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Frederik Sturm: NEON-Traumjob: Wie wird man eigentlich … Mode-Designer?

Traumjob gefunden: Frederik Sturm ist Mode-Designer. Mit seinem Label Arys entwirft er funktionale Kleidung für jeden Tag – die gleichzeitig auch noch stylisch aussieht. Mit NEON sprach er über das Verhältnis von Preis und Qualität und die Suche nach der perfekten Jogginghose.

Frederik Sturm

Frederik Sturm ist Modedesigner mit eigenem Label

Um wen geht's?

Viele von uns haben doch als Kinder manchmal bäuchlings auf dem Boden gelegen, Kleider gemalt und davon geträumt, irgendwann mal Modedesigner/in zu werden – oder? Frederik Sturm, 25, hat es geschafft. Sein Label Arys feiert weltweit Erfolge, hat zahlreiche Preise gewonnen - dabei fing alles eigentlich nur mit der Suche nach der perfekten an. 

Was machst du den ganzen Tag? 

Mein durchschnittlicher Arbeitstag fängt je nach körperlicher und geistiger Verfassung zwischen 6.00 Uhr und 11.00 Uhr morgens an. Durch unseren Kundenstamm in arbeite ich quasi in zwei bis drei Zeitzonen. Da erledige ich schon vieles für unsere Freunde in Seoul oder Shanghai bevor ich mein Müsli gegessen habe und gestriegelt im Büro sitze. Ab dann gibt es alles Mögliche zu tun, mal ist es entspannt und mal müssen wir große Brände löschen. 

Ich habe das große , einen Geschäftspartner zu haben, der sich zu meinem Unverständnis total für Zahlen und bürokratische Prozesse begeistern kann. Sowas hält natürlich den Rücken frei und gibt mir den Freiraum, die Firma inhaltlich weiterzuentwickeln, sowie unser globales Netzwerk zu erweitern. Bedeutet: weniger Excel, mehr Reisen. Somit verbringe ich eine beträchtliche Zeit in Zügen oder Flugzeugen, um beispielsweise unsere Teams in Asien zu unterstützen. Da besteht ein Tagesablauf aus einigen Meetings, üppigen Dinners und geselligen Umtrunks. Alles zum Wohle der Firma versteht sich. 

Wer glaubt, der besteht hauptsächlich aus der kreativen Arbeit am Produkt liegt leider falsch. Die Gestaltung einer repräsentativen Marke und die dahinterliegende Verwaltung der komplexen Wertschöpfungskette sind dermaßen umfangreich, dass kreative Sessions immer viel zu kurz kommen. 

Wie wird man das? 

Ich habe als kleiner Junge gerne an Kleidungsstücken rumgetüftelt und träumte immer davon, der nächste Wolfgang Joop zu werden – nein, Blödsinn: Es ist kaum zu glauben, aber ich hatte bis zur Gründung des Labels mit Fashion überhaupt nichts am Hut. Trends sind an mir ungehindert vorbeigezogen und einen Massenkonsum à la Fast Fashion habe ich missbilligend zur Kenntnis genommen. Die meisten Teile in meinem Schrank besaß ich schon seit der Mittelstufe und wenn überhaupt konnte ich mich vielleicht zwei Mal im Jahr dazu aufraffen, mir neue zu kaufen. 

Trainingsanzüge fand ich hingegen immer schon toll und furchtbar praktisch. Allerdings war kaum ein gängiges Modell wirklich für alle Lebenslagen geeignet und das Ansehen von Trainingsanzügen in der breiten Öffentlichkeit eher negativ behaftet. Aus meiner "faulen" Einstellung zur Mode wuchs nach beendetem BWL-Studium und etwas Berufserfahrung in der Gesundheitsbranche die Ambition "Superman"- bzw. "Superwoman"-Anzüge zu kreieren, die einfach alles können, vor Wind und Wetter schützen und dabei noch eine richtig gute Figur machen. Die Multifunktionalität der Anzüge sollte dabei auch bezwecken, nicht viele Kleidungsstücke im Alltag zu benötigen und überquellende Kleiderschränke zu verhindern. 

