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Interview

"O'Bros": Christliches Hip-Hop-Duo: "Wir können nicht davon rappen, wie viele Mütter wir f*****"

Vor einiger Zeit ging ein Video ihres TV-Auftritts in der Sendung "Gott sei Dank" viral. Danach bekamen die O'Bros viel Zuspruch – aber auch Morddrohungen. Ein Gespräch über Glaube, Authentizität und die Frage, ob bei christlichen Konzerten eigentlich auch BHs fliegen. 

Maxi und Alex von den O'Bros

Alex (r.) und Maxi sind Brüder – und rappen gemeinsam als O'Bros über ihren Glauben

"Endlich Sonntag, danke Gott! All day churchen mit dem Squad. Wir gehen raus und spreaden love. Worship mit dem Squad, uhuh!" Mit diesen Songzeilen wurden Maxi und Alex ganz plötzlich deutschlandweit bekannt. Während sie sich vorher als christliches Rapper-Duo bereits eine solide Fanbase aufgebaut hatten, hätte niemand damit rechnen können, wie schnell sich das (zu diesem Zeitpunkt bereits alte) Video im Internet verbreiten würde.

Auch in meiner Timeline tauchte es auf und – ich will nicht lügen – so richtig ernst nahm ich die beiden Jungs mit dem "Bekenntnis"-Pulli nicht. Erstens, weil ich mich selber gerne als den wandelnden Antichrist beschreibe und zweitens, weil einem bekennenden Deutschrap-Fan die doch sehr handzahmen Lyrics der Brüder unweigerlich irgendwie sauer aufstoßen. Aber irgendwie interessierte es mich doch. Meinten die das ernst? Hörte das wirklich irgendjemand? Und mal ganz im Ernst: War das wirklich nötig? Also schrieb ich den Jungs eine Nachricht – und hatte nicht lange danach Alex an der Strippe.

O'Bros: "Wenn wir keine Christen wären, würden wir trotzdem noch rappen"

NEON: Also, euer Video fanden ja nicht alle nur gut…

Alex: Wir sagen immer: Die Meinungen sind geteilt wie das Meer vor Mose, um ein paar Klischees zu bedienen. Dass das Video viral ging, was zu dem Zeitpunkt ja schon ein Jahr alt war, kam ziemlich plötzlich und unerwartet. Natürlich gab es viele Leute, die es echt cool fanden, aber wir haben auch viele Beleidigungen und sogar Morddrohungen bekommen. Das war zum Teil wirklich extrem. Aber wenn man mit einer Message wie unserer ankommt, muss man halt davon ausgehen, dass sich einige Leute auf den Schlips getreten fühlen. Aber unter dem Strich ist PR PR.

Die Message ist ja in der Altersgruppe inzwischen relativ selten ...

Vor allem im Hip-Hop. Das Genre assoziiert niemand mit Christentum. Im Gegenteil. Und dann kommen da plötzlich zwei kleine Jungs an, die Raps über ihren Glauben schreiben. Da werden natürlich viele Menschen erstmal ultra getriggert. Aber ich meine: Hip-Hop lebt vom Stilbruch, finde ich.

Kommt die Kritik auch aus eigenen Reihen? Immerhin habt ihr Songzeilen wie "Komm mal runter, habibi". Das müsste die Hardcore-Christen doch eigentlich auch triggern.

Natürlich gibt es auch Skepsis aus den eigenen Reihen. Das ist ein bisschen ein Drahtseilakt. Für manche Christen ist man zu viel Hip-Hop und für manche Hip-Hopper zu viel Christ. Letztendlich kann man es niemandem zu 100 Prozent recht machen. Aber wir bekommen aus den eigenen Reihen eigentlich wenig Kritik, weil wir das ganze auf eine authentische Art machen. Wir sind halt zwei junge Studenten. Und diese Authentizität ist glaube ich vor allem im Hip-Hop wichtig, da soll man ja immer "real" sein. Ich sitze hier gerade im Zimmer meines Bruders mit Hochbett. Ich könnte jetzt nicht über Straße und Drogen rappen und wie viele Mütter ich ficke.

