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Frugalisten: Dieser Mann will mit 40 in Rente gehen – so soll das gehen

Oliver Noelting ist 30 Jahre alt und nach eigenen Angaben bald Rentner. Der Softwareentwickler erklärt NEON, wie das funktioniert und was er als Frugalist gelernt hat.

Oliver Noelting und seine Freundin

Oliver Noelting und seine Freundin Joana. Wenn es nach ihm geht, wird er schon bald nicht mehr arbeiten müssen.

Bis zum 67. Geburtstag arbeiten gehen? Das konnte sich Oliver Noelting nach dem Studium gar nicht vorstellen. Anstatt die Karriereleiter hochzuklettern wurde er zum Frugalisten. Das bedeutet, dass er so viel spart, dass er schon mit 40 in Rente gehen kann.

Wie genau das funktioniert und ob dieses Lebensmodell etwas für dich ist, erfährst du im Interview.

NEON: Oliver, du bezeichnest dich selbst als Frugalist. Was genau ist das?

Oliver Noelting: Frugalismus ist eine Lebenseinstellung, bei der man versucht, ein zufriedenes, sinnerfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Statt auf der Couch zu sitzen und über die aktuelle Situation zu jammern, geht man raus und lernt neue Fähigkeiten und erweitert seinen Horizont. Und dabei stellt man fest, dass für Sachen, die das Leben erfüllen, eigentlich nicht so viel Geld nötig ist.

Mit deinem Blog hast du eine Idee in Deutschland verbreitet, die in den USA schon länger als "FIRE" bekannt ist: Financial Independence and Retiring Early, also finanzielle Unabhängigkeit und früh in Rente gehen. Was ist das Besondere am deutschen Frugalismus?

Mein Ziel war, FIRE und die Philosophie dahinter nach Deutschland zu holen. Hier kennen viele schon die Idee von finanzieller Freiheit: Menschen, die versuchen, Geld in Aktien anzulegen und von ihrem Vermögen zu leben. Auf der anderen Seite gibt es in den letzten Jahren einen Trend zum Minimalismus. Dabei versuchen die Leute, zu hinterfragen, was sie für ein glückliches Leben brauchen außerhalb von reinem Konsum. FIRE ist eine Kombination aus beidem: Dem Lifestyle-Aspekt eines glücklichen Lebens und dem Finanzaspekt, sein Geld anzusparen und anzulegen.

Als ich meinen Blog gestartet habe, brauchte ich einen Namen dafür – dann kam ich auf das kurze, knackige Wort "frugal", was so viel heißt wie "einfach" oder "bescheiden". Es ist quasi meine Interpretation von "FIRE". Eine Art Oberbegriff, bei dem jeder diese Theorie für sich selbst interpretieren kann. Aber der Kern ist immer derselbe: Mein Lebensglück wird davon bestimmt, wie ich denke und handele – und nicht davon, wie viele Sachen ich kaufen kann.

Oliver und seine Freundin auf dem Balkon der gemeinsamen Wohnung

Oliver und seine Freundin auf dem Balkon der gemeinsamen Wohnung

Wie bist du zum Thema Finanzen und Rente gekommen?

Auf dieses Thema bin ich vor fünf Jahren als Student aufmerksam geworden. Am Ende meines Bachelorstudiums als Softwareentwickler hatte ich keine richtige Idee, wie es danach weitergehen sollte. Ich dachte, dass meine einzige Perspektive sei, bis zur Rente zu arbeiten. Als Student habe ich für etwa 500 Euro im Monat gelebt und hatte schon immer Geld zum Sparen übrig.

Mit einem Stipendium, Kindergeld, einem Zuschuss von meinen Eltern und nebenberuflichen Programmieraufträgen, standen mir im Schnitt 1000 Euro im Monat zur Verfügung. Dann bin ich auf Mr. Money Mustache gestoßen: Er ist in Amerika einer der größten Blogger zum Thema "FIRE" und seine Theorie hat mich sofort angesprochen.

Und dann hast du dir einen eigenen Plan erarbeitet?

Genau, ich habe überlegt, wie ich dieses Konzept für mich umsetzen könnte. Ich war ja schon spät dran mit 25 Jahren – Mr. Money Mustache hat mit 21 Jahren angefangen zu arbeiten, um mit 30 in Rente zu gehen. Für mich hieß das, zu schauen, welche Einnahmen und Ausgaben ich haben werde. Also habe ich in einer Tabelle kalkuliert: Wie lange studiere ich noch und wie viel verdient man ungefähr später als Softwareentwickler?

Hinzu kommen Faktoren wie Gehaltssteigerungen im Laufe der Karriere. Aber natürlich werde ich später auch höhere Ausgaben haben, zum Beispiel, wenn ich eine Familie gründe. Dazu habe ich in meiner Rechnung eine Verdopplung meiner aktuellen Ausgaben einkalkuliert. Damit ergibt sich für mich, dass ich wahrscheinlich mit 40 Jahren genug Geld habe, um nicht mehr arbeiten zu müssen.

Was bedeutet das in Zahlen?

Das sind in meinem Fall circa 450.000 Euro. Leben werde ich von dem ersparten Geld und den Kapitalerträgen, die das Geld erwirtschaftet – zum Beispiel durch Anlangen in Aktien. Man kann ungefähr damit rechnen, dass mit 95 Jahren alles aufgebraucht ist.

Wie viel gibst du im Monat aus und wie viel legst du zurück?

Also unterm Strich habe ich netto 2.300 Euro im Monat. Aus meinem Teilzeitjob als Softwareentwickler und einigen Programmieraufträgen, die ich für private Kunden erledige. Davon gebe ich momentan etwa 800 Euro aus – lege also knapp 1.500 Euro jeden Monat zur Seite.

