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Mikro-Managing: Warum dieser Chef nicht alles über die Arbeit und das Leben seiner Mitarbeiter wissen will

Einen guten Mittelweg zwischen Arbeit und Freizeit zu finden, ist schon schwer genug. Aber was, wenn der Chef einen ständig offline und online kontrolliert? Das muss nicht sein, findet dieser Unternehmer.

Zwei Leute auf einem Skateboard

Nicht alles was im und vor allem außerhalb des Büros passiert, muss der Chef kontrollieren

Getty Images

Soziale Netzwerk sind in vielerlei Hinsicht grandios – man kann mit der Familie und Freunden überall auf der Welt in Kontakt bleiben, ohne dafür horrende Telefonrechnung zu bezahlen, man kann weltweit auf Wissen zugreifen, ohne auf die Öffnungszeiten von Bibliotheken angewiesen zu sein oder einfach sein Lieblingsessen bestellen, ohne dafür durch die halbe Stadt gondeln zu müssen. Aber so leicht, wie man heute seine alten Schulfreunde online wiederfinden kann, ist auch der eigene Chef in der Lage, zu schauen, was man bei Facebook, Instagram und Co. so treibt.

Und nicht nur die Fotos von der letzten Party können beim Bewerbungsgespräch zum Problem werden – für viele Chefs scheint auch immer noch zu gelten: Wenn du abends Zeit hast, bei Facebook zu surfen, könntest du ja auch noch Mails lesen. Und warum hast du während der Arbeitszeit auf einen Kommentar bei Twitter geantwortet, obwohl morgen ein wichtiges Meeting ansteht?

Chef sollte Work-Life-Balance fördern

Doch in vielen Unternehmen findet gerade ein Umdenken statt. Immer mehr Führungskräfte setzten sich für neue Arbeitsumfelder ein und wollen eine Unternehmenskultur etablieren, die auf Vertrauen und nicht Kontrolle basiert. So auch Ian Sohn, Vorstandsvorsitzender der Kreativ-Agentur "Wunderman" in Chicago. Auf dem Karriere-Netzwerk "Linked In" postete er einen Text, indem er deutlich macht, dass kein Arbeitnehmer sich "dafür entschuldigen solle, ein Leben zu haben". Er sei unglaublich dankbar für das Vertrauen, dass ihm seine Chefs und Teams jeden Tag entgegen brächten. Und deshalb wolle und müsse er viele private Dinge einfach nicht wissen.

"Ich muss nicht wissen, ob du nach dem Abendessen noch online bist. Ich muss nicht wissen, ob du später ins Büro kommst, weil du noch einen Zahnarzt-Termin hast oder früher gehst, um das Fußballspiel deiner Kinder anzuschauen", schreibt Sohn in seinem Post. "Ich muss auch nicht wissen, warum du sonntags nicht reisen kannst oder mal Homeoffice brauchst, um deine Ruhe zu haben." Viele Chefs würden Erwachsene heute wie Kinder behandeln und dauerhafte Verfügbarkeit erwarten, schreibt der Manager. 

Mikro-Managing: Kontrolle statt Vertrauen

Auch er habe diese Erfahrung schon gemacht: "Vor einigen Jahren reagierte ein erfahrener Kollege von mir ziemlich unwirsch darauf, dass ich nicht spontan in den nächsten zwölf Stunden zu einem Termin fliegen konnte, weil meine Kinder an diesem Abend bei mir übernachtet haben (ich bin geschieden und Single-Dad). Ich habe mich mit der Absage an ihn nicht schlecht gefühlt, was den besagten Kollegen aber noch mehr erbost hat. Das hat sich für mich schrecklich angefühlt." Es solle sich aber niemand schlecht fühlen, nur weil er ein menschliches Wesen sei, schrieb Sohn zum Abschluss seines Posts.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – nach diesem Motto scheinen auch heute immer noch viele Führungskräfte zu arbeiten. Sie wollen alles bis ins kleinste Details kontrollieren und übernehmen im schlimmsten Fall die Aufgaben schließlich selbst, obwohl das gar nicht in ihren Aufgabenbereich gehört. Diese Art von Führungsstil nennt man auch Mikro-Managing. Die Tatsache, dass wir fast alle mittlerweile ständig online und erreichbar sind, macht ständige Kontrolle noch leichter – und eine gute Work-Life-Balance immer schwieriger.

"Ich sagte meinem Chef, dass ich krank bin. Und er fragte ‘warum‘?"

Das zeigen auch die über 1500 Kommentare, die sich unter Sohns Text sammeln. Dort berichten Arbeitnehmer von ihren Erfahrungen mit der Thematik - und freuen sich über die Weitsicht des Managers aus Chicago. "Ich freue mich sehr über diesen Post und eine neue Generation von Chefs", schreibt ein User. Da Sohn seine Vorstellungen auf der Karriere-Plattform teile, könnten sich auch andere Führungskräfte daran ein Beispiel nehmen. "Ich kann mich noch daran erinnern, als ich meinem Chef sagte, dass ich krank bin und er fragte ‘warum?‘, anstatt mir gute Besserung zu wünschen", schreibt jemand anders. "Das hier ist so eine wichtige Message."

Manche User merken jedoch an, dass es im wahren Berufsleben nicht ganz so einfach sei, wie Sohn sich das vorstelle. Zwar müsse man nicht alles wissen, aber es sei doch wichtig, dass Arbeitnehmer sich abmelden, wenn sie später kommen oder früher gehen – einfach um zu wissen, was los ist. "Respektvolle Kommunikation ist der Schlüssel", schreibt eine Userin.

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lau
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