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Maria Lorenz: NEON-Traumjob: Wie wird man eigentlich ... Podcast-Produzentin?

Von einem eigenen Podcast träumt gefühlt halb Deutschland – aber wie macht man das eigentlich professionell? Maria Lorenz ist eine der erfolgreichsten Podcast-Produzentinnen Deutschlands und hat uns verraten, wie sie an diesen Traumjob gekommen ist.

Podcast-Produzentin Maria Lorenz erzählt von ihrem Traumjob

Maria Lorenz ist eine der erfolgreichsten Podcast-Produzentinnen Deutschlands. Ihre Firma Pool Artists betreut aktuell rund 30 Podcasts.

Um wen geht’s?

Maria Lorenz ist 38 Jahre alt und produziert seit zehn Jahren Podcasts. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von Pool Artists, einer Podcast-Produktions- und Beratungsfirma aus Berlin. Zusammen mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Frida Morische und ihren Mitarbeitern betreut sie rund 30 Podcasts, darunter zum Beispiel den stern-Podcast "Faking Hitler" oder die Produktionen der "ZEIT" – Anzahl steigend. 

Was machst du den ganzen Tag? 

Einen typischen Arbeitsalltag gibt es zum Glück gar nicht – das finde ich gerade reizvoll. Aber grob kann man den Job in zwei Kategorien aufteilen: Meetings, in denen wir neue Podcasts besprechen, uns mit Neukunden treffen oder mit dem Team über die Produktion reden; und Aufnahmen. Ich nehme zwar nicht mehr viel selbst auf, aber zum Beispiel noch "Alles gesagt?" von der "ZEIT". "WIMAF" [Anm. d. Red.: "Wiedersehen macht Freude" mit ihrem Verlobten Nilz Bokelberg – übrigens der Lieblingspodcast unserer Autorin Denise] nehme ich noch auf und ab und zu "Gästeliste Geisterbahn". Ich reise aber auch viel, halte Vorträge über Podcasts bei Konferenzen. Ich bin froh, wenn ich mal eine Woche zu Hause bin. An manchen Tagen muss ich um 5 Uhr aufstehen, an manchen kann ich bis 11 Uhr schlafen. Diese Abwechslung brauche ich. Jeden Tag um dieselbe Uhrzeit aufzustehen, habe ich schon versucht – das halte ich nicht aus. Auch in immer gleichen Abläufen fühle ich mich total gefangen. Ich will jedem Tag neu begegnen. 

Wie wird man das eigentlich?

Die meisten fangen so an, dass sie erstmal einen eigenen Podcast machen. Aber man sollte nicht unterschätzen, wie anstrengend und zeitaufwändig das ist. Obwohl sich gerade so viele Leute in diesen Job drängen, glaube ich, dass da noch sehr viel Potenzial ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Podcast-Branche in Deutschland ist noch relativ klein. Abgesehen von der Produktion eines eigenen Podcast ist es aber momentan auch sehr ratsam, ein Auge auf den Service rund um Podcasts zu haben und Dienstleistungen oder Tools für Hörer und Unternehmen anbieten. In Amerika gibt es schon sehr interessante Sachen, zum Beispiel Firmen, die darauf spezialisiert sind, Gesprächspartner für Podcasts zu vermitteln. Sowas wird irgendwann auch in Deutschland wichtig.

Ich bin seit fünf Jahren hauptberuflich Podcast-Produzentin. Die ersten zwei Jahre liefen aber alles andere als gut, ich habe kaum Geld verdient und konnte mich so gerade eben über Wasser halten. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass die Deutschen einfach ein bisschen länger brauchen – zum Glück. Am Anfang fanden die Kunden es eine Frechheit, dass ich überhaupt Geld für einen Podcast haben wollte. „Du machst das doch als Hobby! Du kannst dir dann ja unseren Namen auf die Website schreiben!“ Das hat sich mittlerweile zwar geändert, aber manche Leute sind immer noch überrascht, dass sowas nicht nur 30 Euro pro Folge kostet. 

Bevor ich mit den Podcasts angefangen habe, habe ich in der Musikbranche unter anderem im Booking gearbeitet. Mit Ende 20 habe ich dann nochmal angefangen "American Studies" zu studieren und bin dabei über Podcasts gestolpert. Wir hatten so ein Seminar über neue Medien in Amerika. Aus dem Studium heraus hatte ich damals Zeit, nebenher schon mal damit anzufangen. Das war schon gutes Timing. 

Dass Gefühl, dass gerade jeder einen Podcast macht, ist schon richtig – aber in den nächsten Jahren wird das auch wieder zurechtschrumpfen, weil viele merken, wie viel Arbeit das eigentlich ist. Die Hörer werden entscheiden, ob es jetzt wirklich den 500. Interview-Podcast geben muss. Ich glaube, in Zukunft wird es noch mehr aufwendige Produktionen geben, in Richtung Hörspiel oder groß recherchiert. Im Moment trauen sich die meisten natürlich an Gesprächsformate ran, weil die einfach und dadurch billig zu produzieren sind. 

Bei Podcasts gibt es immer mal wieder Trends. Eine ganze Weile gab es viele Sex-Podcasts, dann ganz viel True Crime. Das kommt in Wellen, wenn gerade ein Thema besonders erfolgreich ist. Aber das ist normal. Seit "Schlag den Raab" versuchen ja auch alle, „Schlag den Raab“ nachzumachen. Funktioniert halt nicht so gut. Weil Raab nicht mehr da ist. 

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören? 

