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Arbeitszeiten: Chefin schickt Bewerbern Sonntagabends noch SMS - um zu gucken, wie sie reagieren

Um Mails zu checken oder mal eben noch etwas an den Kollegen weiterzuleiten, muss man heute zum Glück nicht mehr im Büro sitzen. Aber sollte man außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit noch arbeiten?

Arbeitszeiten verschwimmen heute immer mehr

Arbeiten kann man heute von fast überall - die Mail vom Chef nach Feierabend setzt viele Arbeitnehmer jedoch unter Druck. (Symbolbild)

Getty Images

Morgens auf dem Weg zur Arbeit schon mal die ersten wichtigen Nachrichten für den Tag checken, in der Mittagspause noch schnell eine Mail an den Kunden schreiben und nach der Arbeit auf der Couch die ToDo-Liste in der App abhaken – um zu arbeiten, braucht es heute schon lange kein Büro mehr. Das hat zahlreiche Vorteile: Man kann als Familienvater oder Mutter noch die Kinder in die Kita bringen oder als digitaler Nomade von Bali aus arbeiten. Doch wo und wann hört die Arbeit auf und wo fängt das Privatleben an?

Erst vor Kurzem hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass alle Mitgliedstaaten in der EU nun die konkreten Arbeitszeiten von Arbeitnehmern erfassen müssen; also nicht nur die Überstunden. Beides ist heutzutage in den meisten Fällen noch lange nicht Realität. In einem Interview mit der "New York Times" verriet Top-Managerin Erika Nardini, dass sie neuen Mitarbeitern dauernde Aufmerksamkeit quasi zur Ansage macht. Sie schickt potentiellen Bewerbern sonntagabends um 21 Uhr noch eine Nachricht – und schaut, wann diese antworten. "Ich nerve dich nicht das ganze Wochenende, damit du für mich arbeitest. Aber ich will, dass du aufmerksam bist", so ihr Credo. Sie erwarte zwar nicht von anderen Leuten, immer zu arbeiten – aber zumindest immer zu denken.

E-Mails im Bett checken

Eine Annahme, bei der wohl jeder empört widersprechen würde – die aber in der Realität schon längst angekommen ist. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 checken 44 Prozent der Arbeitnehmer ihre Mails am Samstag, 32 Prozent sogar auch sonntags – und häufen damit eigentlich Überstunden an. Dass 40 Prozent der Befragten ihre Mails sogar im Bett checken, zeigt, wie Arbeit und privater Raum verschwimmen. Welchen Einfluss das auf die Psyche haben kann, macht eine aktuelle Umfrage unter Angestellten in Deutschland, Österreich und der Schweiz deutlich: Alle, die Arbeit mit nach Hause nahmen – egal ob nun um Mails zu checken oder einfach, weil sie ein Thema weiter beschäftigte – berichteten von höherer Erschöpfung als jene, die außerhalb des Büros nicht arbeiteten. Selbst diejenigen, die ihren Job besonders gern machten, waren nicht vor Erschöpfung gefeit.

Ob und inwieweit ein Job mit fließenden Grenzen Einfluss auf die Psyche und das Privatleben hat, hängt sicher auch vom Empfinden und der Mentalität des Einzelnen ab. Gerade für Freiberufler oder Menschen mit vielen Terminen kann flexibles Arbeiten ein Vorteil sein und mehr Freiheit statt Stress schaffen. Laut Experten ist es dabei aber wichtig, über die Vermischung von Arbeit und Privatleben selbst kontrolliert zu entscheiden. Wer zum Beispiel einmal die Woche früher geht, um sein Kind aus der Kita abzuholen und danach noch etwas erledigt, hat selbst in der Hand, wann und wieviel er arbeitet. Jeden Abend weit nach Feierabend noch Mails vom Chef zu erhalten, gehört jedoch nicht dazu.

Vorbildfunktion der Führungskraft

Aber was können Unternehmen in Zeiten von Homeoffice und mobilem Arbeiten tun, um den Druck, dauernd erreichbar zu sein, von ihren Mitarbeitern zu nehmen? Darren Walker, Präsident der Ford Foundation, machte dazu 2016 einen guten Vorschlag: nicht das eigene Verhalten auf seine Mitarbeiter zu projizieren. Während er als absoluter Workaholic selbst an einem Abend mehrere Veranstaltungen besuchte, stellte er fest, dass viele seiner Mitarbeiter nicht so tickten. Oft schickte er ihnen nach Feierabend noch Mails mit neuen Ideen, die ihm gerade in den Sinn kamen – und sie entwarfen dann für ihn noch Konzepte oder antworteten zu später Stunde. Er schlussfolgerte für sich daraus, dass seine Verantwortung als Chef auch darin liegt, seinen Enthusiasmus nicht von allen zu erwarten und eine Vorbildfunktion einzunehmen. Das hieß für ihn: mit der Mail einfach bis zum nächsten Tag warten.

Frau ließt lustige Tweets
lau