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Zurück auf den Campus Darauf müssen sich Studierende im neuen Semester einstellen

Zurück im Hörsaal: Studierende an der Unversität Münster lauschen den Lehrenden vor Ort.
Zurück im Hörsaal: Studierende an der Unversität Münster lauschen den Lehrenden vor Ort.
© Rolf Vennenbernd / DPA
Nach drei Semestern vor dem PC geht es für die Studierenden zurück an den Campus – zumindest für alle, die geimpft, getestet oder genesen sind. Doch von einem Unileben wie vor der Pandemie sind die Hochschulen noch weit entfernt. 

Es ist ein fast ungewohntes Bild, das sich dieser Tage bietet: Junge Menschen ziehen mit Bollerwagen und in Grüppchen durch die Innenstadt, strömen neugierig über das Unigelände und stoßen abends in den Bars auf den neuen Lebensabschnitt an. Nachdem die Orientierungswoche im letzten Jahr pandemiebedingt ausfiel, konnten es die Studierenden jetzt wieder etwas krachen lassen – sofern es das Infektionsgeschehen und die daran gebundenen Corona-Maßnahmen zuließen.

Im Wintersemester soll das Campusleben wieder aus seinem dreisemestrigen Dornröschenschlaf erwachen. Darauf hatten sich unter anderem die Kultusminister der Länder im Sommer verständigt. Nach drei Digitalsemestern müsse das "Studium vor Ort" wieder möglich sein. Je nach Bundesland starten die Vorlesungen in diesem Jahr am 11. oder 18. Oktober. Mancherorts ging es sogar schon etwas früher los.

Nur ein Drittel der Hochschulen plant mehrheitlich mit Präsenz

Von der Normalität sind die Hochschulen aber noch weit entfernt. Erst im August hatten sich Bund und Länder auf die sogenannte 3G-Regel verständigt. Die gilt auch auf dem Campus. Für die Universitäten bedeutet das eine große Herausforderung, sagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Peter-André Alt, der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn man das für jede Veranstaltung umsetzen will, kann das den gesamten Lehrbetrieb blockieren." Die Einrichtungen kämen da an ihre Grenzen.

In Bremen etwa plant die Universität mehrheitlich mit Präsenzveranstaltungen. Große Vorlesungen würden sowohl digital im Online-Stream als auch vor Ort angeboten. "Wir erwarten uns durch eine Aufteilung in online und in Präsenz weniger Studierende bei großen Vorlesungen und damit einhergehend ein verringertes Infektionsrisiko in den Hörsälen", teilte eine Sprecherin auf Anfrage des stern mit.

Allerdings planen nicht alle Hochschulen mehrheitlich mit Präsenzveranstaltungen, wie eine Umfrage der "Welt am Sonntag" kürzlich ergab. Diese richtete sich an die 120 Universitäten in Deutschland, 81 nahmen daran teil. Jede dritte Einrichtung plant demnach mit einem Präsenzanteil von 80 bis 90 Prozent. Elf Prozent wollen die Hälfte aller Lehrveranstaltungen in Präsenz anbieten.

Bändchen oder digitaler Campus-Pass?

Wer lieber vor Ort als von daheim lernt, muss nachweisen, dass er oder sie geimpft, getestet oder genesen ist. In Bremen erhalten die Studierenden hierfür farbige Armbänder, die an bestimmten Kontrollpunkt, beispielsweise an den Gebäudeeingängen, vorgezeigt werden müssen. Die Leibniz-Universität in Hannover geriet zuletzt wegen eines ähnlichen Modells in die Kritik. Demnach wurden die Bändchen nur geimpften oder genesenen Studierenden angeboten. Was die Sprecherin der Uni gegenüber "T-Online" als "pragmatische Lösung" bezeichnete, um die Kontrollzeiten zu kürzen, sahen andere als Stigmatisierung Ungeimpfter an. Die Universität betonte daraufhin, dass die Bänder freiwillig getragen werden könnten.