Ich kann es nicht mehr hören, dass Leute Podcasts als Hype bezeichnen. Das klingt immer so, als wären die bald wieder weg vom Fenster. Aber Podcasts sind ein neues Medium – so wie Radio oder Fernsehen – das bleibt. Dass sie jetzt gerade so populär geworden sind, hängt mit der technischen Entwicklung zusammen. Smartphones haben mehr Speicherplatz und das Datenvolumen in den Tarifen wird immer größer, dass das sich die Leute Folgen runterladen und unterwegs hören können. 

Und selbst in meinem entfernten Bekanntenkreis höre ich relativ oft: "Ich habe da so eine Podcast-Idee ..." Am Ende wird sich dann immer vorsichtig rangewagt, ob ich nicht was für eine Freundin produzieren kann. Es tut mir immer total leid, dass ich das dann nicht kann – aber wenn es eine gute Idee ist, habe ich auch schon Leute zusammengeführt. 

Wie ist die Bezahlung? 

Die ersten drei Jahre habe ich alles alleine gemacht. Damals war die Bezahlung sehr schwankend, weil ich projektweise bezahlt wurde – wie jeder Selbstständige. Meine Einnahmen waren zwar gut, dafür hatte ich absolut keine Work-Life-Balance. Jetzt, mit den Mitarbeitern, der Firma und den Büros ist es erstaunlich wenig. (lacht) Dafür habe ich jetzt aber wieder Wochenenden. Ich würde sagen, im Moment habe ich ein gutes, durchschnittliches Gehalt. 

Natürlich gibt es Leute – auch in Deutschland –, die jetzt schon mit Podcasts total reich geworden sind. Wenn man Sponsoring- und Werbepartner hat, und der eigene Podcast durch die Decke geht, kann man sehr viel verdienen. Wer das aber lieber wie ich machen will, muss sich im Klaren sein: Je mehr Kunden man hat, desto höher werden die Ausgaben. Je mehr Aufträge wir bekommen, desto mehr Personal brauchen wir auch. Aktuell haben wir vier feste Mitarbeiter und ein Netzwerk aus ungefähr 15 freien. 

Was ist das Beste an deinem Job?

Dass ich machen kann, was ich will. Frida und ich hatten früher beide Jobs, bei denen wir oft nicht voll und ganz hinter Projekten und Kunden stehen konnten. Heute haben wir das Privileg, Anfragen abzulehnen, weil zum Beispiel die Mitarbeiter in einem Unternehmen schlecht behandelt werden oder Zweigstellen einer Firma die AfD unterstützen. Wir lieben es sehr, solche Entscheidungen zu treffen, ohne sie vor jemandem rechtfertigen zu müssen. Natürlich hat man als Chefin die ein oder andere schlaflose Nacht, weil man die Verantwortung für Mitarbeiter hat – aber die Freiheit, nur das machen zu müssen, was wir machen wollen, ist einfach toll. Am Anfang war das natürlich anders. Da habe ich alles für jeden produziert. 

Was nervt? 

Ich habe viel zu viele Meetings. Ich würde meine Zeit lieber mit effektiver Arbeit verbringen, als mit Kunden in zig Gesprächen zu sitzen und jedes Detail zu besprechen. Klar machen manche Meetings Sinn – aber viele auch nicht. 

Und am Anfang wurde ich von anderen Podcastern dafür angefeindet, dass ich mit meiner Arbeit überhaupt Geld verdiene. Das war so nach dem Motto: Wir haben das alle als Hobby angefangen – ich verdiene jetzt Geld damit und habe mich "verkauft". Was die Leute nicht sehen, ist, wie schleppend alles anlief und wie oft ich zu mir und anderen sagen musste "Das wird schon noch." 

Dein Tipp für Newcomer? 

Es gibt natürlich noch einen Bildungsweg in die Podcast-Welt. Was helfen kann, ist, dass man zum Beispiel zum Experten für ein bestimmtes Thema wird. Wie bei Journalisten auch. Du kannst aus fast jeder Branche heraus einen Podcast machen, wenn du ein gutes Team hast, das ihn für dich produziert. Man kann sich aber auch eine Art Ausbildung zusammenfummeln, indem man Audio-Design oder sowas studiert. Wir haben damals aber auch alles autodidaktisch gelernt. 

Ich kann aber auf jeden Fall raten, nicht das zu machen, was gerade alle in den Podcast-Charts machen. Es gibt noch sehr, sehr viel, das noch nie jemand ausprobiert hat. Wir haben hier täglich Ideen, die so noch nie gemacht wurden. Und man sollte auf keinen Fall unterschätzen, wie viel Arbeit das Produzieren ist. So ein Podcast ist nicht nur irgendwo sitzen und in ein Mikro reden. Von den meisten Gescheiterten höre ich, dass es viel mehr Arbeit war, als sie dachten. 

Wenn Leute meinen, sie könnten wie Jan Böhmermann und Olli Schulz einen Podcast à la „Fest und Flauschig“ machen, vergessen sie oft, dass die beiden auch vorher schon bekannt waren und das Format schon vorher in einem sehr bekannten Radiosender lief. Reichweite ist einfach ein großes Thema. Dazu kommt: Als die beiden das gestartet haben, hat das noch niemand gemacht. Heute würden die so ein Format auch nicht mehr starten. Wenn ich in meinen Mail-Posteingang gucke, weiß ich aber: Die Zeit, dass Leute meinen, ein zweites „Fest und Flauschig“ zu machen, ist noch lange nicht vorbei. Jan Böhmermann und Olli Schulz sind Entertainer, die wissen, wie man Geschichten erzählt. Das unterschätzen die meisten. Man sollte sich aber immer fragen: „Warum sollte mein Podcast mehr als vier Hörer bekommen?“ Es gibt natürlich Leute, die privat gerne einen Podcast machen wollen und mit wenigen 100 Hörern total zufrieden sind. Es muss ja nicht jeder Geld damit verdienen. 

Mehr Traumjobs findet ihr unter neon.de/traumjob.