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Sinnvolle Kapitalanlage: Gewinn machen und dabei Gutes tun? So wird man ein wohltätiger "Wolf of Wall Street"

Mit einem BWL-Studium die Welt retten: Beim Impact Investing sollen persönliche Investitionsentscheidungen mit sinnvollen sozialen und ökologischen Auswirkungen kombiniert werden. Wie das funktioniert.

Von Katharina Weiß

Impact Investing

Impact Investing will die Wirtschaft sozialer machen

Picture Alliance

Kann Wohltätigkeit Einzug in unser Wirtschaftssystem halten und dadurch die Welt verändern? Das sogenannte Impact Investing soll DER Trend sein, der eine ethische Veränderung und Demokratisierung der Wirtschaft ermöglicht. Impact Investing beschreibt ein Anlagemodell, das neben einer finanziellen Rendite für den Investor auch eine soziale Rendite zum Wohle der Umwelt oder benachteiligter Menschen erwirtschaftet.

Geld muss nicht immer schmutzig sein

Der Trend wird vor allem im liberalen Kalifornien vorangetrieben. Impact Investing wird im Sillicon Valley oftmals in einem Atemzug mit dem Trendbegriff Social Entrepreneurship genannt. Einer, der sich überlegt hat, wie er "mit einem BWL-Studium Welt retten kann", ist Jörg Geier. Er ist gerade erst aus San Francisco nach Berlin gezogen ist, um auch hier an der Entwicklung von Trainingsprogrammen zum Thema Impact Investing zu arbeiten. Zuvor hatte er dazu unter anderem an der Santa Clara University geforscht: Wie können unterschiedliche Arten potentieller Investoren, wie Stiftungen, Privatvermögende oder institutionelle Investoren darauf aufmerksam gemacht werden, welcher gesellschaftliche Nutzen mit "den richtigen" Investitionen erzeugt werden kann? "Richtig heißt hier nicht nur einen möglichst hohen Profit zu erwirtschaften - sondern soziale oder ökologische Innovationen zu fördern, die unsere Welt im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen besser machen", erklärt Geier. Dass Impact Investing in den USA bereits bekannter ist, sei kein Wunder – dort sei man generell neugieriger, was innovative Investments betrifft, wohingegen die Deutschen mit ihrem Geld eher risikoscheu umgingen.

Entwickelt wurde das Modell nicht zuletzt, um dem wachsenden Interesse der Millennials zu entsprechen, persönliche Investitionsentscheidungen mit sinnvollen sozialen und ökologischen Auswirkungen zu verbinden. Unsere Generation will zwar gerne Geld verdienen, legt dabei aber einen größeren Wert auf die nachhaltige Wirkung von Investitionen auf die Gesellschaft.

 

Jörg Geier Impact Investing

Jörg Geier arbeitet bei Lucid.Berlin, einer Kommunikationsberatung für Purpose orientierte Organisationen. Er entwickelt zudem Trainingsprogramme zum Thema Impact Investing und ist Mitglied des Club of Rome.

Diese Perspektive klingt vielversprechend, die Realität nimmt aber etwas Euphorie aus dem Spiel: "Wir sind - sowohl in Europa wie auch den USA - noch weit davon entfernt, wirklich nennenswerte Beträge in nachhaltige Projekte und Firmen zu investieren. Aber aller Anfang ist schwer und wir bewegen uns langsam in die richtige Richtung", sagt Geier.

Wer ist schon dabei?

In Deutschland treibt vor allem das Analyse- und Beratungshaus Phineo den Trend voran. Stephanie Petrick leitet die Abteilung für Impact Investing, die sie in den vergangenen drei Jahren in München aufgebaut hat. "Wann immer es um die Frage von gesellschaftlichem Engagement geht, sind wir die Experten und Expertinnen", sagt Petrick über Phineo, das unter anderem mit Unternehmen wie der Deutschen Börse, dem Bundesministerium für Familie oder der Bertelsmann Stiftung verpartnert ist. "Unser 60-köpfiges Team hilft auf der einen Seite sozialen Organisationen dabei, noch erfolgreicher ihre Ziele zu erreichen – also, besser zu wirken. Auf der anderen Seite unterstützen wir vermögende Privatpersonen, Stiftungen oder Unternehmen, wenn es beispielsweise darum geht, gemeinnützige Projekte zu suchen und zu fördern, die Wirkung des eigenen Tuns zu ermitteln oder das Kapital wirkungsorientiert anzulegen." Vor allem reiche Privatpersonen und Stiftungen seien ihrer Erfahrung nach daran interessiert.

