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"Für immer und Amy" Die gnadenlose Selbstrezension - unser Autor verreißt sein eigenes Buch

Aufmacherfoto "Für immer und Amy"
"Für immer und Amy" von Tim Sohr in einem Buchladen in Hamburg: "Nein, nein, nein, nein!"
© Tim Sohr
Bist du selbst dein größter Kritiker? Dann geht es dir wie NEON-Autor Tim Sohr, dessen zweiter Roman "Für immer und Amy" jetzt erscheint. Eine ganz persönliche Buchkritik.

Um es mit Marcel Reich-Ranicki zu sagen: "Nein, nein, nein, nein!" – viel mehr fällt mir zu "Für immer und Amy" von Tim Sohr wirklich nicht ein. Auch wenn sich der große Kritiker zu Lebzeiten niemals mit einem Roman wie diesem befasst hätte – zu trivial diese Literatur, die eigentlich nicht als solche zu bezeichnen ist, sondern bestenfalls als Unterhaltung. Wenn man sich von diesem Geschreibsel denn unterhalten fühlen kann.

"Für immer und Amy" soll eine Liebesgeschichte sein. Weil es "ehrliche und unkitschige Liebesgeschichten" in der deutschen Gegenwartsliteratur kaum gebe, findet Tim Sohr. Sein schnoddriger Ansatz mag ehrenwert sein, allein an der Umsetzung hapert es: Der Protagonist Flemming Hansen beschwert sich, dass ihn alle für ein Arschloch halten, aber triftige Gegenargumente liefert er uns mit seinem Verhalten trotzdem nicht; die einzelnen Kapitel springen so wild zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, bis es bloß noch verwirrt; und für eine lockere Urlaubslektüre, die das Buch in Aufmachung und Anpreisung vorgibt zu sein, will "Amy" leider viel zu ernst und nachdenklich sein.

Schöne Zitate, die das Scheitern unterstreichen

Immerhin werden hier die richtigen Assoziationen geweckt: Der Buchtitel will an "Für immer und dich" von Rio Reiser erinnern; Flemming Hansen gibt eine Art Hank Moody aus Hamburg; Songzeilen von Springsteen und anderen üblichen Verdächtigen dienen tatsächlich dem Ton des Romans. Schöne Zitate, mit denen Sohr sein Scheitern allerdings nur unterstreicht – schließlich fordern die Verweise auf die Guten dummerweise immer den Vergleich heraus. Das hat dem Autor aber offenbar niemand gesagt.

Der 36-Jährige scheint mit jedem Werk krampfhaft etwas Neues machen zu wollen: Sein episodenhafter Erstling "Woanders is' auch scheiße" war noch ein rauer Ruhrgebietsroman, in dem die Romantik nur auf dem Fußballplatz stattfand. Der Nachfolger bewegt sich schon allein deshalb auf anderem Terrain, weil er eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Wow. Aber mal im Ernst: Reicht dieser Aspekt ernsthaft schon als Argument für eine Weiterentwicklung?

Cover "Für immer und Amy"
Tim Sohr: "Für immer und Amy", Ullstein, 320 Seiten, 9,99 Euro
© Ullstein

Nein, nein, nein, nein!

Angeblich denkt Sohr darüber nach, als nächstes einen Horror-Thriller zu schreiben. Gewohnt überambitioniert für diesen Autor, auf dessen Instagram-Account im Klappentext verwiesen wird: Er wolle der "größte männliche Instagram-Star der Welt" werden. Das ist natürlich ironisch gemeint, wie auch der ganze Account, der wie eine Persiflage auf gängige Künstlerseiten in sozialen Netzwerken daherkommt - seine Followerschaft dürfte sich deshalb auch zu mindestens 95 Prozent aus seinem Freundeskreis zusammensetzen. Aber Ironie funktioniert niedergeschrieben fast nie, und vielleicht sollte Sohr sich in Zukunft tatsächlich verstärkt auf soziales Netzwerken konzentrieren. Das Aneinanderreihen von Hashtags liegt mir, Verzeihung, liegt ihm jedenfalls deutlich besser als das Formulieren zusammenhängender Sätze.

Der berühmt-berüchtigte zweite Roman

Eines aber muss man Sohr lassen: In Interviews und auf seinen Autorenseiten lässt er keine Möglichkeit aus, sein eigenes Buch abzufeiern. Für den berühmt-berüchtigten zweiten Roman, der ja angeblich immer der schwerste sein soll, ist das fast erfrischend. Nichts ist schließlich peinlicher als nach billigen Komplimenten fischende Schriftsteller, die schlecht über das eigene Werk sprechen, nur weil sie gerne das Gegenteil hören würden.


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