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Interview

Medien-App "Buzzard": Raus aus der Bubble: Felix und Dario wollen mit einer App unsere Diskussionskultur retten

In allen Medien steht doch eh das Gleiche! Stimmt nicht, sagen Felix und Dario. Die beiden 28-Jährigen wollen eine App entwickeln, die den Menschen hilft, sich umfassend zu informieren und wieder konstruktiver miteinander zu sprechen.

Zwei Männer

Dario Nassal und Felix Friedrich (v.l.) sind die Gründer des Online-Mediums "Buzzard". Um ihr Projekt in eine App umzusetzen, haben sie ein Crowdfunding gestartet.

Allen SUV-Fahrern ist die Klimakrise egal und alle Klima-Aktivisten hassen SUV-Fahrer? Feministinnen hassen Männer und alle alten Männer unterdrücken junge Frauen? Viele aktuelle gesellschaftliche Debatten sind geprägt von enormem schwarz-weiß-Denken. Die Folge: Misstrauen, Populismus, Stillstand. Aber wie lässt sich zwischen den Fronten vermitteln und dabei helfen, Argumente auszutauschen?

Diese Frage haben sich auch die Journalisten Felix Friedrich und Dario Nassal gestellt. Zwei Jahre lang haben sie an einer Idee gearbeitet, die einen Überblick über verschiedene Positionen rund um ein aktuelles Thema geben soll, das gerade in den Medien diskutiert wird. Das Ergebnis: eine Nachrichten-App namens "Buzzard", die sich vor allem an die Generation Y richtet und nicht mehr kosten als ein Bier auf der nächsten Party. Um ihr Projekt umzusetzen, haben die beiden eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

NEON: Felix, was ist Buzzard genau?

Felix Friedrich: Wenn unser Crowdfunding erfolgreich ist, wird Buzzard ein neues Online-Medium für Perspektiv-Vielfalt. Wir wollen vor allem jungen Menschen die Möglichkeit geben, einen neuen Zugang zur Nachrichtenwelt zu bekommen. Die Plattform soll helfen, andere Meinungen wahrzunehmen und in den Diskurs einzusteigen. Unser Anliegen ist, einmal am Tag einen Überblick über ganz unterschiedliche Meinungen zu bieten, die es rund um aktuelle Themen des Tages und längerfristige Debatten gibt. Dazu wollen wir eine Website und vor allem eine App und einen Podcast anbieten.

Bei "Buzzard" soll ein Team aus fünf Redakteuren täglich zwei bis drei Themen des Tages und ein Debattenthema auswählen. Dazu kuratieren sie Artikel mit unterschiedlichen Positionen, verlinken die Texte und geben Informationen zum Autor und zum Medium.

Bei "Buzzard" soll ein Team aus fünf Redakteuren täglich zwei bis drei Themen des Tages und ein Debattenthema auswählen. Dazu kuratieren sie Artikel mit unterschiedlichen Positionen, verlinken die Texte und geben Informationen zum Autor und zum Medium.

Warum braucht es so ein Angebot?

Wir wollen einen neuen Blick auf die Nachrichtenwelt bieten. Es ist zwar so einfach wie nie, an Informationen zu kommen, aber Konsumenten und auch Medienmacher bewegen sich oft in einer Blase. Wir alle können uns über Social Media informieren, aber je nachdem, was wir liken oder teilen, schlägt uns der Algorithmus immer ähnliche Themen vor. Und auch der Journalismus hat Grenzen. Je nach Redaktion gibt es andere Leitlinien und andere politische und inhaltliche Ausrichtungen. Die "taz" ist eher politisch links-progressiv, die "Welt" deutlich konservativer. Aber Medien bestimmen den Diskurs und die politische Meinungsbildung. Deshalb wollen wir ein Medium schaffen, auf dem man eine ganze Bandbreite von Meinungen und Positionen zu verschiedenen Themen mitbekommt und wieder in einen Diskurs mit anderen Positionen treten kann.

Aber schreiben nicht viele Medien zu aktuellen Themen oft Ähnliches? Welchen Mehrwert bietet eure App dann?

Das stimmt – und das ist genau das Problem der Medienwelt, das wir bekämpfen wollen. Denn die meisten großen Zeitungen benutzen ähnliche Quellen wie zum Beispiel die dpa für ihre Nachrichten. Wer sich nicht beruflich mit Medien beschäftigt, findet oft zu wenige von der Mehrheitsmeinung abweichende Reaktionen auf die aktuelle Nachrichtenlage. Deshalb nehmen wir bei Buzzard einen Fakt und sammeln Analysen, Einschätzungen und Meinungen aus ganz unterschiedlichen Medien – auch internationalen Medien und Perspektiven von kritischen politischen Blogs. Und dann merkt man eben, wie unterschiedlich die Weltsicht von AfD-Anhängern und Grünen-Wählern oder Arbeitslosen und Managern ist.