Wo sparst du?

Der größte Punkt ist eigentlich immer das Wohnen – an der Miete kann man richtig viel sparen. Viele Leute mieten das Maximum von dem, was sie sich leisten können. Ich wohne aktuell mit meiner Freundin in einer Zwei-Zimmer Wohnung auf 46 Quadratmetern. Für die Miete und alle Nebenkosten zahlen wir unter 300 Euro pro Person.

Vor unserer Haustür fahren direkt zwei Bahnen und wir fahren auch beide mit dem Fahrrad zur Arbeit. Zusätzlich versuchen wir, keine Sachen zu kaufen, die wir nicht wirklich benötigen.

Oliver Noelting im Skatepark

Teure Hobbies? Braucht Oliver nicht. Er geht gerne in den Skatepark.

In vielen deutschen Städten findet man aber kaum noch günstige Wohnungen.

Natürlich ist Mieten mittlerweile nicht einfach. Aber man kann sich nicht auf die Couch setzen und das Leben blöd finden. Als Frugalist machst du genau das Gegenteil: Du schaust, wie du aus deiner Situation das Beste rausholen kannst. Zum Beispiel weitersuchen, ob es nicht noch eine günstigere Wohnung gibt. Sich eben nicht den Umständen ergeben, sondern aktiv versuchen, das eigene Leben zu verbessern.

Was sind also für dich die ultimativen Spartipps?

Es gibt nicht die drei wichtigsten Tipps, sondern es geht vor allem um die Grundeinstellung – das "Mindset". Unsere Gesellschaft versucht, uns zu vermitteln, dass einem noch etwas fehlt: diese Couch, diese eine Reise. Manche Leute kaufen etwas, wenn ihnen langweilig ist.

Ich schaue in solchen Momenten, mit welchem neuen Thema ich mich beschäftigen kann: Gibt es vielleicht ein neues Buch, kann ich etwas Neues programmieren? Ich nenne das das Prinzip des Nicht-Kaufens: Statt alle Probleme mit einem Kauf oder einer Dienstleistung zu lösen, versuche ich, das Problem erst einmal selber zu beheben.

Was hat deine Freundin zu deinen Ideen gesagt?

Am Anfang war ich recht extrem und hatte das Gefühl, gar nichts mehr kaufen zu dürfen. Aber das hat sich schnell wieder gelegt. Es geht ja nicht darum, sich einzuschränken und mit meiner Freundin über Geld zu streiten, sondern ein zufriedenes Leben zu führen – und dazu müssen wir beide mit der Situation glücklich sein.

Deswegen haben wir relativ schnell Kompromisse gefunden und uns geeinigt, wie wir wohnen und wofür wir Geld ausgeben wollen. Außerdem sind wir beide immer noch eigenständig und regeln den Großteil unserer Finanzen unabhängig.

Was sind deine Pläne, falls du mit 40 wirklich ausgesorgt haben solltest?

Das weiß ich ehrlich gesagt noch gar nicht so genau. Wer weiß, was ich in zehn Jahren machen möchte. Aber ich werde wahrscheinlich eine Familie haben und viel Zeit mit meinen Kindern verbringen können. Ansonsten möchte ich gern weiter Skateboard fahren und programmieren. Aber eben einfach Sachen, die mir Spaß machen. Es geht ja auch nicht darum, mit 40 alles fallen zu lassen, sondern darum, mehr Wahlfreiheit zu bekommen.

Aber du lebst nur einmal und es könnte rein theoretisch passieren, dass du gar nicht 40 Jahre alt wirst. Lohnt sich der Verzicht und das Sparen?

Ich denke, Sparen lohnt sich immer. Wenn man zum Beispiel direkt nach dem Abitur vom Bus überfahren worden wäre, hätte es sich auch nicht gelohnt, den Abschluss zu machen. Wir machen immer Sachen in Erwartung der Zukunft.

Ich versuche, einen Kompromiss zu finden zwischen dem Leben im Hier und Jetzt und der Zukunft. Meine Teilzeitarbeit bietet mir zum Beispiel jetzt schon Flexibilität, um Geld zu verdienen und Dinge zu tun, die mir Spaß machen.

Oliver Noelting

Hat nicht das Gefühl, groß verzichten zu müssen: Oliver Noelting fährt zum Beispiel mit den Rad zur Arbeit statt mit dem eigenen Auto.

Du rechnest auf deinem Blog vor, wie man für 100 Euro einkaufen kann. Viele Menschen setzen immer mehr auf Nachhaltigkeit und Regionalität. Aber die Bio-Eier vom Bauern sind natürlich deutlich teurer als die vom Discounter.

Das ist eine Frage der Gewichtung. Wenn dir nachhaltige Ernährung wichtig ist, dann schau, wie du dort sparen kannst. Überleg dir, was du wie kombinieren kannst, um den Einkauf mit deinen Vorstellungen zu vereinbaren. Das Grundprinzip ist auch hier: Geh nicht in den Supermarkt und packe das Ersten in den Wagen, auf dem Bio geschrieben steht – sondern überlege dir, wie der Preis zustande kommt und wie du diesen Aspekt in deinen Plan zum Sparen einbauen kannst.

Was ist der beste Weg, um sein Geld anzulegen?

Also wenn man das Ziel hat, sein Kapital zu erhalten oder sogar zu vermehren, dann muss man mehr Risiko eingehen, als nur Geld auf ein Sparbuch zu legen. Wer mit möglichst wenig Einsatz Geld investieren will, kommt um Aktien nicht herum.

Gerade das passive Investieren mit sogenannten ETFs ist eine günstige Möglichkeit, breit gestreut in den Aktienmarkt zu investieren und gilt für viele als Standardmodel in der FIRE-Community.

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