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Diskriminierung im Job: Nein, nur weil ich eine Frau und 30 bin, heißt das nicht, dass ich jetzt schwanger werde

Frauen, die die 30 erreicht haben und/oder verheiratet sind, bekommen immer wieder die selbe Frage gestellt: "Wann ist es bei dir so weit?" Unsere Autorin regt es gewaltig auf, dass Frauen vor allem im Job diskriminiert werden – nur weil sie gebären könnten.

Von NEON-Community-Mitglied Exy

Gleichberechtigung im Job

Nicht jede Frau will sofort ein Baby bekommen, nur weil sie 30 geworden ist

Getty Images

Ich bin 30 Jahre alt und frisch verheiratet. Wenn es nach den Vorstellungen meiner Umwelt geht, müsste ich bald schwanger werden – und dann? Dann war es das mit der Eigenständigkeit, erst mal. Ich dachte, wir leben in einer fortgeschrittenen Gesellschaft, in der es keine Unterschiede mehr gibt. Aber fangen wir von vorne an. Ich bin eine selbständige Frau mit abgeschlossenem betriebswirtschaftlichem Studium, angestellt in einem großen männerdominiertem Unternehmen, genau wie alle meine Freundinnen – oder soll ich lieber sagen Leidensgenossinnen? Wir haben alle fünf Jahre studiert und unseren Masterabschluss. Den habe ich sogar nebenberuflich gemacht, um bereits Geld zu verdienen und Berufserfahrungen zu sammeln.

Wir alle sind "Lebedamen": attraktiv, intelligent und wir lieben es zu feiern und verdienen unser eigenes Geld. Die meisten von uns haben seit langem einen Partner und wie es dann doch so ist mit der Tradition, entschließt man sich irgendwann zu heiraten. Das bedeutet für viele Menschen den Entschluss, ein Kind zu bekommen. Das wird man eigentlich ab dem Tag der Verlobung gefragt: "Wann ist es denn so weit?" 

Bei jedem Anzeichen ist man sofort schwanger

Es kommt nicht nur von der eigenen Familie, es kommt auch von den Kollegen. Letztens war mir schlecht auf der Arbeit, ein einfacher Magen-Darm-Infekt. "Na schwanger?" Wütend wollte ich den Kollegen, übrigens männlich (sowas kommt immer nur von männlichen Kollegen) mit einem Schwangerschaftstest aufs Klo zerren, entschloss mich dann aber doch für mein Bett. Die Reaktion meiner eigenen Schwester, als ich schrieb mir sei schlecht: "Schwanger?" Als ich 24 Jahre alt war, durfte ich noch einfach "Magen-Darm" haben und keiner hat mich gefragt, ob ich schwanger sei. Mit 30 ist das nicht mehr erlaubt.

Ich weiß es zwar nicht offiziell, aber inoffiziell rechnet mein Chef auch schon damit, dass ich jederzeit schwanger werden könnte. Da muss man dann mal gucken, welche Projekte ich bekomme. Darf ja nicht zu langfristig sein. Ich bin ja jetzt verheiratet, also kann ich jederzeit schwanger werden. Aber befragt dazu werde ich nicht, ist ja offiziell auch verboten. Wäre ja unfair und diskriminierend. Es interessiert niemanden, dass ich jetzt noch gar nicht bereit bin für ein Kind. In meinem Kopf findet das irgendwann mit 35 statt. Wenn ich dann Lust habe und es so sein soll – aber nicht jetzt.

Sind Frauen über 30 nicht mehr vermittelbar?!

Doch es ist auch mein eigener Mann, der mich schockiert und an dem ich schmerzlich erfahren musste, wie die Gesellschaft tickt. Er erzählte mir von seinem Job. Er hat mehrere Sekretärinnen. Im Zuge einer Umstrukturierung muss er sich für eine entscheiden, die er "mitnehmen" darf ins neue Unternehmen. Seine Bewertung war die folgende: "Die eine hat nichts auf dem Kasten, die andere ebenfalls nicht, mit der einen verstehe ich mich wirklich gut und sie hat auch wirklich Ahnung, aber sie ist 30, sobald sie einen Festvertrag hat, wird sie schwanger werden." Da ist mir der Kragen geplatzt.

Wie war das mit der Gleichberechtigung?

Letztens war ich auf einem Mädelstrip am Ballermann mit meinen studierten kinderlosen Freundinnen. Eine von uns arbeitet zu viel für zu wenig Geld. Das ist ein anderes Thema aber wir kamen mit einem Personalvermittler ins Gespräch. Sie erzählte ihm wo sie arbeitet. Sein Rat war: Sie solle dort bleiben. Es sei ja eigentlich ein gutes, namenhaftes Unternehmen und mit 30 sei man auch schwer vermittelbar. Schließlich bekomme man dann bald Kinder.

Ein 30-jähriger Mann mit ihrer Berufserfahrung und Einstellung wäre heiß begehrt und die Unternehmen würden sich um ihn reißen. Wie war das mit der Gleichberechtigung? In meiner Männerdomäne gibt es natürlich auch einige Frauen in Führungspositionen. Zwei von ihnen sind tatsächlich schwanger geworden und zwar unverheiratet. Aber sie wissen jetzt schon, dass sie die Führungsposition danach nicht mehr haben werden. Geht ja nicht mit Kind. Da muss die Frau zurückstecken.

Ich weiß nicht wann, aber ich weiß: nicht jetzt

Ich möchte nicht darauf reduziert werden, dass meine biologische Uhr tickt. Auch nicht darauf dass ich vielleicht bald Kinder bekommen könnte. Konnte ich übrigens auch schon die letzten 14 Jahre – hab ich aber nicht gemacht. Ich weiß nicht, wann ich schwanger sein möchte, aber ich weiß: jetzt nicht. Jetzt möchte ich die Früchte ernten, für die ich gelernt und gearbeitet habe.

Ich habe vor einem Jahr den Job intern gewechselt. Da stand in meinem Lebenslauf noch "ledig". Hätte ich den Job auch bekommen, wenn "verheiratet" mein Status gewesen wäre? Sind meine Jobchancen jetzt noch mehr gesunken? Nicht nur 30, sondern auch verheiratet. Vielleicht sollte ich mir einen Zettel auf die Stirn kleben: "Ich möchte noch nicht schwanger werden!" Wie die Leute wohl gucken würden?

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Eine junge Frau sitzt lächelnd am Computer und hält sich mit der linken Hand einen Kugelschreiber an den Mund
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