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Generationsproblem Handy Warum sich junge Menschen in Bars nur noch anschweigen

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Egal ob in Bars oder Restaurants, wir reden weniger miteinander. Wir hängen nur am Handy. Auch wenn wir mit unseren Freunden unterwegs sind. Das ist ein großes Problem – doch warum? Das verrät Sozialpsychologe Ulrich Wagner.

Mittwochabend. Ende September. Eine Shisha-Bar in Hamburg-Wandsbek. In der Luft liegt ein von Rauch geprägter Minz-Duft. Überall im Raum verteilt sitzen junge Erwachsene. In der Regel so Männer und Frauen zwischen 19 und 30. Jeder von ihnen sitzt um eine Shisha herum. Ab und zu wird der Schlauch der Wasserpfeife an den Sitzpartner weitergegeben, damit die- oder derjenige auch einmal rauchen kann.

Durch die Boxen schallt Musik. Hip-Hop. Das neue Album des Rappers RIN. Manche bewegen den Kopf im Takt der Musik oder rappen ein paar Verse der Songs mit. Ansonsten ist es aber vor allem eines: still.

Keine der anwesenden Gruppen führt auch im Ansatz ein Gespräch. Stattdessen gucken die meisten auf ihr Smartphone: Schreiben bei Whatsapp, füllen ihre Snapchat- oder Instagram-Story oder jodeln etwas. Und man fragt sich: Warum reden die nicht miteinander? Sind die sozialen Medien Schuld, dass junge Menschen nicht einmal ein Gespräch führen können, ohne alles mit dem Smartphone festzuhalten?

Es ist keine Situation mit Seltenheitscharakter. Unser Alltag ist immer mehr geprägt von Momenten, in denen wir immer mehr zum Smartphone greifen: beim Essen in der Kantine oder Mensa, in der Sportumkleide im Fitnessstudio, in der Bahn, im Bus, bei Konzerten. Die Verweildauer, also wie lange wir am Tag vor unseren Handys hängen, nimmt jährlich zu. "Das Problem dabei ist, dass wir durch unseren Wunsch dauerhaft online sein zu wollen, ständig online sein müssen. Im Umkehrschluss heißt das, dass wir weniger Zeit haben, uns richtig zu unterhalten", sagt Ulrich Wagner. Er ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg.

Generationsproblem Handy: Warum sich junge Menschen in Bars nur noch anschweigen

Donald Trump ist ein Beispiel für die Reduzierung von Kommunikation

Natürlich erleichtert das Handy in vielen Bereichen unseres Lebens unseren Alltag. Wir sind im Ausland im Urlaub und schicken unseren Freunden und der Familie ein Foto. Das geht schneller, als eine Postkarte zu verschicken. Oder wenn wir uns mit Freunden an bestimmten Orten treffen wollen, dann können wir besser kommunizieren, dass wir beispielsweise etwas später kommen oder unseren genauen Standort schicken, damit die- oder derjenige nicht erst stundelang nach uns Ausschau halten muss. Das findet auch Wagner: "Nur verlieren offene, kreative  Gespräche immer mehr an Komplexität durch das dauerhafte Kommunizieren in den sozialen Netzwerken. Das beste Beispiel ist doch Donald Trump. Wenn der etwas twittert, reduziert er Politik auf 140 Zeichen."

Das sei laut dem Sozialpsychologen der riesige Nachteil. Klar, könne man bei elektronischen Medien wie Facebook oder Whatsapp, wo es keine Zeichenbegrenzung gibt, vieles noch inhaltlicher diskutieren. "Wenn es allerdings um persönliche Dinge oder Beziehungsfragen geht, werden diese Gespräche durch solche Medien natürlich drastisch reduziert", so Wagner.

Auch in der Generation Handy: "Es muss Regeln geben"

Wir müssen laut dem Wissenschaftler viel mehr trennen. "Die zwei Kommunikationsform – persönliches Gespräch und soziale Medien – sollten wir mehr auseinanderhalten. Es muss Regeln geben, wann wir Zeit mit dem Handy verbringen und wann nicht."

Zumal jeder von uns diesen einen Freund hat, der es nicht schafft, mal für fünf Minuten sein Handy zur Seite zu legen. Es gäbe laut Wagner unterschiedliche Orte für unterschiedliche Arten von Kommunikationen. Nur wird das immer schwerer zu schaffen, weil wir immer abhängiger werden. Instagram hat im September 2017 neue Nutzerzahlen für Deutschland veröffentlicht. Aus denen geht hervor, dass Menschen unter 25 Jahren durchschnittlich mehr als 32 Minuten pro Tag dort verbringen.

Warum unsere Eitel- und Abhängigkeit Schuld ist

Der Grund liegt laut Wagner auf der Hand: "Kommunikation im Internet ist oft nur eine fragmentarische, die immer wieder Rückfragen notwendig macht. Was zwei Menschen im Vieraugengespräch direkt klären können, weil es erkennbar ist, mit welchen Gefühlen eine andere Person etwas sagt. Im Netz geht das nicht so gut und das führt dazu, dass man immer abhängig ist, von den jeweiligen Antworten und Reaktionen der anderen."

Hinzukäme, dass gerade die Kommunikation bei Facebook, Instagram und Snapchat so gestaltet ist, dass sie das eigene Bild in der sozialen Gesellschaft prägen. Da jeder Mensch in gewisser Weise eitel sei, seien wir so darauf bedacht, Rückmeldungen zu bekommen. Das erzeuge wiederum auch Süchte.

Es liegt also an uns. Wir müssen auch mal sagen: "Jetzt lege ich mein Handy mal zur Seite und antworte nicht auf die Whatsapp." Wir müssen uns die Zeit für unsere sozialen Kontakte nehmen und unsere persönlichen Differenzen nicht im Netz austragen. Denn diese Abhängigkeit und dieses ständige Online-sein, führt eben zu solchen Alltagssituation wie in der Shisha-Bar in Hamburg-Wandsbek Ende September.


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