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NEON-Online-Knigge: Lass deine Umarmung stecken: Warum Verabschiedungen unnötig geworden sind

Wir tragen unsere Freunde in unseren Hosentaschen herum. Wir sehen ihre Insta-Stories, schicken uns Live-Standorte und 24/7 Nachrichten – und trotzdem verabschieden wir uns inbrünstig bei jeder Offline-Gelegenheit. Unser Autor hat einfach keine Umarmungen mehr in sich. 

Von Nils Ketterer

Zwei Mädchen Arm in Arm im Feld

Umarmungen sind schön und gut – aber überflüssig, findet unser Autor

Unsplash

Vor ein paar Wochen hat sich jemand von mir verabschiedet und es war das letzte Mal, ich schwöre es. "Ciao" hat sie gesagt. Und wie es sich für gehört, habe ich mich umgedreht und bin gegangen. Abschließen. Durch eine Türe. Ein bisschen melancholisch im Bauch, wie es sich eben für eine gute Verabschiedung gehört.

Dann vibrierte mein und da stand: "Hi" und dann noch irgendwas. Von der selben Person. Ich antwortete und wir verabschiedeten uns nochmal, online, sie sagte "Danke, Ciao" und zwei Stunden später wieder "Hi". Geht’s eigentlich noch?!

 Stellt euch vor, das passiert offline. Da würde man ein bisschen verlegen rumdrucksen und irgendwas murmeln mit "Was für ein Zufall, du schon wieder hier, naaa, das ja komisch etc., und wie geht’s deiner Mama, jaa jetzt aber wirklich ciao, mach's gut, ne …" Das geht so nicht. Das bringt alles durcheinander. Verabschiedungen gehören ans Ende, aber es gibt ein Problem: Es gibt kein Ende mehr. Wir tragen uns immer gegenseitig in unseren herum. 

Ich verabschiede mich erst, wenn du deine Schuhe anhast

Das gilt online wie offline. Wisst ihr, was ich meine? Offline ist es ja schon schlimm genug. Es verabschiedet sich jemand und steht dann noch drei Minuten irgendwo im Gang herum und du sitzt da, lächelst gequält und wartest, bis es wieder halbwegs sozial akzeptabel ist, dich deinen Katzenvideos am Handy zu widmen. Und im schlimmsten Fall stellen die sich dann wieder drei Minuten später in den Türrahmen und sagen nochmal "Tschüss!". Ohne mich, Leute. Ich weigere mich, mich von jemandem zu verabschieden, der seine Schuhe noch nicht anhat. Ich reagiere einfach nicht, gucke aus dem Fenster oder so was, bis der endlich fertig ist. Dann vielleicht.

Aber wozu brauchen wir das eh alles noch? Verabschiedung. Seit ich mit meinen Freunden den ganzen Tag auf vier verschiedenen Kanälen kommuniziere, fühlt sich jede Umarmung wie unnötiges Drama an. Ist ja gut, du fährst in den Prenzlauer Berg, ich bleib hier in Neukölln, alles wird gut. Schulterklopf. Ich seh' dein Gesicht den ganzen Tag! Ich sehe deine Videos und deine Stories. Ich hab eh schon mehr von dir, als mir lieb ist. Ich lieb dich ja, eh, ich habe nur eben eine begrenzte Anzahl an und Verabschiedungen für einen Tag in mir. Sie sind leider gerade ausverkauft und wir sehen uns doch später bei mir und ich werde dir mindestens zwei Spotify-Links in der Zwischenzeit schicken und du wirst mich unter einem so mittellustigen Meme verlinken. 

Wir wissen immer alle, wo alle sind

Wir brauchen uns nicht mehr verabschieden und wir brauchen uns auch nicht mehr begrüßen. Wir machen einfach immer weiter und rollen auf der regenbogenfarbenen Zeitachse in die Unendlichkeit, wie Stephen Hawking auf LSD. Wir brauchen keine Stopp-Schilder mehr und keine Ampeln auf der Milchstraße. Einfach weiter. Alles verschwimmt. Ja, so wird es, so wird es werden. Wir wissen immer alle, wo alle sind. Jeder hat seine eigene Karte des Rumtreibers. Auf Parties kommt und geht jeder, wann er will. 

Teile von uns sind immer überall. Sind sie ja eh schon immer gewesen. Dafür braucht es kein "Tschüss, pass auf dich auf!" Bitte, du hast meinen verdammten Live-Standort, lass mal die Glückwünsche stecken. 
 
Wir seh'n uns im Internet.
Nils

 

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