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Facebook-Krankheit : Tag Baiting: Was Menschen dazu bringt, sich unter sinnlosen Bildern zu verlinken

Die Facebook-Timeline unserer Autorin wird regelmäßig von Bildern geflutet, unter denen ihre Freunde andere Menschen verlinkt haben. Sie kann das nicht verstehen und hat deshalb Experten gefragt, warum das sogenannte Tag Baiting so gut funktioniert.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch voll geklebt mit Post-Its

Hilfe, meine Facebook-Timeline ist voll von sinnlosen Memes!

Getty Images

Es nervt.

"L muss dir ein Meerschweinchen kaufen."

"Markiere einen Freund, der auch öfter bauchfrei tragen sollte."

"Frauen mit diesen Anfangsbuchstaben werden gleichzeitig schwanger."

Warum verlinken Menschen ihre Facebook-Freunde unter Bildern, die größtenteils von jedem Sinn befreit sind?

Die Facebook-Timeline voll mit Tag Baiting

Glücklicherweise werde ich selbst meist von solchen Markierungen verschont (meine Abneigung ist inzwischen bei meinen Freunden bekannt), meine Facebook-Timeline ist trotzdem voll damit. Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen ein lustiges Meme, aber ich möchte nicht meinen Namen unter einem Bild lesen, auf dem eine junge Frau über einer Kloschüssel hängt:

Das so genannte Tag Baiting auf Facebook ist ein beliebtes Mittel, um Interaktionen mit Usern zu generieren. Mit einem einfachen Bild werden Leute dazu animiert, ihre Freunde in den Kommentaren zu verlinken, was zusätzliche Interaktion bringt. Die Bilder sind oft so grotesk schlecht gemacht, dass es schon fast wieder lustig ist. Grobe Rechtschreibfehler, grausame Stockfotos oder Farbkombinationen, bei denen einem schlecht werden kann, halten die Leute nicht davon ab, unzählige Namen darunter zu verlinken.

Wieso springen so viele Menschen auf diese primitive Form des Marketings an? Oder ist das Meme-Tagging etwa zu einer neuen Form der Kommunikation geworden?

Memes sind "Kommunikationsanker"

"Wie viel, das auf Social-Media-Profile hochgeladen wird, hat denn überhaupt einen Sinn?", entgegnet Philipp Ikrath, Vorsitzender des Vereins Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung, auf unsere Frage, warum sich die Menschen so gerne auf sinnlosen Bildern verlinken. "Katzenbilder? Döner-Foodies? Das 37. Bild aus dem Malaysienurlaub? Gerade in den sozialen Medien geht es ganz oft gar nicht um Sinnfragen sondern nur darum, welche Sujets - Bilder, Texte, Memes - am besten dazu geeignet sind, weitere leere Kommunikation zu erzeugen." Besonders solche Bilder, die dazu auffordern, einen Facebook-Freund zu markieren, seien "hervorragend dazu geeignet, Folgekommunikation zu erzeugen, da sie die den markierten Freunden die Gelegenheiten gibt, die Markierung wiederum zu kommentieren oder in einer anderen Art und Weise darauf zu reagieren". Dabei mache es keinen Unterschied, ob sich der Markierte veräppelt vorkommt oder geschmeichelt fühlt. 

Bei den Bildern geht es laut Ikrath nicht um die Inhalte, sondern um ihre Funktion als "Kommunikationsanker", also darum, dass sie eine (virtuelle) Unterhaltung auslösen können. "Deswegen funktionieren sie so gut", sagt er. "Genau wie spektakuläre Überschriften, die auf vollkommen nichtssagende Artikel verweisen. Dann kann man sich zumindest noch darüber echauffieren, warum man diesen Artikel angeklickt hat, das Niveau der Webseite kritisieren oder einen ironischen Kommentar verfassen, ganz unabhängig vom nichtigen Inhalt des Artikels." Ob es eine Rolle spielt, dass die Markierungen bei Facebook auch für andere Freunde sichtbar sind, wollen wir wissen. "Ganz bestimmt. Je größer die Öffentlichkeit, desto mehr Folgekommunikation."

Los geht's! 😂😂👭👫👬😍👈

Gepostet von Nur ein Idiot lässt ein Mädchen wie dich gehen. am Sonntag, 25. März 2018

Sind wir alle Egozentriker?

Längst warnen Psychologen bereits vor den negativen Folgen von Kommunikation über soziale Netzwerke."Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen sich zunehmend Ich-bezogen und individualistisch verhalten", sagt etwa Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen. "Selbstverwirklichung ist oft wichtiger als die Rücksichtnahme auf andere. Es entsteht eine Kultur des Egozentrismus." Aus Sicht des pensionierten Lehrers geht es bei den Markierungen auf Facebook schlicht und ergreifend um Aufmerksamkeit. "Wenn sich zum Beispiel Leute unterhalten, wollen viele von sich selbst erzählen. Wenige Menschen sind in der Lage zuzuhören und sich in den Gesprächspartner einzufühlen. Viele haken ein oder unterbrechen: 'Und bei mir war das so …'. Daher ist es natürlich attraktiv, wenn sich Menschen in sozialen Netzwerken darstellen und inszenieren können. Es geht darum, möglichst viele Zuschauer zu haben."

Aufmerksamkeit hin oder her. Wer das nächste Mal ein Bild wie das mit der kotzenden Frau auf dem Klo sieht, an einen Freund denken muss und es ihm unbedingt zeigen will, kann es ja auch in einer privaten Nachricht verschicken. Dann muss sich keiner schämen und meine Facebook-Timeline bleibt von euren Insider-Witzchen verschont. Danke!

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Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?