Mit 21 Jahren erhob ("arise") ich mich von meiner modischen Lethargie und gründete Arys, völlig frei von jeglichem Knowhow und der dazugehörigen Branchenkenntnis... Viele Fehler mündeten in reichlich Erfahrung und irgendwann hatte ich den Dreh raus. Anscheinend hatte ich mit dieser Idee einen Nerv getroffen. Ein paar Jahre und Awards später sind unsere Produkte in weltweit renommierten Department Stores erhältlich.

NEON-Traumjob: Mode-Designer bei Arys

Multifunktionalität wird in Fritz Sturms Designs groß geschrieben

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören? 

"Wieso sind deine Klamotten so teuer?" Fast Fashion hat leider das Preisgefühl für Bekleidung komplett zerschossen. Shoppen gehen sollte grundsätzlich eine Notwendigkeit bleiben und kein exzessives Hobby werden, weil das langfristig nicht nur das Portemonnaie, sondern vor allem die Umwelt belastet. Wir selektieren unsere Materialien sehr bedacht mit den Kriterien Qualität, Funktionalität, Innovation und Herkunft, um eine Langlebigkeit aller Produkte zu garantieren. Unsere Kollektionen halten wir klein, um jedes Teil nach besten Wissen und Gewissen zu gestalten. Wir setzen auf eine rein europäische Produktion, nicht nur aus qualitativen, sondern auch aus ethischen Gründen. Hier gibt es tolle Möglichkeiten, fantastische Kollektionen zu erschaffen, die weltweit für Begeisterung sorgen. 

Diese Gründlichkeit in qualitativer und sozialer Hinsicht verlangt natürlich einen höheren Preis, aber dafür haben unsere Kunden die Sicherheit, dass es in unserer gut kontrollierten Wertschöpfungskette nicht zu humanitär fragwürdigen Umständen kommt. Das kann nicht jeder von sich behaupten... Der gesamte Prozess der Modeerschaffung bemisst sich nicht mehr nur aus dem "Was" sondern auch aus dem "Wie". Mode muss wieder mehr als Handwerk verstanden werden und nicht als billiges Massenprodukt. Ich konnte in der Frühphase von Arys Erfahrung mit Betrieben in Fernost sammeln und habe für mich ganz klar feststellen müssen, dass die Produktion meiner Firma dort nicht angesiedelt wird. Allerdings möchte ich durchaus erwähnen, dass es dort auch tolle und vorbildliche Betriebe gibt, die hervorragende Arbeit leisten.

Wie ist die Bezahlung? 

Sehr überschaubar. Das Erreichen unserer ambitionierten Ziele hat eine deutlich höhere Priorität, als die Höhe meines Kontostandes. Gute Arbeit wird in den meisten Fällen belohnt, deswegen vertraue ich darauf, das mittel- oder langfristig auch was für mich dabei rauspringt. Wichtiger ist erstmal, dass wir Menschen mit unseren aufregenden Produkten begeistern können. Alles andere kommt dann von alleine. Für mein Team und mich ist es manchmal sehr verletzend, wenn vor allem auf Facebook gegen unsere höheren Preise gepöbelt wird und uns ein daraus resultierend ausschweifender Lebensstil unterstellt wird. Da würde ich manchen Leuten gerne die Kalkulationen um die Ohren hauen, damit sie ein minimales Verständnis dafür bekommen, was es bedeutet, Produkte herzustellen, an denen jeder in der Kette gerecht mitverdient. Ich kann definitiv hiermit bestätigen, dass ich mich nicht regelmäßig auf Yachten in St.Tropez wiederfinde und im dekadenten Ausmaß Champagnerflaschen knacke. 

Was ist das Beste am Job? 

