HOME

Als Deutsche in New York: Fake-Hochzeit: Ich habe meinen Freund für eine Greencard geheiratet

Job gekündigt, Möbel verschenkt, Land verlassen – wie ich für eine Greencard geheiratet habe und nach New York gezogen bin.

Greencard Hochzeit

Eine Greencard zu bekommen ist gar nicht mal so leicht, selbst wenn man dafür schon geheiratet hat (Symbolbild)

Ich habe mir nie meine Traumhochzeit ausgemalt, geschweige denn von Haus, Garten und Familie geträumt. Dass ich mit Mitte Zwanzig auf einem New Yorker Standesamt eine Wartenummer aus dem ziehe, um mich spontan in der Mittagspause trauen lasse, hätte ich trotzdem nicht für möglich gehalten.

Für viele ist es das Unromantischte überhaupt: für eine Greencard heiraten. Für meinen amerikanischen Freund Jake und mich war dieser Schritt nach nur dreimonatigem Zusammenleben allerdings ein echter Liebesbeweis. Besonders Jake hätte so einige Bedenken haben können. Er verpflichtet sich durch die Heirat zum Beispiel gegenüber dem Staat, mich finanziell zu unterstützen, falls ich hier beruflich nicht Fuß fasse. Außerdem muss er mir Zugang zu seinem Bankkonto geben, da ein gemeinsames Konto von den Behörden als Beweis für eine echte Ehe gern gesehen wird. Als frischgebackene Uniabsolventin bringe ich leider so gar kein Vermögen mit, er dagegen hat schon jahrelang gespart. Einen Ehevertrag haben wir uns trotzdem geschenkt. Genau wie eine echte Hochzeit, einen Heiratsantrag oder Ringe.

"Ich vertraue dir", sagte Jake

Den Entschluss zu heiraten haben wir im Dezember letztes Jahr leicht verkatert beim Frühstück gefasst – ein paar Tage vor meiner geplanten Heimreise nach Berlin. Bis zu dem Zeitpunkt war unsere Beziehung ein Testballon und wir hatten keine Ahnung, wo die Reise hingeht. Kennengelernt habe ich Jake 2016 in einer Bar, während ich für ein Praktikum drei Monate in verbracht habe. Durch verrückte Zufälle hat es mich beruflich noch ein paar Mal zurück in den Big Apple geführt und Jake und ich hielten Kontakt. Aus kurzen Nachrichten wurden stundenlange Skypecalls und irgendwann beschlossen wir, in den Urlaub zu fliegen. Dass wir uns ziemlich gerne mögen, konnten wir danach nicht mehr verleugnen. Aber auf eine Fernbeziehung zwischen Berlin und New York hatten wir auch keine Lust.

Also handelte ich mit meinem Chef ein Sabattical aus und packte meine Koffer für erneute drei Monate, die ich dank meines Journalistenvisums problemlos in New York bei Jake verbringen durfte. Natürlich war meine Begeisterung für ihn und New York am Ende der drei Monate nicht verflogen, sondern verfestigt. So standen wir kurz vor Weihnachten vor der großen Frage: Was nun?  Um mir eine echte Existenz samt Job, Krankenversicherung und Wohnsitz in New York  aufzubauen, brauchte ich eine Arbeitsgenehmigung und Greencard. "Ich würde dich heiraten. Ich vertraue dir", rückte Jake bei besagtem Katerfrühstück raus. "Ich hab eigentlich eh keine Lust auf meinen Job in Berlin", antwortete ich. Seine einzige Bedingung: dass wir es für uns behalten. Er befürchtet, seine eher konservativen Eltern und seine Freunde, die ihn als ehemaliges Bilderbuchexemplar der Generation Beziehungsunfähig kennen, könnten Vorurteile haben. Ich willige ein und der Plan steht fest.

Trauung in der Mittagspause

Einen kleinen Haken hatte unser Geheimhalteplan von Anfang an – bei der Trauung muss ein Zeuge anwesend sein. Also holten wir seinen besten Freund John ins Boot. Zu dritt fuhren wir auf das nächst gelegenste Standesamt. Einen Termin braucht man nicht, man zieht einfach eine Nummer. Auch das Ambiente ist ganz genau wie im Bezirksamt. Wir tragen passenderweise schwarz.

Eine Stunde später sind wir verheiratet, köpfen eine Flasche Champagner mit John und kehren zurück in unseren Alltag. ist erschreckend leicht. Der schwere Teil kommt danach. Denn auch eine echte Beziehung garantiert noch lange keine Bewilligung des Greencardantrags. Gerade in Zeiten der Trumpregierung ist die Bearbeitungszeit so lang wie nie. Über ein Jahr kann der Prozess dauern.

Fazit von der Anwältin: "Ziemlich verdächtig"

Hört man sich unter anderen Greencard-Bewerbern um, bekommt man fast immer den Rat, einen Anwalt zu beauftragen. Wir buchten stattdessen nur eine von Jakes Firma zur Verfügung gestellte komplementäre Rechtsberatung. Das Ergebnis hätte nicht niederschmetternder sein können. "Wärt' ihr mal früher gekommen", sagt uns die Anwältin kopfschüttelnd.

