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Interview

Sexismus: Das "Kaffee-Koch-Gen"?! Wie man sexistische Sprüche kontert

Unsere Autorin ärgert sich über sexistische Sprüche und weiß oft nicht, wie sie darauf reagieren soll. Das Buch "No more Bullshit" will Abhilfe schaffen und Stammtischparolen entlarven. Die Tricks.

Personen in Bar an Tisch

Nicht nur an Stammtischen fallen oft markige Sprüche. Das Buch "No more Bullshit" will Antworten geben, wie man am besten kontert

Getty Images

"Ach, das macht bei uns auch immer meine Frau". So begrüßte mich ein Kollege in der Kaffeeküche, als ich bei einem Praktikum morgens die leeren Kaffeekanne auffüllte. Vielleicht war der Spruch lustig gemeint – für mich fühlte er sich absolut sexistisch an. Er wertet nicht nur mich und die Frau des Kollegen ab, sondern passte auch wunderbar zum Bild der Praktikantin, die Kaffee kocht.

Rückblickend wäre ich in diesem Moment gerne schlagfertiger gewesen und hätte den Spruch gekontert. Eine Situation, die sicher viele Frauen kennen. Aber wie kann man solchen Aussagen begegnen, anstatt einfach nur mit den Augen zu rollen?

"No more Bullshit"

Diese Frage versucht das Buch "No more Bullshit – Das Handbuch gegen sexistisches Stammtischwissen" zu beantworten. Herausgegeben hat es das österreichische Frauennetzwerk "Sorority". In 15 Kapiteln setzen sich Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Gesellschaft mit Aussagen und Argumenten auseinander, die vermeintlicher Weise nie so gemeint, aber schnell dahingesagt sind.

Eine der Autorinnen ist Melinda Tamás. Die Forscherin und Kommunikationstrainerin lebt in Wien und beschäftigt sich mit Themen wie Antidiskriminierung und politischer Bildung. Mit NEON hat sie darüber gesprochen, wie man Stammtischparolen kontern kann.

Melinda, wie hätte ich auf den Kaffee-Koch-Spruch meines Arbeitskollegen reagieren können?

Ich denke, es geht nicht darum, in jeder Situation die passende Antwort bereit zu haben. Ich beschäftige mich seit über zwanzig Jahren mit dem Thema und bin in vielen Situationen immer noch oft sprachlos. Es geht vielmehr darum, eine Haltung zu haben und diese deutlich zu machen. In deiner Situation hättest du benennen können, wie es dir bei so einer Aussage geht, dass du seine Aussage sexistisch findest. Oder du hättest ihn fragen können, was er denn genau damit sagen will. Ich höre oft: „Kann man jetzt gar kein Kompliment mehr machen?“ oder „Gehen wir jetzt weg von der Romantik?“. Aber darum geht es überhaupt nicht. Natürlich kann man sich höflich verhalten – als Mann und als Frau. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Arbeit und dem Eindringen ins Private. Wenn der Kollege dich im beruflichen Kontext mit seiner Frau vergleicht, wechselt er die Ebene.

Im Anschluss habe ich mit Kollegen über den Vorfall in der Küche gesprochen. Einige fanden, ich würde mich zu sehr aufregen und überreagieren. Wie siehst du das?

Das sehe ich nicht so. Wenn du dich in der Situation komisch gefühlt hast, dann war es komisch – darüber gibt es nichts zu diskutieren. Und es ist wichtig, so eine Empfindung anzusprechen und zu teilen. Vielmehr ist die Reaktion deiner Kollegen eine der aktuellen Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft: Wenn wir Frauen etwas aufzeigen, mit dem wir uns unwohl fühlen, werden wir oft mit Zuschreibungen konfrontiert wie: „Sei doch nicht so hysterisch“ zum Beispiel. Damit wird man als Frau wiederrum nicht ernst genommen. Ich habe noch nie gehört, dass jemand gesagt hätte: „Wow, du hast den Kaffee so gut gekocht wie mein Mann zu Hause“. Das ist natürlich Sozialisation, denn keine Frau wurde mit einem „Kaffee-Koch-Gen“ geboren, aber es ist leider immer noch selbstverständlich, Frauen fürs Kaffeekochen zu loben und viel seltener für die tatsächliche berufliche Qualität.