Das ist bei der Vielfalt des Jobs und den vielen spannenden Geschäftsreisen schwer zu sagen, aber vermutlich die weltweiten Messen, an denen wir teilnehmen. Ein Leichtathlet trainiert und trainiert für den Moment, wenn endlich die Olympischen Spiele losgehen. Dann kann er sich zeigen, denn die ganze Welt schaut auf ihn. So in etwa verhält sich das auch mit den Messen. Das sind unsere Olympiaden, wenn auch in kürzeren Zyklen. In wenigen Tagen bekommt man da das umfassende Feedback einer ganzen Branche für die Kollektion, an der man fast 20 Monate lang gearbeitet hat. Einkäufer von global renommierten Stores bis hin zu CEOs absoluter Weltmarken begutachten die Arbeit. 

Bisher kommen wir kritiktechnisch immer sehr gut weg und das beflügelt dann doch sehr, wenn eingefleischte Brancheninsider und Marktführer ihre Begeisterung für unsere Arbeit teilen. Da kann ich mir ein Lächeln oft nicht verkneifen und muss ein paar Jahre zurückdenken, als ich mit modisch anspruchslosen Jogginganzügen durch Neukölln schlurfte und nicht den geringsten Gedanken daran verschenkt habe, welche Fashion Trends aktuell angesagt sind. Erzähle ich Interessenten von meinem Hintergrund, so riskiere ich doch des Öfteren schockierte Blicke.

NEON-Traumjob: Mode-Designer bei Arys

"Wir setzen auf eine rein europäische Produktion, nicht nur aus qualitativen, sondern auch aus ethischen Gründen", sagt Fritz Sturm – das hat seinen Preis

Was ist das Nervigste? 

Es ist Sommer 2018 und wir beschäftigen uns schon mit der Kollektion für den Sommer 2020. Dieses Arbeiten in verschieden Zeitschienen mit den enormen Vorlaufzeiten für die komplexen Kollektionen ist oft kompliziert, zermürbend und bisweilen auch verwirrend. Das ist so, als ob ein Neuntklässler für die Klausuren der 11. Klasse lernt aber noch gar nicht weiß, ob er in die 10. versetzt wird. Eine Glaskugel wäre da manchmal hilfreich... Ein weiterer sehr aufreibender Faktor ist, dass man als neues Label bei Stofflieferanten und den Fabriken oft noch hintenansteht, weswegen es gerade in der Anfangsphase zu zahlreichen Verzögerungen kommt. Da kann es durchaus sein, dass wir die Samples erst bekommen, wenn die meisten Händler ihre Orderbudgets schon aufgebraucht haben und erneut würde die Glaskugel helfen, um vorherzusehen, wie viele Teile etwa verkauft werden. 

Es ist doch ein steiniger Weg, bis man von allen Seiten ernst genommen wird. Da ist es auch manchmal nötig, mit der Faust auf den Tisch zu hauen und plötzlich kann der Produzent doch rechtzeitig liefern. Mir wäre es lieber, wenn sich von Anfang an alle an ihre Deadlines halten würden, aber das gehört anscheinend ein Stück weit zur Branche dazu. 

Dein Tipp für Newcomer? 

Ich denke Arys ist ein guter Beweis dafür, dass man als Quereinsteiger mit anderen Blickwinkeln für frischen Wind sorgen kann. Deswegen ist meine Empfehlung unabhängig von Erfahrung und Knowhow, nicht zu sehr nach rechts und links schauen und den eigenen Instinkten zu folgen. Man selbst sollte immer der beste Kunde seines Produktes sein, denn dann kann man sich das "Warum" schlüssig beantworten, was wiederum einer der wichtigsten Voraussetzungen ist, um andere Menschen zu inspirieren und zu begeistern. 

Wer sich zu sehr an Anderen orientiert, riskiert gewöhnlich zu werden und den Charme und die Persönlichkeit seiner Produkte zu verlieren. Wer sich entscheidet, eine Bekleidungsmarke im größeren Stile zu gründen, muss auch mit besten Produkten einen sehr langen Atem haben, denn der Markt ist hart umkämpft.