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Irgendwo irgendwann: Warum es falsch ist, dass wir immer unbedingt im Hier und Jetzt leben wollen

Wir sollen den Moment genießen, kommt ja so bald nicht wieder. Heißt es. Das ist aber kein guter Rat. Was als Entlastung gedacht war, macht nur Druck. Warum es so schön ist, zwischen gestern, morgen und überhaupt zu schweben.

Von Darja Keller

Warum es falsch ist, dass wir immer unbedingt im Hier und Jetzt leben wollen

Eine andere Zeit, ein anderes Leben ausprobieren - wer sich wegträumt, erlebt manchmal mehr

Oft lebe ich nicht im Moment, sondern gegen ihn. Ich wäre dann gern woanders, in einem Gestern oder einem Morgen. Ich gebe es zu.

Gemessen an dem, was heute so von einem erwartet wird, ist das ziemlich uncool. Schließlich sollen wir alle unser Bestes tun, um die Gegenwart auszusaugen, aufzusaugen. Wir müssen nicht nur im Moment leben, sondern den Moment leben, ihn selbst ausleben, aufleben, bis nichts mehr von ihm übrig ist. Dazu gibt es Bücher, Blogs, Youtube-Kanäle und Seminare. Die Hauptarbeit leistet aber unser Gewissen, das uns immer wieder zuflüstert: Genieß doch den Augenblick! Lebe dein Leben! Alles ist genau so, wie es sein sollte! Wehe, wir verfallen in Nostalgie, Sentimentalität, Zukunftsangst, Vorfreude. Heute ist heute. Einfach in den Tag hineinleben. Klingt geil, oder?

Wir wurden trainiert, nach vorne zu schauen

Ich verstehe schon, wie diese Idee entstanden ist. Im Laufe unseres Lebens wurden wir ja darauf trainiert, immer eifrig nach vorn zu schauen, unser in dem zu suchen, was über den Ist-Zustand hinausgeht. Das Beste steht uns immer noch bevor, wir arbeiten darauf hin und sparen darauf. Wenn wir uns ein bisschen anstrengen, ein bisschen ruhig sind, für die nächste Prüfung lernen, auf eine Lohnerhöhung warten und die teuren Cornflakes nur dann kaufen, wenn sie gerade im Angebot sind, dann werden wir bald die Schulden bei unseren Eltern abbezahlt haben und uns das WG-Zimmer im coolen Viertel leisten können. Bis dahin: noch etwas durchhalten.

Angesichts all dieser Vernunft klang es erst mal nach einer Erleichterung, sich nicht ständig mit der Vorbereitung des Glücks beschäftigen zu müssen, das dann irgendwann später eintritt. Inzwischen ist aber das, was als Entlastung gedacht war, selbst zum Muss geworden. Trampen nach Portugal, Städtetrip nach Warschau, dann tanzen gehen, hoffentlich jemanden aufreißen oder zumindest durchmachen bis sieben, endlich mal wieder, solange wir noch jung sind in den kleinen Gefäßen der Freizeit muss sich die Gegenwart konzentrieren, wir müssen uns in ihr konzentrieren, wir dürfen keine Sekunde auslassen. Darum trinken wir, wenn wir mal trinken, oft zu viel. Darum fängt auf jeder Party mindestens einer von unseren Freunden an zu heulen. Die Zeit reicht nicht, um sich wirklich zu entspannen.

In einem Leben, das auf Vertröstungen und Investitionen in bessere Zeiten beruht (oder auch: in das Verhindern von schlechteren), ist es fast unmöglich, am Wochenende plötzlich umzuschalten und völlig im Moment zu sein. Und gerade darum ist es so wichtig, dass wir die Momente zulassen, in denen wir gern woanders oder wer anders wären.

Während der Lernphase machten mein Freund Theo und ich eine Pause. Es war ein grauer Tag und wir legten uns auf der Uniterrasse auf den Steinboden; um uns herum ein paar Touristen, die versuchten, Fotos vom Bergpanorama zu machen, das hinter den Wolken lag. Theo und ich schlossen die Augen und stellten uns vor, woanders zu sein. In einer größeren Stadt, in einer wärmeren Stadt, als Zürich es ist. In einem Park, in dem wir lesen und uns über das Gelesene unterhalten würden. Abends würden wir uns indonesisches Essen in Einwegschachteln holen und dann tanzen gehen. Dabei würden wir beide mit Leuten flirten, aber mit niemandem nach Hause gehen. Am Erkerfenster unserer gemeinsamen Altbauwohnung würden wir gegen sechs Uhr morgens unsere letzte Zigarette rauchen.

Das Jetzt ist nicht immer zum Genießen da

Es kann also durchaus schön sein, einfach mal einen Fick auf die Gegenwart zu geben. Der gedankliche Verweis auf das Frühere und das Spätere oder das gar nicht erst zeitlich Verortbare kann uns kreativ machen und schweben lassen. Denn das Jetzt ist nicht immer da, um es zu genießen: Sehnen ist ein essenzieller Bestandteil des Lebendigseins und eine Überlebensstrategie, wenn es uns schlecht geht. Wenn wir nicht mehr zwischen Vergangenheit und Zukunft pendeln, verlieren wir auch das Gespür für das, was möglich wäre, und für das, was falsch ist. Das kann schmerzhaft sein: Es ist traurig, zu merken, dass sich der Mensch im Bett neben uns eben doch nicht so richtig anfühlt wie der, der da vor ein paar Monaten noch lag. Zu merken, dass das Bier am Samstagabend auch schon besser geschmeckt hat. Festzustellen, vielleicht etwas enttäuscht, etwas resigniert, dass wir das Glück gerade nur an einem Ort finden: in unserem Kopf, in der Erinnerung oder Vorfreude.

