HOME

6-Stunden-Experiment in Schweden: Wie lange wollen wir eigentlich arbeiten?

In Schweden experimentiert man mit 6-Stunden-Arbeitstagen. Das klappt nicht immer - und doch ruft es eine Hoffnung auch bei deutschen Arbeitnehmern wach. Wollen wir solche Modelle - oder geht es um etwas ganz anderes?

Wie lange sollten wir arbeiten, wie lange müssen wir?

Wie lange sollten wir arbeiten, wie lange müssen wir?

Jeden Tag acht Stunden - so sieht Deutschlands durchschnittlicher Arbeitstag aus. Menschen schleppen sich in Büros, Behörden, Tankstellen oder Restaurants und verrichten ihren Job. Mal mehr, mal weniger engagiert. Und das tun sie 30, 40 oder noch mehr Jahre lang. So sperrig, spröde und antiquiert sich diese Form des Arbeitens auch liest, sie ist Realität.

In Schweden versucht man, andere Wege zu gehen. Oder zumindest auszuprobieren, ob es nicht auch anders klappen könnte. Pflegeheime, eine Klinik und eine Fabrik haben die Arbeitszeit auf sechs Stunden am Tag reduziert. Mit durchwachsenen Ergebnissen. Während die einen den Krankenstand nicht signifikant senken konnten und die Mitarbeiterzufriedenheit sich kaum verbesserte, profitierten andere von effizienterem Arbeiten, weniger Ausfällen und dadurch höherem Umsatz. 

Auch in Deutschland ist die Studienlage eher verwirrend. Laut der Hans-Böckler-Stiftung würde fast jeder zweite Deutsche die Stundenzahl reduzieren und dafür auch Gehaltseinbußen in Kauf nehmen. Das Statistische Bundesamt hat andere Daten erhoben: Dort wollen nur 2,3 Prozent der Erwerbstätigen weniger arbeiten. Ja, wie denn nun?

Weniger Arbeit, mehr Geld

Die Widersprüche müssen noch von Experten aufgearbeitet werden. Ein Grund für die Abweichung kann sein, dass nicht jeder die Frage gleich gut versteht. Fragt man danach, wer gerne weniger arbeiten will, sind alle begeistert. Geht es dann aber auch gleichermaßen an den Gehaltsscheck, ist die Freude verflogen. Und: Geht es bei dieser Befragung um die Arbeitszeit, die im Vertrag steht - oder die man tatsächlich im Büro festhängt? Das schwedische Modell - weniger Arbeit bei vollem Gehalt - würde in Deutschland sicherlich Zuspruch finden. Aber wer hierzulande die Arbeitszeit verringert, muss auch mit weniger Geld klarkommen. Das wollen aber die wenigsten.

Ein weiteres Problem steckt in unserer Auffassung von Arbeit. Das zeigt auch der Vorstoß eines US-amerikanischen Paddle-Bauers. Er verdonnerte seine Angestellten, nur noch fünf Stunden am Tag zu arbeiten. Das klingt zunächst ganz zauberhaft, aber: Würden Sie Ihre Arbeit, die Sie nun in acht oder mehr Stunden erledigen auch in fünf schaffen? Das war nämlich gefordert worden von dem Chef. Wer das nicht schafft, fliegt raus. Knallhart, ja. Aber mit einem Hintergrund. Denn viel Zeit geht während der Arbeit für Nicht-Arbeiten drauf. Für die kleinen Momente an der Kaffeemaschine zum Plaudern. Das bisschen Gesurfe im Netz. Die Kleinigkeiten, die eigentlich privat sind, die man aber in der Arbeitszeit erledigt. Würde der Arbeitstag gestrafft, die Ablenkungen minimiert, wären wir alle leistungsfähiger - aber auch glücklicher im Job? Wie sehr brauchen wir die Ablenkung, wie sehr bereichern die Schwätzchen auf dem Flur unseren Alltag?

Nickerchen gefällig?: Hier dürfen Mitarbeiter am Arbeitsplatz schlafen

Flexiblere Arbeitszeit ist nötig

Das Interesse aus dem Ausland an Schwedens Testballons ist wenig überraschend. Doch das Modell ist nur schwer übertragbar. Wer in Deutschland weniger arbeiten will, muss sich von einem Teil des Gehalts verabschieden und die eigene Arbeitsweise straffen. Doch vielleicht geht es gar nicht um Überlastung im Job, sondern um den Wunsch, der Arbeit mal zu entfliehen - und somit eigentlich um mangelnde Motivation. Um fehlendes Lob vom Chef. Vielleicht nerven die Kollegen. Daran lässt sich arbeiten. Aber auch daran, dass die Firmenbosse von heute neue Arbeitszeitmodelle, effizientere Arbeitsweisen und flexiblere Strukturen etablieren.

stern-Fitness-Schule, Teil 4: Erste Hilfe gegen Rückenschmerzen