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Feiern zu jedem Anlass #DirtyThirty: Wieso wir heute erst recht alle Feste feiern sollten, wie sie fallen

#DirtyThirty: Wieso wir heute erst recht alle Feste feiern sollten, wie sie fallen
"Ich finde, wir sollten jeden Anlass wahrnehmen, der sich bietet, um ausgelassen zu feiern; uns, unser Leben und unsere Lieben zu zelebrieren."
© ViewApart/Getty Images
Unsere Autorin wurde gerade 30 Jahre alt und hat das aufwendig zelebriert. Bis zur nächsten großen Feier will sie aber nicht zehn Jahre warten müssen.
Von Refinery29-Autorin Maren Aline Merken

Als meine Eltern geheiratet haben, da haben sie im Garten im kleinen Kreis gefeiert. Auf dem Standesamt trug meine Mutter ein selbstgenähtes Kostüm und auf den Bildern der Feier sieht man meinen blutjungen Vater in einem legeren Jeanshemd. Sicherlich, weil ihnen ein bisschen das nötige Kleingeld fehlte.

Größere Feiern gab es zu meinem 18., zum 50. meiner Mutter oder auch zur Goldhochzeit meiner Großeltern. Wir waren immer alle gern unter Leuten, aber irgendwie wurde das gar nicht thematisiert, Anlässe zu zelebrieren, als gäbe es keinen Morgen mehr – dabei macht das so unfassbaren Spaß.

Es geht vor allem darum, lieben Menschen eine Freude zu machen

In den letzten Jahren bekommt man immer mehr mit, wie auch "unwichtigere Anlässe" immer größer gefeiert werden: Zu den Geburtstagen versucht man sich zu übertreffen. Jeder schmückt mit auffallenden Heliumluftballons und Lampions, Geschenke werden teurer, kreativer, aufwendiger und Überraschungsparties sind wieder voll im Trend. Wir feiern nicht nur Hochzeiten komplett durchgestylt und im perfekten Instagram-Look, sondern auch Taufen, Verlobungen, Junggesellenabschiede, Babyparties, Jubiläen und Geburtstage, egal ob es der 25., der 30. oder der 31. ist. Die Generation meiner Eltern hat Schwierigkeiten sich damit abzufinden, dass Junggesellenabschiede sich mittlerweile zu ganzen Wochenenden im Ausland ausweiten und dass Geburtstage heute nicht mehr ohne Printeinladungen, Profi-Deko und Fotografen auskommen. Viele finden das übertrieben; zu teuer, zu aufwendig, unnötig. Nichts da!

Wir inszenieren uns plötzlich, auch, weil unser Leben so transparent ist und wir Feierlichkeiten über soziale Medien und umfangreiches Bildmaterial nach außen spiegeln. Dabei geht es aber nicht nur darum zu zeigen, dass ich die beste Party geschmissen habe, mein Geschenk das Teuerste war oder die Tischdeko bei unserer Babyparty aussah, wie aus dem Katalog, sie aber in elendiger Handarbeit selbst gebastelt war. Es geht vor allem darum, lieben Menschen eine Freude zu machen. Und darum Erinnerungen zu schaffen, die wir ein Leben lang nicht vergessen werden.

Heute, in einer Zeit, in der unsere Generation unfassbar stressige Jobs hat, in denen Beruf und Verpflichtungen immens viel Zeit einnehmen, wir zwischen unterschiedlichen Städten pendeln und lange nicht mehr in der Stadt wohnen, in der unsere Schul- und Studienfreunde zum Teil noch zugegen sind, sollten wir die Feste feiern, wie sie fallen. Mehr noch: Ich finde, wir sollten jeden Anlass wahrnehmen, der sich bietet, um ausgelassen zu feiern; uns, unser Leben und unsere Lieben zu zelebrieren.

Als ich zuletzt mit meiner guten Bekannten Jenny beim Kaffee zusammensaß, haben wir genau über das Thema gesprochen. Jenny ist Stylistin, eine wirklich talentierte noch dazu, und hat damit das Gen für guten Geschmack in sich – das sieht man nicht nur in ihrer Wohnung oder an ihrem Instagram-Account, sondern auch an ihren Feiern. Dementsprechend wunderschön hat sie auch ihre Hochzeit inszeniert, die für Ausstehende vielleicht fast ein wenig zu durchdacht wirkte, für sie und ihren Mann aber der schönste Tag der vergangen Jahre war. Da saßen wir also und sprachen darüber, dass ihr Mann im nächsten Jahr 40 wird und ich meinte, da müsse sie ja dann richtig kreativ werden. Bin ich eigentlich dieses Mal schon, war die Antwort, und im Gespräch erinnerte ich mich an die Bilder des komplett geschmückten Parks, den sie zum "unbedeutenden" Irgendwas-mit-30-Geburtstag von Timo hergerichtet hatte. Der Anlass sei doch eigentlich egal, sagte sie, man würde seine Lieblingsmenschen in der heutigen Zeit so wenig zu Gesicht bekommen, dass jeder Anlass wahrzunehmen sei.

