HOME

Stefanie Hanssen: NEON-Traumjob: Wie wird man eigentlich ... Parfumeurin?

Traumjob gefunden: Stefanie Hanssen ist Parfumeurin. Vor fast zehn Jahren hat sie sich selbstständig gemacht und entwickelt seitdem ihre eigenen Düfte. Mit NEON sprach sie über ihre Leidenschaft und was für sie persönliche Freiheit bedeutet.

NEON-Traumjob: Wie wird man eigentlich … Parfmeurin?

Stefanie Hanssen hat sich 2009 mit ihrer eigenen Parfümerie Frau Tonis Parfum selbständig gemacht. Mit NEON sprach sie über ihren Traumjob.

Um wen geht’s?

Stefanie Hanssen, 50, entwickelt Düfte. 2009 hat sie in Berlin die Parfumerie "Frau Tonis Parfum" gegründet und hat sogar einmal einen politischen Duft herausgebracht.

Was machst du den ganzen Tag?

Im Moment arbeite ich an einem neuen Duft, seit acht Monaten schon. Jetzt fragen sich natürlich viele, wie man sich eine Parfumentwicklung vorstellen muss? Also: Ich arbeite mit unzähligen Parfüm-Rohstoffen, dem sogenannten "Geruchsalphabet", die sich in kleinen Glasflakons befinden. Die Essenzen von Sandelholz, Mitternachtsjasmin und Teerosen werden im Zentrum des neuen Duftes stehen. Diese drei sind in den vergangenen acht Monaten zu hunderten Varianten verbunden worden, mit einer Alkohol-Wasser-Lösung verflüssigt und mit weiteren Ölen aus den Duftfamilien "blumig" und "holzig" veredelt worden. Es ist ein ständiges "trail and error". Und das geht so lange, bis ich den diffusen Traum von meinem Duft in die Realität übersetzt habe.

Wie wird man das?

Aus purer Leidenschaft! Vor zehn Jahren hatte ich während eines Konzertes in der Berliner Philharmonie ein absolut außergewöhnliches Parfum an der Dame neben mir wahrgenommen, wagte es aber nicht, sie nach ihrem Duft zu befragen. Dann habe ich mich in den Tagen darauf auf mein olfaktorisches Gedächtnis verlassen und  umfangreiche Recherchen in Berliner Parfümerien betrieben. Leider ohne Ergebnis. Richtig niederschmetternd waren die aggressiven Verkaufsgespräche in den Beautyabteilungen. Anstatt auf meine Beschreibungen einzugehen, wurden immer wieder die "angesagtesten" Düfte angeboten. Große Marken, viele Mainstream-Düfte. Im Laufe meiner Odyssee fragte ich mich: Warum verkauft man so etwas wie Parfum nicht mit mehr Leidenschaft? Müsste man dem Kunden nicht intensiv zuhören? Ihm womöglich einen maßgeschneiderten Duft kreieren können?

Sechs Monate später gründete ich dann meine eigene Parfümerie. Ich arbeite mit zwei Parfumhäusern zusammen. Gewidmet ist die Parfümerie meiner Großmutter Toni-Luise, die mit ihrer Vorliebe für Manufakturen, maßgeschneiderte Kleider und exotische Parfums mein Leben bereichert.

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören – und warum?

Mich ärgert das Motto der Beautybranche "Sex sells" wirklich maßlos. Man muss nur einmal durch ein Modemagazin schauen und die Anzeigen der großen Parfummarken miteinander vergleichen: Da dient der Duft immer als Mittel zur Paarungshilfe. Mal ist es eine halbnackte Minderjährige, die einen Flakon wie einen heiligen Gral in die Kamera hält, mal ist es ein gut gebauter Adonis, der unbekleidet den Fluten entsteigt. Duft macht also angeblich verführerisch. Dass Duft so viel mehr mit uns macht, dass er uns inspirieren kann, uns in das Unterholz unserer eigenen Vergangenheit zurückführt, dass er uns mitnimmt auf gedankliche Reisen, das ist sozusagen mein Credo.

Wie ist die Bezahlung?

Anfangs war das nicht so leicht. Bei der Gründung wollte keine der Berliner Banken das Projekt finanzieren. Der Markt sei übersättigt, die Marke zu sperrig, ich zu sehr Autodidakt. Selbst meine Fundierung als Betriebswirtin hat nicht überzeugt. Und so waren die ersten drei Jahre richtig hart. Heute habe ich ein Team von 15 Leuten und wir alle können gut davon leben. Ich verreise sehr gerne, bin großer Fan der Antike und besuche mit meinem Mann und Sohn alle Stätten in Europa auf, die uns etwas über die alten Griechen und Römer erzählen. Dass ich mir diese "Ausflüge" heute leisten kann, ist in der Tat mein größtes Vergnügen hinsichtlich des Erfolges.

Was ist das Beste am Job?

Ich kann die Welt der Düfte immer neu erfinden! Das heißt, ich kann Düfte kreieren, die sich die großen "Player" gar nicht zutrauen, weil meine Parfums vielleicht nicht marktkonform sind. Das ist für mich echter Luxus! Ohne Druck und ohne ein strenges Management im Rücken Entscheidungen treffen zu können. Ich empfinde das als meine persönliche Freiheit.

Was ist das Nervigste?

Das sind die Nachahmer, die mit ähnlichen Konzepten auf den Markt der Nischenparfums drängen. Die übernehmen teilweise unsere Philosophie, unsere Art, Düfte zu verkaufen – und sogar Elemente unseres Webshops. Zum Glück gibt es uns nun schon seit einem Jahrzehnt und wir haben uns unseren Erfolg hart erarbeitet. Vielleicht müsste es uns eigentlich schmeicheln, dass andere uns zu kopieren versuchen, aber das gelingt uns nicht immer. Ich muss lernen, da mehr Ruhe zu bewahren und meine Energie für positive Dinge zu nutzen.

Dein Tipp für Newcomer?

Wenn Du dich mit deiner Idee selbstständig machen willst, dann lass’ dich von ängstlichen Bürokraten nicht davon abhalten. Hätte ich auf die Berliner Banker gehört, dann hätte ich "Frau Tonis Parfum" niemals gegründet. Es war eine Mischung aus Intuition, betriebswirtschaftlichem Sachverstand und der Gewissheit, dass der Einzelhandel für außergewöhnliche Retail-Konzepte reif ist. Die Bedeutung des Onlinehandels darf man auf keinen Fall unterschätzen. Wer heute im Retail noch ohne Onlineshop auskommt, handelt wirklich fahrlässig. Wir verkaufen mittlerweile rund 40 Prozent unserer Düfte übers Netz.

Johann Waschnewski
rpw
Themen in diesem Artikel