Die Stadt Berlin oder die katholische Kirche gehören zum Beispiel schon zu Impact Investoren. Aber das Modell kann auch reizvoll für große Institutionen sein, die keinen "moralischen" Auftrag haben. "Sowohl Schneider Electric in Frankreich, als auch der Outdoorhersteller Patagonia in den USA haben eigene Impact Investing Fonds aufgelegt, um Impact Ventures zu finanzieren", sagt Petrick und Geier ergänzt: "Versicherungen haben ebenfalls ein Interesse daran, dass beispielsweise der Klimawandel größere Beachtung findet. Nicht zuletzt, weil sie die dadurch verursachten Schäden, zum Beispiel nach einem Hurrikane, bezahlen müssen." Auch Banken sähen sich gezwungen zu handeln, weil mehr und mehr Kunden bewusst nachhaltige Investitionsmöglichkeiten fordern. Dennoch seien gerade die großen Banken, abgesehen von Sozialbanken wie der GLS Bank oder der Triodos Bank, ins Hintertreffen geraten und böten oftmals nur Fonds an, die lediglich sehr weichen Impact-Kriterien standhalten.

Das Phineo-Team versteht sich übrigens nicht als Organisation mit missionarischem Auftrag. "Es macht für mich wenig Sinn, verantwortungslose Investoren und Investorinnen zu bekehren. Voraussetzung für wirkungsorientiertes Investieren ist eine ehrliche Haltung, die Gesellschaft positiv verändern zu wollen. Und da bin ich sehr optimistisch", sagt Petrick.

Stephanie Petrick arbeitete beim Sozialunternehmernetzwerk Ashoka und beim „Impact Investing Pionier Impact in Motion“ bevor sie ihre eigene Abteilung bei Phineo aufbaute.

Stephanie Petrick arbeitete beim Sozialunternehmernetzwerk Ashoka und beim „Impact Investing Pionier Impact in Motion“ bevor sie ihre eigene Abteilung bei Phineo aufbaute.

Die Frage aller Fragen ist natürlich: Können diese verantwortungsvollen Investments jemals so viel Gewinn einbringen, wie gewöhnliche Investments ohne ethischen Anspruch? Jörg Geier bejaht: "Dass ein positiver ökologischer Impact nicht auf Kosten von Renditeerwartungen gehen muss, zeigt zum Beispiel der Ananda Impact Fund, der herkömmlichen Investment-Kriterien gerecht werden muss und zusätzlich noch Impact-Kriterien erfüllt." Überdies gaben in der jährlichen Befragung von Impact Investoren, die das Global Impact Investing Network (GIIN) 2016 durchführte, 89% der Befragten an, dass ihre Renditeerwartungen erfüllt oder übertroffen wurden.

Was genau bedeutet für den Einzelnen, "Gutes zu tun"?

Stephanie Petrick von Phineo konnte beobachten, dass sich Investoren genauso wie Philanthropen häufig Themen zuwenden, die mit ihrer eigenen Biographie verknüpft sind – wie zum Beispiel die Unterstützung einer bestimmten Region, in der sie aufgewachsen sind oder einmal gelebt haben. Bei Anlegern aus dem Unternehmerumfeld, finde man auch oft Themen, die eng mit der Unternehmensgeschichte verknüpft sind. Da kann es unter anderem um Umweltschutz oder Ausbildungsförderung von benachteiligten Kindern am Unternehmensstandort gehen.

Sie erkenne auch zunehmend den Wunsch von Impact Investoren, strategisch vorzugehen und als Katalysator zu wirken, sich also zu fragen: "Wo und wie bewirkt mein Geld am meisten?".

Welche Werte besonders populär sind, sei jedoch schwierig zu pauschalisieren. Toniic, das amerikanische Netzwerk für Impact Investoren veröffentlichte dazu ein Raster, das die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen mit der Investitionsperspektive verbindet. Ein Ende der Armut oder des Welthungers steht ebenso auf der Liste wie eine erschwingliche Krankenversicherung, Zugang zu Bildung, sichere Städte, Tierschutz, nachhaltige Fischerei, Bio-Nahrung oder Kunst- und Kulturförderung.

Gibt es auch Widersprüche?

