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Neuer Trend: Warum junge, erfolgreiche Frauen plötzlich so esoterisch werden

Wir legen plötzlich Tarotkarten, glauben an das "Gesetz der Anziehung" und "manifestieren" wie blöd unsere Wünsche ans Leben. Wir tätowieren uns Monde auf den Körper und glauben, dass es etwas Besonderes ist, wenn die Uhr 11:11 anzeigt. Was ist los mit uns?

Plötzlich finden wir Chakras, Horoskope und Tarotkarten wieder toll

Die erfolgreiche YouTuberin Kalyn Nicholson mit Chakra-Räucherstäbchen.

Woran denkt ihr, wenn ich euch von Tarot-Karten, Kristallen, Salzlampen und Horoskopen erzähle? Richtig, an runde bis sehr runde Frauen jenseits der Menopause, mit auberginenrot gefärbten Haare und regelmäßigen Shows im Homeshopping-Fernsehen. Ging mir auch so. Bis ich mit großer Überraschung festgestellt habe, dass die Esoterik eine neue Zielgruppe gefunden hat. Eine junge, hippe Zielgruppe.

Auf verschlungenen Wegen haben sich zweifelhafte Hobbys dieser Art bis in die Blogs, Instagram- und YouTube-Kanäle junger, attraktiver Mädels mit großer Follower-Zahl vorgekämpft. Und was allen, die etwas älter als 25 und etwas jünger als 55 sind, völlig absurd vorkommt, scheint für eine neue Generation gar nicht mal so unsexy zu sein.

Irgendwie gab mir diese Entwicklung zu denken. Denn es war ein relativ geradliniger Weg bis zum täglichen Horoskope lesen: Zuerst haben wir gelernt, wie wir erfolgreich in Uni und Job werden. Wir motivierten uns, lasen schlaue Bücher und lernten wie wild. Danach wurden wir plötzlich alle sportlich und fitness-begeistert – schließlich ist muskulös das neue dünn, ne? Wir ließen uns in den sozialen Medien von attraktiven jungen Frauen ihre Trainings-Routinen und Spinat-Smoothies präsentieren und versuchten ungelenk, ihnen nachzueifern.

Erfolgreich, attraktiv, gesund?

Apropos Spinat-Smoothies: Clean Eating und veganer Lifestyle waren das nächste. Immer besser, moralischer und gesünder wollten wir werden, immer schöner und erfolgreicher, immer mehr die Kontrolle über jeden Aspekt unseres Lebens und unseres Körpers haben. Wenn wir es ganz besonders ernst meinten, verzichteten wir fortan auch auf Plastikmüll und Fast Fashion. Wir lehnten in Kneipen die Strohhalme im Gin Tonic ab und putzten unsere Küchen mit selbstgemachtem Essigwasser.

Apropos Ablehnung: Verzicht war das Nächste. Alles musste raus. Wir folgten auf YouTube Minimalismus-Gurus und lasen die Bücher von Marie Kondo, dann misteten wir unsere Wohnungen aus, bis sie zumindest ein bisschen so weiß und leer aussahen wie die Zen-Buden auf Instagram. Wir verteufelten übermäßigen Konsum und waren überzeugt, dass nur Leere wirklich glücklich macht. Wir lasen über die "Capsule Wardrobe" und hegten Groll gegen jeden, der uns zu Partys unnötige Gastgeschenke mitbrachte. Je weniger wir besaßen, desto besser.

Wir warfen auch unser Make-up weg. Skin Care ist ja das neue Schminken, ne? Wir kauften uns Säuren, Essenzen und Tuchmasken, verbrachten fortan morgens und abends eine halbe Stunde im Bad allein damit, die koreanische Zehn-Schritte-Methode durchzuziehen. Weil Hautpflege ja auch Selbstpflege ist, natürlich, nicht aus Eitelkeit. Wer es mit der Hautpflege ernst nimmt, braucht dann auch kein Make-up. So zumindest die Theorie. Schmink-Tutorials auf YouTube? Herrje, so 2017 ...

Aber es reichte nicht. Wir waren so gut, wir gaben uns so viel Mühe, aber es reichte nicht. Wir machten immer noch nicht alles richtig. Wir waren immer noch nicht gut genug. Wir waren immer noch nicht angekommen, immer noch nicht zufrieden, immer noch nicht – glücklich.

Also begannen wir, uns um unsere Emotionen zu kümmern. Stichwort Selfcare. Wir schrieben Dankbarkeits-Tagebücher, meditierten, begannen unseren Alltag minutiös zu planen, um den täglichen Stress im Zaum zu halten. Wir begannen zu glauben, dass schlechte Laune daran liegt, dass wir einen Fehler gemacht haben müssen – nicht dankbar genug gewesen, im Bullet Journal geschludert, echte Kuhmilch in den Kaffee gegeben. Wir lehnen Bitten um Hilfe aus unserem Bekanntenkreis ab, mit der Begründung, dass uns solche toxischen Beziehungen die positive Energie versauen würden und wir uns gerade mehr um uns selber kümmern müssen.

Selfcare als eine Art letzte Rettung

Zusammengefasst: Wir arbeiten jetzt wie die Tiere, machen Sport, essen ausschließlich gesund, meditieren und planen und schreiben Tagebuch und versuchen, adrett auszusehen und mit unserem Lebensstil die Erde zu retten.

Aber sind wir JETZT endlich glücklich?

Nein.

Und selbst wir sehen langsam ein, dass wir nicht mehr viel machen können, um uns endlich zufrieden und ausgefüllt zu fühlen. Und da gibt es dann wohl nur noch eines: Höhere Mächte müssen ran. Hat im Mittelalter schon gut funktioniert, da nannte man das einfach Religion. Für eine nicht unerhebliche Menge an Menschen ist das heute noch aktuell. Aber für uns ist das nicht das richtige. Wir brauchen etwas individuelleres – wie immer. Wir glauben, dass "das Universum" für uns einen ganz speziellen Plan hat.

Also machen wir plötzlich eine Industrie glücklich, die sich vermutlich schon selbst abgeschrieben hatte. Wir kaufen Tarot-Karten, Sternzeichen-Bettwäsche, Kristalle mit besonderen Bedeutungen, Mondwasser und ätherische Öle. Wir glauben an Chakras und Karma. Wir glauben an das "Gesetz der Anziehung" und "manifestieren" jetzt wie blöd unsere Wünsche ans Leben. Wir tätowieren uns Monde auf den Körper und glauben, dass es etwas Besonderes ist, wenn die Uhr 11:11 anzeigt.

Eine höhere Macht muss ran

Dass wir einfach versuchen sollten, die Ansprüche an uns selbst mal radikal herunterzuschrauben, dieses Streben nach Perfektion sein zu lassen, das wäre vermutlich zu unsexy. Dabei ist genau das vermutlich der Weg, endlich einmal entspannt und okay mit sich und der Welt zu sein. Zu wissen, dass es okay ist, auch mal zu viel Pfeffi zu trinken und Pommes mit Mayo zu essen. Dass man ein guter Mensch sein kann, ohne immer alles richtig zu machen. Dass wir uns Zeit schaffen müssen – nicht, um unbedingt Yoga zu machen, sondern um einfach mal Spaß zu haben. Oder gar nichts zu machen – stumpf auf der Couch zu liegen und dümmliches Fernsehen zu gucken. Einfach sein.

Wollen wir ausmachen, dass ihr das mal versucht, wenn ihr euch auch nach einem Monat Tarotkartenlegen nicht besser fühlt?

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