Ich musste schmunzeln, denn das sehe ich ganz genauso. Mir ist es egal ob ich zur Taufe der Tochter meiner Freundin 570 km fahren muss oder 200 Euro ausgeben muss, damit ich für zwölf Stunden heimfliegen kann, um den Geburtstag meiner Mutter mitzuerleben. Ich habe selten gehört, dass jemand es bereut hat, für so etwas weit zu fahren oder viel Geld auszugeben. Vor allem haben ich Menschen erlebt, die es bereuten, dass sie Personen zu selten gesehen haben oder sich zu wenig Zeit genommen haben.

Als es vorbei war, war ich traurig, dass die nächste Null noch zehn Jahre hin ist

Als ich 30 geworden bin, hat der ein oder andere gelacht, weil ich meinen Geburtstag dreimal feierte: Einmal in Afrika mit meinem Liebsten, einmal mit meiner Familie in einem Restaurant in meiner Heimatstadt Düsseldorf und dann in einer Villa in Sitges, in der Nähe von Barcelona. Klar hat mich das eine Menge Geld gekostet und klar frage ich mich manchmal, wieso ich nicht auch häufiger zu so etwas eingeladen werde. Freunde schrecken dann tendenziell wohl doch vor Aufwand oder Kosten zurück. Aber mir war es wichtig, meine Freunde, die in unterschiedlichen Städten wohnen, an einen Tisch zu bekommen. Ich wollte ein Wochenende im Kreise meiner Liebsten, an dem man einfach mal an gar nichts anderes denkt. Nicht an den Stress im Job, an Probleme zu Hause oder andere alltägliche Dinge, die einen mehr oder minder belasten. Es hat sich gelohnt. Ich wollte ein Wochenende, dass mir für immer in Erinnerung bleiben wird und an das auch meine Freunde sich gern erinnern. Und das war es für mich. Als es vorbei war, war ich traurig, dass die nächste Null noch zehn Jahre hin ist. Gespräche, wie das mit Jenny, haben mir klar gemacht: Der Anlass muss kein runder Geburtstag sein. Es kann auch der 31. sein, ein ausgiebiges Sommerfest oder ein Weihnachtsessen im Kreise der Lieben.

Mit Wackelpudding gefüllte Melone

Ich verstehe dennoch auch Menschen, die sagen, dass sei ihnen zu etwa viel Geld dafür. Man kann auch kleiner und günstiger feiern und sich so eine schöne Erinnerung schaffen. Ich finde, Geld ist relativ. Erinnerungen kann uns hingegen niemand nehmen. Ich liebe den Gedanken daran, dass ich auch in Zukunft tolle Feste mit meinen Liebsten feiern werde. Ich bewundere jeden, der aus seiner Hochzeit, seinem Geburtstag oder der Taufe des eigenen Kindes ein wunderschönes Event macht, mit toller Deko, Musik zum Verlieben und kleinen Besonderheiten, die für immer unvergessen bleiben. Und bitte Leute, verbreitet das ruhig bei Instagram, Facebook oder sonst wo. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, dass sich jemand Gedanken gemacht hat. Zelebriert das Leben in jeder Art und Weise!

Wir leben nun mal in einer Welt, in der Ästhetik vielen wichtig ist, aber im Kern ist es dann eben doch etwas anderes, das zählt: Dass wir zusammenkommen, Erinnerungen schaffen, Zeit miteinander verbringen, die uns zusammenschweißt und zeigt – auch wenn wir uns nur zwei, drei oder auch viermal im Jahr sehen – sind wir Freunde, die sich Zeit nehmen für einander. Die im Notfall bis nach Spanien fliegen, um gemeinsam Geburtstag zu feiern.

Vor kurzem habe ich als nachträgliches Geburtstagsgeschenk von meinen Freunden Ninu und Savo, die zusammen als Ashirov Martic unter anderem als Fotografen arbeiten, die Bilder meiner Feier bekommen. Wenn ich sie anschaue, weiß ich: Wir alle sollten Feste feiern, wie sie fallen. Nichts ist so wertvoll, wie die Zeit mit Menschen zu verbringen, die wir lieben. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zur 31.


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