HOME

Online-Ich: Zeig Dich! Was Du gewinnst, wenn Du mehr von Dir preisgibst

Blogger und Influencer verdienen ihr Geld damit, im Netz möglichst authentisch zu wirken. Ist das für uns Privatmenschen möglicherweise auch eine kluge Idee?

Von Kathrin Weßling

Wie "echt" ist die Welt, die Blogger und Influencer im Netz von sich preisgeben?

Wie "echt" ist die Welt, die Blogger und Influencer im Netz von sich preisgeben?

Wenn ich an zu Hause denke, dann denke ich schon lange an keinen physikalischen Ort mehr, an kein Haus, das irgendwo steht, kein Schild mit einem Namen darauf. Es ist vielmehr ein Universum, 1000 Gedanken in Nanosekunden, ein Rauschen, Sprache und Mathematik. Mein Zuhause ist das Internet.

Mein Online-Ich ist kein anderes als mein Offline-Ich. Diese Unterscheidung mache ich nicht. Es gibt für mich nicht die Kathrin, die einkaufen geht und mit dem Bäcker spricht, und die andere, die etwas bei Facebook postet oder bei Instagram. Nur einmal, vor ein paar Jahren, hätte ich dieses Privileg fast verloren. Mir war mein Ich in der Unterscheidung zwischen on- und offline entglitten. Und damit auch eine Leichtigkeit, die das Internet vorher für mich gehabt hatte.

Alles begann mit einem Blog über Depressionen

Aber von vorne. Alles begann vor sieben Jahren, als ich etwas tat, das damals neu war: Ich veröffentlichte einen Blog über meine Depressionen. Ich legte alles offen, zog mich aus in Worten, Geschichten und Bildern. Ich hatte keine Angst, weil ich dachte: Was soll schon schiefgehen, schlimmer kann es ja nicht werden als jetzt, immerhin bin ich arm, depressiv und echt am Arsch, was soll schon irgendjemand im Internet machen, was das noch verschlimmern könnte?

Und so kam es, dass es nicht schlimmer wurde, sondern besser. Über Nacht wurde der Blog bekannt, er bekam Preise und ich einen Buchvertrag. Ein Jahr später wussten Tausende Menschen, wie es sich anfühlt, wenn ich depressiv bin. Es war nichts Schlimmes passiert, ich war nicht öffentlich blamiert oder gesteinigt worden, nicht getrollt, nicht zerstört. Ich war erfolgreich. Ich verdiente mein Geld plötzlich mit dem, was ich ohnehin schon immer gewesen war, ich konnte meine Miete damit bezahlen, ich selbst zu sein.

Heute bin ich Onlineredakteurin, Social-Media-Expertin und berate Unternehmen, wie sie am besten digital kommunizieren. Mir war dabei lange gar nicht so klar, wie das eigentlich funktionierte, ich wusste nur, DASS es funktionierte: Komplett offen zu sein, authentisch, bis es wehtut und noch darüber hinaus, kommt an. Und selbst wenn ich zwischendurch doch mal ausgelacht oder gemieden wurde, konnte mir zumindest nie jemand vorwerfen, ich sei unecht oder manipulativ.

Aber war ich das wirklich nicht? Und falls nein: War das gut?

Heute schaue ich mir Influencer, Stars und Youtuber an. Ihre Kanäle, ihre Storys, ihre Snaps, ihr Leben. Sie nehmen mich mit in ihre Wohnzimmer und ins Spa, zum Abschminken und zum Feiern. Sie sind mir so nah, wie ich jenen Menschen wohl damals war, die meinen Blog, den es heute nicht mehr gibt, lasen. Ich erkenne die Mechanismen und die Idee dahinter, es fühlt sich alles so selbstverständlich an: das eigene Leben, die Freunde, die Wohnung, das Sportstudio. Würde man ja auch anderen zeigen aber eigentlich nicht jedem. Warum machen es dann so viele? Woher kommt die eigentlich doch absurde Idee, dass sich andere so sehr für unseren Alltag interessieren, wie man das bis vor Kurzem doch nur bei Promis tat?