Andernorts werden Check-in-Systeme zur Kontrolle der 3G-Regel genutzt. Auf Apps und digitale "Campus-Pässe" setzt beispielsweise die Universität Hamburg. Bei der Kontrolle der Nachweise werde aber zwischen Studierenden und Beschäftigten unterschieden, teilte ein Sprecher der Universität mit. "Während die Kontrolle des 3G-Status der Studierenden explizit eingefordert wird, ist es der Universität als Arbeitgeberin rechtlich nicht gestattet", diese bei den Beschäftigten zu erfragen.

Übergangslösungen bei kostenlosen Schnelltests

Sorge bereitet manchen das Ende der kostenlosen Tests. Viele Studierende hätten während der Pandemie ihre Arbeit verloren und zählen deshalb "zu den Verlierer:innen der Corona-Pandemie", betonte der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) in Bremen. "Die Test sollen grundsätzlich erst einmal für die Studierenden übernommen werden, die sich aus gesundheitlichen Gründen und aus berechtigen anderweitigen Gründen nicht impfen lassen können oder wollen", bekräftigt das Gremium. Was "berechtigte" Gründe seien, darüber wolle man nicht urteilen. Gleichzeitig appellierte der Asta an jene Studierende, die sich bisher nicht impfen lassen wollten, die kostenlosen Impfangebote der Universität und des Landes Bremen zu nutzen.

Wer zum Vorlesungsbeginn nicht geimpft ist, für den bieten manche Universitäten Übergangslösungen an. In Bremen etwa konnten sich Studierende während der Orientierungswoche kostenlos testen lassen. Ab dem 16. Oktober entfällt die Kostenpflicht für diejenigen, die bereits einen Termin für eine Impfung haben. Auch Studierende aus dem Ausland, die bisher mit einem in Deutschland nicht zugelassenen Impfstoff immunisiert sind, können sich weiterhin kostenlos testen lassen. In Hamburg dürfen sich Studierende unter Aufsicht selbst testen. Dafür hat die Behörde für Wissenschaft und Forschung kostenlose Selbsttests zur Verfügung gestellt. Wie lange sie die Kosten tragen werde, sei unklar. Ungeimpfte Studierende an der Ludwig-Maximilian-Universität in München können sich weiterhin kostenlos an zwei Stationen testen lassen.

Kosten in Millionenhöhe

Ob sich die Studierenden an die 3G-Regel halten, wird an den Universitäten stichprobenartig – beispielsweise an Gebäudeeingängen – kontrolliert. Wer sich ohne einen Nachweis in die Veranstaltungen schummelt, muss mit Bußgeldern oder einem Hausverbot rechnen. Die Universität in Karlsruhe setzt auf ein dreistufiges Verfahren. Werden Studierende ohne einen Nachweis erwischt, werden sie zunächst für zwei Wochen von der Präsenzlehre ausgeschlossen. Wiederholt sich dieser Vorfall, dürfen die Studierenden bis zum Ende des Semesters nicht mehr an den Veranstaltungen vor Ort teilnehmen. Und wer ein drittes Mal erwischt wird, dem droht die Exmatrikulation.

Für die Sicherheitskontrollen beauftragen einige Universitäten externe Unternehmen. Die Umsetzung der 3G-Regeln bedeutet für die Universitäten nicht nur einen organisatorischen Mehraufwand. Auch finanziell ist die Umsetzung ein Laster. Wie die "Welt"-Umfrage ergab, kosten die Sicherheitsvorkehrungen an der Leibniz Universität Hannover 50.000 Euro pro Woche. Bremen rechnet mit rund 250.000 Euro pro Monat, teilte eine Sprecherin mit. Hamburg, Berlin oder München machten keine Angaben.

Auch wenn das Campusleben selbst nur langsam zur Normalität zurückkehrt, sieht es in Sachen Unterkunft wieder etwas mehr wie früher aus. "Wir gehen davon aus, dass deshalb die Nachfrage der Studierenden nach Wohnheimplätzen bei den Studenten- und Studierendenwerken wieder so groß ist wie vor der Pandemie", teilte der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Matthias Anbuhl, auf stern-Anfrage mit. Die Wartelisten für die Wohnheime würden sich langsam wieder füllen. Insbesondere in Hochschulstädten und Orten mit ohnehin angespanntem Wohnungsmarkt mache sich das bemerkbar.


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