Die Richtlinien für Impact Investment werden zuweilen noch recht unterschiedlich ausgelegt, nicht zuletzt, weil sich manche Ziele zum Teil nur schwer greifen lassen, so Geier. Viele Forscher widmeten sich daher der Frage der Impact-Messung. UNDP, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, ist bemüht, dass Impact Investments mit den Nachhaltigkeitszielen der UN verbunden werden, so der UNDP-Chef Achim Steiner vor kurzem in einer Diskussionsrunde, die vom Haus für die Vereinten Nationen e.V. organisiert wurde.

Dennoch muss man auf ein paar Widersprüche im System hinweisen: Bei Stiftungen wird der Stiftungszweck dadurch erfüllt, dass dem Zweck entsprechend wohltätige Fördergelder vergeben werden oder Impact-Investitionen getätigt werden. Das Geld hierfür speist sich aus den Zinsen, die sich aus dem Stammkapital der Stiftung schöpfen. "Ironischerweise wird der Kapitalstock der gleichen Stiftung häufig nicht auf Basis der gleichen Kriterien gemanagt. Ganz im Gegenteil, manche Stiftungen tätigen Investitionen, die einen möglichst hohen Profit erzielen sollen, der Stiftungszweck spielt bei den Investitionen jedoch keine Rolle, weil die Investmentmanager unabhängig agieren von den Programmkoordinatoren, die das erwirtschaftete Geld für wohltätige Zwecke ausgeben", sagt Geier. Stark vereinfacht gesagt könnte eine Stiftung ihren Kapitalstock von einer Milliarde in Unternehmen investieren, denen die Rechte von Arbeitern in der Textilindustrie Bangladeschs oder der Computer-Zulieferindustrie in China egal sind. Nur die Rendite, die sich aus der Anlage dieser einen Milliarde ergibt, also ein wesentlich kleinerer Betrag, würde vom Impact Investing Team der Stiftung in Projekte fließen, denen die Anliegen der Arbeiter in Entwicklungs- oder Schwellenländern am Herzen liegen.

Stephanie Petrick arbeitet mit ihrem Team daran, solchen Situationen entgegen zu wirken und empfindet die Entwicklung als positiv: "Menschen werden sich dieser Zusammenhänge zunehmend bewusst. Wir versuchen diese Investoren und Investorinnen dabei zu unterstützen, ihre Werte mit der Wirkung Ihrer Kapitalanlage zu verbinden, indem wir mit unserem Wirkungs-Knowhow für Transparenz sorgen und bei der Ausarbeitung einer Anlagestrategie beraten."

Wie kann ich am Impact Investing teilhaben?

Bisher sind die Optionen für den Durchschnittsmenschen in Deutschland eher limitiert. Den größten Hebel haben Normalverbraucher laut Jörg Geier noch dadurch, indem sie bewusst nach nachhaltigen Kapitalanlagen bei ihren Hausbanken fragen. Neben den Tools der Big Player gibt es aber schon viele immerhin ethisch artverwandte Projekte, die von der kellnernden Hamburger Studentin bis zum bayerischen Friseurmeister für jeden Normalverbraucher zugänglich sind. Neben Crowdfunding Plattformen wie Startnext wird auch die NGO Kiva in Deutschland immer populärer: Dort verleiht man Geld, mindestens 25 Euro, meistens an Entwicklungsprojekte, die einen sehr transparenten Bezug zu den Menschen herstellen, die das Geld bekommen. Bei diesem Projekt wird zwar keine Rendite erwirtschaftet, aber man verliert auch kein Geld, da man es unverzinst wieder zurückbekommt.

In der Berliner Start-up-Szene wird auch die deutsche Markttauglichkeit der App OpenInvest heiß diskutiert: Jeder US-Bürger über 18 Jahren, der ein Minimum von 3.000 Dollar investieren möchte, kann sich hier als Anteilseigner großer Firmen betätigen und quasi per Smartphone-Swipe an Aktionärsbeschlüssen teilhaben. Dies sei laut Joshua Levin, dem Mitgründer von OpenInvest, so einfach wie die Nutzung von Tinder. Vielleicht können wir also in Zukunft während einer U-Bahnfahrt ein Investment in klimarelevante Lösungen fließen lassen oder aus dem Vorlesungssaal heraus die Entscheidung treffen, unser Geld aus einem Unternehmen, das eine rechtspopulistische Partei subventioniert, zu entfernen.

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