Mit einem Journalistenvisum ins Land zu kommen und dann kurz nach der Einreise zu heiraten, sehe gar nicht gut aus. Ich hätte ausreisen, ein Verlobten-Visum beantragen und erst damit wieder einreisen und bei der Grenzkontrolle meine Hochzeitspläne offenlegen sollen. Drei Monate sollen außerdem mindestens zwischen Hochzeit und Antragstellung liegen, sagt sie weiter. Je schneller wir vorgehen, desto mehr sehe es nach Scheinehe aus. Und unseren geplanter Trip nach Südamerika – gedacht als perfekte Honeymoon-Illusion – sollten wir bloß nicht antreten, sonst müsste ich bei der Rückreise ja wieder die Behörden anlügen und wer wisse was dann passiert. Nachdem Jake noch auf seine Liquidität geprüft wurde, bekommen wir eine lange Liste an To-Dos: gemeinsames Konto eröffnen, beide Namen in den Mietvertrag aufnehmen lassen, Hochzeit ausrichten, Glückwunschkarten einkassieren und alles schön mit Fotos Dokumentieren. Wow, langsam dämmert uns, was für ein Unterfangen das Ganze ist – und dass unsere Idee von der heimlichen nicht aufgehen wird.

Der Papierkram und die Kosten

Wir entscheiden uns, die Bewerbung ohne Anwalt einzureichen. Das bedeutet erstmal, die Website der USCIS – der amerikanischen Einwanderungsbehörde – akribisch zu durchforsten. Natürlich gibt es nicht nur einfach ein großes Formular mit dem Namen "Greencard nach Hochzeit". Ich bin froh, dass Jake Muttersprachler ist, denn alle Anleitungen sind wahnsinnig umständlich. Welche Formulare man genau braucht, ist auch nicht direkt klar. Mehrmals rufen wir die USCIS an und bitten um Hilfe. Letztendlich müssen wir sieben Anträge ausfüllen mit jeweils bis zu zwölf Seiten plus Anhänge, die unsere gesamte Wohnsitz- und Arbeitshistorie offenlegen. Zusammen mit den Anträgen schickt man direkt die Checks mit, insgesamt rund 1800 Dollar kostet alles zusammen – und zwar egal, ob die Anträge bewilligt oder abgelehnt werden. Wer sich einen Anwalt zu Hilfe nimmt, kann nochmal ein paar Tausend Dollar obendrauf rechnen.

Unsere "Hochzeitsreise" haben wir übrigens trotzdem angetreten – und haben extra viele Fotos gemacht. Wie seit dem auch bei jedem gemeinsamen Treffen mit Familie oder Freunden. Dokumentation ist ab jetzt alles.

Die Bombe platzt

Nachdem wir das offizielle Verheiratetsein selbst ein bisschen verdaut hatten, mussten wir die Bombe platzen lassen. Sonst gibt’s schließlich keine Grußkarten und Fotos. Ergo keine Beweise und keine Greencard. Mit unseren Freunden war unsere Devise, eine betrunkene Grundstimmung abzuwarten. Das hat ziemlich gut geklappt und im Grunde hat uns niemand die Heimlichtuerei übel genommen. Die meisten können es total verstehen und finden es eher lustig. Auch unsere Familie hat Verständnis, wobei manche unser "es-war-wirklich-keine-echte-Hochzeit"–Gerede nicht ernst nehmen wollen. Ob wir uns verheiratet fühlen, wird immer wieder gefragt.

Dazu sagen wir: nein. Für uns fühlt sich immer noch alles nach einer relativ frischen Beziehung an. Nach Freund und Freundin, nur eben mit ein bisschen mehr Verantwortung für einander. Und mit einem gewissen Team-Gefühl. Wir haben jetzt eine Mission zusammen. Wenn uns eines Tages nach "echter" Ehe sein sollte – da sind wir uns einig – dann gibt's einen Antrag, eine Feier, Kleid, Ringe und den ganzen Kram.

Das Interview

Unser Verhör bei den Behörden ist die letzte große Unbekannte. Meine Fingerabdrücke habe ich schon abgegeben und meine vorläufige Arbeitserlaubnis sollte hoffentlich jeden Moment bei mir einflattern. Aktuell warten wir auf die Einladung zum Interview, zu dem wir beide erscheinen und sehr persönliche Fragen zu unserer Beziehung und Wohnsituation beantworten müssen. Wir bekommen dann entweder sofort die Zu- oder Absage, oder die Antwort per Post mitgeteilt. Das bleibt den Beamten überlassen.

Um perfekt vorbereitet zu sein, haben wir übrigens bei unserem letzten Besuch in Deutschland sämtliche Freunde zum Brunch eingeladen, ich habe mich in das alte Standesamtkleid meiner Schwester geschmissen und wir haben ein paar ziemlich echt aussehende Fotos gemacht. Wenn alles glatt läuft, war die Sache am Ende vermutlich doch viel weniger Aufwand, als eine echte Hochzeit auszurichten.

Denksportaufgabe: Könnt ihr diese Matheaufgabe für 10-Jährige lösen?
NEON
Themen in diesem Artikel