Wie funktioniert eure App?

Es ist geplant, dass ein Team aus fünf Redakteuren täglich zwei bis drei Themen des Tages und ein Debattenthema auswählt. Dazu kuratieren wir Artikel mit unterschiedlichen Positionen, verlinken die Texte und geben Informationen zum Autor und zum Medium. Wir sammeln die Texte aus der gesamten Medienlandschaft und stellen einmal am Tag einen Überblick zur Verfügung. Daher kommt auch der Name: Buzzard, also der Bussard, der über allem kreist.

Wie wählt ihr eure Themen und die Medien aus?

Unsere Top-Themen orientieren sich an den Themen, die in den zehn reichweitenstärksten Medien Deutschlands aktuell sind. Dazu kommt immer noch ein tiefergehendes Debatten-Thema mit Aktualitätsbezug. Wir haben zwei Jahre lang einen Prototyp getestet und uns in dieser Zeit eine Datenbank mit über 2000 weltweite Medien angelegt. Dazu gehören 200 große internationale Medien, aber auch viele Blogs und ThinkTanks. Diese Medien scannen wir dann zu unseren Top-Themen des Tages, versuchen die Perspektiven zu kategorisieren und repräsentativ Artikel auszusuchen, die verschiedene Meinungen wiedergeben. Außerdem können uns auch die Leser Hinweise geben, falls sie denken, dass wir einen Aspekt vergessen haben.

Was ist der Unterschied zwischen Tagesthemen und Debatten?

Die Tagesthemen sind immer aktuelle Themen, zu denen wir drei bis fünf Artikel aus unserem Medienpool auswählen. Die Debatten sind Themen und Fragestellungen, die längerfristig aktuell sind: Das könnte zum Beispiel die Frage sein, ob die Flüchtlingspolitik der EU moralisch verwerflich ist oder wie wir langfristig mit der Klima-Frage umgehen.

So ein Angebot nutzt man aber doch nur, wenn man schon Interesse an anderen Meinungen hat, oder?

Das ist natürlich ein Problem. Aber als wir unsere App konzipiert haben, waren wir zum Beispiel vor der Landtagswahl in Sachsen bei Wählerinnen und Wählern und haben mit ihnen gesprochen. Viele der Menschen dort fühlen sich abgehängt und von den Medien nicht repräsentiert. In den Gesprächen dort haben wir festgestellt, dass diese Menschen sich definitiv einen Überblick über unterschiedliche Medien wünschen. Daher denken und hoffen wir, dass wir mit unserem Angebot von unterschiedlichen Perspektiven, die wir unvoreingenommen gegeneinanderstellen, Menschen von rechts und links auf die Plattform holen und einen Diskurs fördern.

Kann ich denn auch als Nutzer über die Themen mitentscheiden?

Aus unserer Sicht kann Journalismus heutzutage nicht mehr ohne die Leser funktionieren. Die Menschen wollen nicht nur Texte lesen, sondern sich auch an den Debatten beteiligen. Bei Buzzard gibt es dazu zwei Wege: Einerseits kannst du Beiträge aus Medien empfehlen, falls du denkst, dass wir einen Standpunkt vergessen haben. Zu den Debatten können die Leser mit abstimmen, welche Argumente in der Debatte sie besonders überzeugend finden und ihre Meinung in einer Art Diskussionsforum äußern. Außerdem wollen wir einmal im Quartal unsere Leser fragen, über welche grundlegenden Debatten bei Buzzard diskutiert werden soll, weil wir uns eben nicht alle Themen ansehen können.

Wie funktioniert euer Geschäftsmodell?

Um unser Projekt umzusetzen, haben wir eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Um Buzzard zu nutzen, muss man Mitglied sein und kann dazu unterschiedliche Jahresabos abschließen – ein bisschen wie bei Netflix. Vom Studenten-Abo für 3,50 Euro im Monat, den Normal-Preis für fünf Euro oder ein Familien-Abo ist alles dabei. Das sind quasi die Kosten eines Getränks auf der nächsten Party für einen Monat Medien-Vielfalt. Um das Projekt mindestens ein Jahr mit einer Redaktion zu finanzieren, brauchen wir 125.000 Euro. Erreichen wir 250.000 Euro, könnten wir mehr Redakteure einstellen und mehr Themen kuratieren. Dafür ist die App dann werbefrei und unabhängig. Sollten wir unser Ziel nicht erreichen, bekommt jeder Unterstützer sein Geld zurück.

Das Crowdfunding läuft noch bis Sonntag, den 8. Dezember.