglich zu gestalten. Die Kinder werden also nicht zwangsläufig in ein schlechtes Licht gerückt. Aber sie sind Teil der krankmachenden Social-Media-Illusion, die unsere Gesellschaft fest im Griff hat. Außerdem möchte man sich nicht vorstellen, wie viel Zeit für das Styling und Fotoshooting aufgewendet werden muss, bis das perfekte Foto entstanden ist und gepostet werden kann. In dieser Zeit hätte die Mutter mit ihrem Kind spielen können, spazieren gehen können oder mit ihm ein Buch anschauen können. Die Fotoshootings sind für das Kind doch womöglich kein Vergnügen, vielleicht sogar Stress. 

Da läuft doch etwas falsch, oder?

Natürlich kann das auch alles ganz harmlos gesehen werden. Es sind doch süße Bilder! Die Kleine sieht so happy aus! Und ich will auch nicht den moralischen Zeigefinger heben. Nur: Läuft nicht grundlegend etwas falsch, wenn Menschen Kinder bekommen, um sie für die Erreichung ihrer eigenen Lebensziele zu benutzen? Kinder stehen ihren Eltern nicht zur freien Verfügung. Just saying.

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