Der Reiz lag darin, den Star als Privatperson zu erwischen. Heute finden wir es toll, Privatpersonen als Privatpersonen zu sehen das Überraschungsmoment müsste sich dabei also eigentlich in Grenzen halten. Tut es aber nicht. Wir schauen immer weiter zu. Und das ist doch auch ein ganz gutes Zeichen, oder? Dass wir endlich das Normale wertschätzen. Nur: Heißt das umgekehrt, dass wir auch selbst alles Normale abbilden sollten? Ist das eine Art Bürgerpflicht geworden? Vermutlich nicht. Und trotzdem kommen wir ihr, passiv oder aktiv, andauernd nach.

Der sogenannte "blaue Haken" bei Facebook

2015 bekam ich einen sogenannten "blauen Haken" bei Facebook. Das offizielle Zeichen für ein verifiziertes Profil. Mit der Zeit hatten sich Tausende Abonnenten angesammelt, meine kleinen Texte und Postings wurden 100-fach geliked und kommentiert. Doch als das Häkchen kam, kamen auch die Ansprüche der Außenwelt: Plötzlich war ich keine Privatperson mehr, sondern eine öffentliche. Ich reagierte, unbewusst, sofort, wurde vorsichtiger, dachte immer länger darüber nach, was ich wie schreiben sollte.

Als ich mal einen Post teilte, der klar ein Fake war, aber das nicht deutlich dazuschrieb, wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, dass einer in der Öffentlichkeit stehenden Journalistin so etwas nicht passieren dürfe. Und da war er dann, der Moment, in dem aus meinem Ich zwei geworden waren: private und öffentliche Person. Also eigentlich eine, die schizophren denken musste.

Ich entschied mich dafür, den blauen Haken wieder entfernen zu lassen. So konnte ich mir wenigstens vormachen, dass mit dem Haken auch die Schere aus meinem Kopf verschwunden sei, die meine Gedanken, meine Selbstdarstellung, mein Image in den Wochen zuvor streng editiert hatte. Jetzt war alles wieder meine private Meinung. Oder? Die Zweifel gingen seither nicht mehr weg. Nur meine öffentliche Facebook-Seite hat nun wieder den blauen Haken, damit sie als offiziell erkennbar ist, privat will ich ihn nicht zurück.

Schaue ich mir heute die Videos und Bilder anderer, viel größerer Accounts an, spüre ich bei ihren Machern die gleiche Zerrissenheit. Sie leben davon, dass ihre Follower das Gefühl haben, ein Teil ihres Lebens zu sein. Gleichzeitig müssen sie sich genau wie ich jeden Tag 100-mal neu entscheiden, was sie veröffentlichen und was nicht. Wenn ich das sage, kann mir das in vier Monaten zum Verhängnis werden? Komme ich unsympathisch rüber? Eingebildet? Eitel? Naiv? Gefangen sind sie wie ich in der kleinen Ritze der vermeintlichen Authentizität: ehrlich, ja. Aber immer? Na ja.

Im Jahr 2016 gaben Firmen zwei Milliarden Dollar für die Zusammenarbeit mit Influencern aus, wie das Fachmagazin "Horizont" berichtete. Google ließ eine Studie zu Glaubwürdigkeit erstellen, nach der bereits jetzt mehr Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren die Youtuberin Melina Sophie für glaubwürdiger halten als Rihanna. Youtuber sind für viele Jugendliche auch glaubwürdiger als professionelle Medienmarken, egal um welches Thema es gerade geht und wie gut sie sich dazu auskennen.

Das Private wird gnadenlos vermarktet

Was eigentlich absurd ist, schließlich wird das Private gnadenlos vermarktet. Wie echt kann jemand sein, der dafür bezahlt wird, Gesicht einer Marke, eines Produkts zu sein? Kann der Yogacoach auch mal wütend sein? Und die Modebloggerin depressiv? Wie viel Platz hat das alles, wenn nicht mehr nur die öffentliche Person Werbefläche ist sondern die Privatperson?

Die Mechanismen auf Youtube und Instagram zielen alle auf eins ab: ein Gefühl von Echtzeit erzeugen, ohne sich wirklich verwundbar zu machen. Nicht so tun, als sei man perfekt, aber auch nicht zeigen, wenn man mal was richtig verbockt hat. Zumindest nichts Großes: Bad Hair Day ist okay, Steuernachzahlung nicht. Die Themen müssen auch beim Scheitern sexy bleiben. Klar ist man mal ausgelaugt. Aber nicht weil man Magen-Darm hat, weil man hungert oder heimlich kotzt, sondern weil man sich eben so anstrengt, weil man so ein Workaholic ist, so eine verdammt harte Sau.