Im Nachhinein hat man dann viele Ideen, was man hätte sagen können. Kann man lernen, schlagfertiger zu werden?

Ja, ich glaube schon – auch wenn es hier nicht den einen, richtigen Satz gibt. Schlagfertigkeit und eine Reaktion hängen mit der eigenen Haltung zusammen. Im ersten Schritt muss man sich fragen: Was finde ich ungerecht? Nicht nur Frauen gegenüber, sondern generell allen in unserer Gesellschaft benachteiligten Gruppen, wie Flüchtlingen zum Beispiel. Danach ist es wichtig, sich zu fragen, warum man in dieser speziellen Situation reagieren will. Wie man letztendlich reagiert, hängt sehr von der Person ab. Manche Menschen reagieren mit einem Witz, manche machen einfach nur deutlich, dass es unpassend war. Eine gute Strategie ist immer, nachzufragen: „Was meinst du jetzt genau damit?“. Wenn man bis zur letzten Konsequenz nachfragt, entlarvt sich der Gesprächspartner oft selbst oder erkennt, dass die Reaktion unpassend war.

Wie sollte ich nicht reagieren?

Das Gegenüber zu belehren oder von oben herab zu reagieren, ist nicht sinnvoll. So erzwingt man eine Verteidigung, statt Einsicht zu schaffen. Generell ist es auch wichtig, den Gesprächspartner nicht von vorn herein zu kategorisieren oder ihm etwas zuzuschreiben, denn auch die Person hat einen Hintergrund, aus dem er agiert.

Einen Spruch zu kontern kann aber auch mit Risiko verbunden sein: Im besten Fall gibt es eine Diskussion, im schlechtesten Fall lande ich bei meinem Chef oder vergifte das Arbeitsklima mit dem Kollegen. Sollte ich es in manchen Situationen einfach gut sein lassen?

Ja, ich glaube, man muss sich nicht immer verleitet fühlen, zu reagieren. Es geht um eine Balance: Wenn wir 24 Stunden gegen alles und jeden ankämpfen, bringt uns das nicht weiter. Immer wegzuschauen, ist aber auch keine Option – die Lösung liegt wohl in der Mitte. Jede Reaktion ist ein Prozess für uns selbst und die eigene Haltung. Es ist auch immer ein Abwägen. In deinem Fall hättest du zum Beispiel schauen können, ob der Kollege solche Bemerkungen auch gegenüber anderen Frauen macht. Mit anderen darüber zu sprechen, kann helfen. Sollten die Kollegen jedoch langfristig nicht darauf reagieren und niemand dieses Verhalten komisch finden, würde ich mich fragen, ob ich in so einem Arbeitsklima wirklich arbeiten will.

Kollegen zu kontern ist das eine – aber wie verhalte ich mich, wenn in meinem privaten Umfeld sexistische oder sogar rassistische Sprüche fallen?

Im privaten Umfeld ist die Situation noch komplizierter - denn es sind Freunde oder Familienangehörige, denen man emotional verbunden ist. Ich würde immer versuchen, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, davon ausgehend ein Gespräch aufbauen und in der Diskussion mit Nachfragen arbeiten. Es ist jedoch auch wichtig, mal zuzugeben, dass ein Argument des Gegenübers nachvollziehbar war. Ein weiterer Aspekt ist, offen zuzuhören und die Reaktion des Gesprächspartners oder der Gesprächspartnerin zu verstehen: Sind es wirklich Sorgen, die die Menschen bewegen, oder ist es Hetze? Ist das Thema einfach zu komplex, sodass man sich gar nicht richtig damit befassen will und dahinredet, oder ist es Neid? Darauf kann man dann gezielt reagieren.

Gerade bei Themen wie Antisemitismus oder Rassismus kann es dann sinnvoll sein, sich Argumente und Fakten für eine Diskussion anzueignen, mit denen man Floskeln kontern kann. So lassen sich Generalisierungen entlarven – es sind schließlich nicht die Moslems oder die Juden oder die Arbeitslosen. Denn viele dieser Parolen beruhen auf Zuschreibungen oder Stereotypen und werten Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihres sozialen Status ab. Eine Strategie, der auch Rechtspopulisten folgen: sie verkürzen und verallgemeinern, und meistens nicht zum Positiven.

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