Gerade beim Feiern, wo sich alle Leute so sehr darum bemühen, den Moment zu genießen, kann dies verbindend sein: Wenn man sich draußen vor der Clubtür, in einer warmen Sommernacht, eingesteht, dass man sich nach dem letzten Sommer sehnt. Nach einer anderen Stadt, einem anderen Menschen. Oder gar: nach dem Winter. Es kann etwas Gutes sein, sich gemeinsam darüber auszutauschen, dass es gerade schwerfällt, den Moment zu genießen.

In der Provinzstadt, aus der ich komme, fand im Sommer ein zehntägiges Fest statt; die Stadt ist während dieser Zeit immer wie verwandelt, ein Märchenland aus Bars, Konzertbühnen, Aussichtsterrassen auf Holzgestellen, Kunstinstallationen. Das Fest gibt es nur alle zehn Jahre. Ich sitze mit meinen Freunden in einer Bar am Fluss, wir heben unsere Plastikbecher, stoßen an. Mein Freund Ben sagt: Beim nächsten Mal sind wir über dreißig. Wir lachen und spülen den Gedanken mit Bier runter.

Kurzzeitig hatte ich mir überlegt, gar nicht hinzugehen: ein Fest in dieser kleinen Stadt, so viele alte Schulkameraden, Lehrerinnen, Verwandte, so viel Vergangenheit in konzentrierter Form. Ein Fest, das alle zehn Jahre stattfindet, so ein großer Druck, Spaß zu haben. Vor allem aber erinnerte ich mich an andere Feste, kleinere, in dieser Stadt, in der alle alle kennen, Abschlussfeste, Hauspartys, Abende, an denen wir tanzen gingen. Und ich erinnerte mich an die Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass sich gerade etwas Großes veränderte, dass wir uns veränderten und bald nicht mehr da sein würden, bald alle in größeren Städten wohnen und erwachsen werden würden, und ich erinnerte mich daran, wie andere diese Momente genießen konnten und ich nicht. Wie ich das Gefühl hatte, dieses Konzept des Loslassens, des Im-Moment-Seins auf einer Party, nicht richtig verstanden zu haben, weil ich immer woanders war in meinem Kopf. Ich ging dann aber trotzdem hin, dachte mir: Das ist ja lange her.

Wir sind also auf dem Fest, ziehen von Bar zu Bar und bleiben alle fünf Minuten stehen, weil irgendjemand jemanden begrüßen, drücken oder suchen möchte. Oder einfach, weil wir gerade genug Platz zum Stehen haben. Ich trinke und rede zunehmend euphorisch mit meinen Freunden, mit alten Bekannten, mit allen, die ich in den letzten zehn Jahren kennengelernt habe. Zwischen den Gesprächen nehme ich die Stadt wahr, den Fluss, die Altstadthäuser, die Lichterketten, den Graben unter der großen Brücke. Ich werde etwas wehmütig, denke daran, dass die Stadt früher einmal so groß war für mich; dass sie die erste, wenn auch kleine Stadt war, in der ich abends tanzen ging, mit Freunden an Straßenecken herumstand und Verabredungen hatte. Und irgendwann ist es vier, ich muss am nächsten Tag zur Arbeit, mein Freund Dominic reicht sein Bier an mich weiter. Wir tanzen in einem Club unter der Brücke, es läuft irgendein schlechter „Supergirl“-Remix. Ich möchte nicht nach Hause gehen und mich auch nicht woanders hindenken.

Gerade ist alles ganz in Ordnung

Denn wenn ich mich erinnere an früher: der erste Kuss, der erste Wodka Orange, die erste Parisienne dann denke ich: Lieber nicht. Gerade ist alles ganz in Ordnung.

Ist all die Gegenwartseuphorie also doch gerechtfertigt? In diesem Moment, dort unter der Brücke, habe ich sie gespürt. Es war großartig.

Vielleicht war es auf diesem Fest aber gerade die Überlagerung von Zeitebenen, die den Moment so intensiv machte. Dass Zeit nicht auf eine Weise richtig erlebt werden kann, dass sie sich nicht einseitig durch einen Gegenwarts- oder Vergangenheitsfilter betrachten lassen kann, war mir natürlich klar doch an diesem Abend erlebte ich Zeit auf neue Weise, denn alles war so präsent: das Gewesene sowieso, aber auch das, was noch kommen würde, weit weg von dieser kleinen Stadt. Die unterschiedlichen Zeiten verdrängten einander nicht, sondern sie flossen ineinander, sie griffen aufeinander über, und daraus ergab sich ein Konzentrat, eine neue Zeit. Eine vielschichtigere Zeit. Und das fühlte sich wirklich gut an.

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