Widert mich das manchmal an? Ja. Finde ich es in Ordnung, die Möglichkeiten, sich im Netz bestmöglich zu verkaufen, zu nutzen? Auf jeden Fall!

Wie authentisch wir uns online darstellen sollten, lässt sich pauschal nicht beantworten, es ist eine persönliche Entscheidung. Und ganz nebenbei müsste man erst mal die Frage klären, was das überhaupt genau ist: Authentizität. Zu sich selbst stehen, klar. Aber heißt das auch, sich voll und ganz und zu jeder Zeit so zu präsentieren, wie man zu sein glaubt? Im Job kann man auch nicht die ganze Zeit seinen eigenen Bedürfnissen nachgehen, muss Liebeskummer weg- oder Müdigkeit unterdrücken, weil man eben dafür bezahlt wird, eine Leistung abzuliefern. Ähnliches gilt für den Verein, die WG, selbst unsere Beziehungen. Überall versuchen wir, uns in ein möglichst schmeichelhaftes Licht zu rücken, die Erwartungen an uns selbst mit denen unserer Umwelt irgendwie in Einklang zu bringen.

Was im Netz noch hinzukommt: Dort geht es zwar um uns ALS MENSCHEN, aber da wir selbst nicht anwesend sind, wenn sich jemand unsere Beiträge anschaut, können wir nichts mit einem Lächeln relativieren, mit einer Bemerkung abmildern. Das Bild, das wir online von uns zeigen, ist verkürzt, und gerade deshalb sollten wir bei aller Posting-Begeisterung diese ungeheure Schlagkraft nicht vergessen: Da schauen Menschen in dein Leben, die du nicht kennst, aber die dir vielleicht irgendwann begegnen, dir einen Job geben könnten oder deine nächste Liebe werden.

Freunde waren geschockt, wie schlecht es mir ging

Hinter meinem Blog über die Depression steckte der irre Wunsch, dass am besten einfach alle verstehen, wie sich eine Depression anfühlt, was sie zerstört, was sie nimmt und gibt. Ich würde ihn auch wieder starten, vielleicht sogar noch mehr mittendrin als damals, als es Snapchat und Insta-Stories noch nicht gab. Denn zu schreiben, wie du dich gerade fühlst, zu sagen, was du denkst, und dann zu erleben, wie sich andere darüber freuen genau das macht dieses weite, große Netz für mich so schön, so heimatlich. Wir finden Freunde, die wir nirgendwo sonst treffen würden, erleben absurd komische Momente vom anderen Ende der Welt mit, von denen wir sonst nie etwas mitbekämen. Raten würde ich trotzdem jedem, sich sehr genau zu überlegen, wie viel man aushält.

Ein Jahr später fragte mich bei einem Vorstellungsgespräch der Personaler, wie das denn so sei mit den Depressionen, und ob ich belastbar sei. Verwandte sprachen mich auf Familienfeiern an, ob dies und jenes denn wirklich so arg gewesen sei. Freunde beichteten, sie seien geschockt gewesen, wie schlecht es mir ging - ich hätte ja nie was gesagt. Außer zu Zehntausenden Lesern, die verfolgten, wie ich mich durch Gruppentherapien und Panikattacken hangelte, die mitlitten und sich mitfreuten, wenn ich mal einen guten Tag hatte. Meine Offenheit, meine Verletzlichkeit, meine Schamlosigkeit all das klebte nun an mir, auch im analogen Raum.

Ich habe es ausgehalten, auch wenn es manchmal schmerzhaft war und mich auch schon einen Job oder eine Freundschaft gekostet hat. Die Faustregeln, an denen ich mich orientiere, lauten: Alles, was ich öffentlich äußere, würde ich prinzipiell auch Mama und Papa am Esstisch sagen. Ich spreche nicht über meine Freunde, nicht über meine Beziehungen. Ich rede selten über Geld und nie über meine Auftraggeber. Ich bin verschwiegen, und ich bin offen, ich bin mutig und vorsichtig. Ich bin nicht offline und online, sondern einfach so, wie ich es jedem Kunden und jedem Freund raten würde: Sei so ehrlich wie du willst aber nur so sehr, wie du kannst. Oder, um es mit Voltaire, dem alten Influencer zu sagen: "Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, solltest du auch sagen. "

Kathrin Weßling, 32, ist Autorin der Bücher "Drüberleben" und "Morgen ist es vorbei".

Instagram Reschetova an Bord
Themen in diesem Artikel