Aber hört ihr in eurer Freizeit Deutschrap? Bonez und Co.?

Ja. Ich weiß, dass es viele Christen gibt, die das nicht möchten, weil es teilweise ja schon frauenverachtend und gewaltverherrlichend ist. Das kann ich auch verstehen, aber ich persönlich liebe Hip-Hop einfach sehr. Und was soll ich sonst hören? Es gibt ja nicht besonders viel christlichen Hip-Hop.

Hat eure Musik einen missionarischen Hintergrund? Oder soll es Hip-Hop von Christen für Christen sein?

Dahinter steckt zu nullkommanull Prozent eine Agenda. Das wird einem ja oft unterstellt. Oder dass man sich von der Kirche vor den Karren spannen lässt, um dem Ganzen ein cooles Image zu verpassen. Aber das ist nicht unser Ziel. Wir wollen damit junge Christen ermutigen und ihnen sagen, dass sie sich nicht für ihren Glauben schämen müssen. Glaube ist heutzutage einfach out, weshalb ich auch viele junge Christen kenne, die sich nicht offen dazu bekennen. Aber wir wollen niemanden bekehren. Wir rappen über das, was uns auf dem Herzen liegt. Und wenn wir keine Christen wären, würden wir trotzdem noch rappen.

Mein Bruder und ich haben mit sechs Jahren angefangen, Songs zu schreiben. Und da ging es auch schon immer um den Glauben. Das kam irgendwie intuitiv.

Euer Vater hat in eurer Kirchengemeinde auch schon Musik gemacht, richtig?

Genau. Wir sind in einem christlichen Haushalt aufgewachsen, da kommen die Werte natürlich her. Aber es ist jetzt nicht so, als hätten unsere Eltern gesagt, wir sollen Lieder über Jesus schreiben. Das ist einfach das Thema, über das ich am leichtesten Songs schreiben kann, weil es ein so wichtiger Teil von mir ist. So wie es bei Bonez MC vermutlich sein Ghetto ist.

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Da geht es ja immer viel darum, wie man sich hochgearbeitet hat und um die eigene Geschichte …

Ja. Um die Street-Credibility. Und wir haben die Church-Credibility.

Ihr wollt euch nicht von der Kirche vor den Karren spannen lassen – aber was ihr da macht, bringt der Kirche ja auf jeden Fall was.

Das kann sein, weil wir ja für den gleichen Glauben stehen. Aber uns ist extrem wichtig: Wir stehen für den Glauben und nicht für die Kirche. Ich stehe kein bisschen für die katholische oder die protestantische Kirche. Aber ich stehe zu 100 Prozent hinter meinem Glauben. Die Kirche ist auch nur eine menschliche Institution und ihre Vertreter machen genau so viele Fehler wie alle anderen Menschen auch.

Aber die Kirche wird massiv von euch profitieren. Die haben ja ein akutes Nachwuchs-Problem. Junge Menschen glauben entweder weniger oder schämen sich wie du sagst für ihren Glauben, weil der nicht mehr in ist. Denen sterben die Anhänger weg und so Sachen wie WLAN in der Kirche wird es nicht rausreißen, auch wenn der Name "Godspot" natürlich mega ist.

Ich glaube, das Problem, was viele Leute damit haben, ist, dass es wahnsinnig gezwungen und unauthentisch rüberkommt. Wir verstellen uns nicht. Wir beide sind junge Menschen in einer modernen Welt, die ihren Glauben auf eine moderne Art und Weise ausleben. Wir fragen uns nicht täglich "Boah, worauf stehen junge Menschen? Lass mal irgendwas mit Hashtag oder Like machen:" Ich glaube, das ist der wesentliche Unterschied zwischen dem, was wir machen und dem, was die machen.

Es gibt einen Artikel über euch auf einer Seite, die unter anderem auch ziemlich fragwürdige Artikel zu Menschen teilt, die früher Dragqueens und homosexuell waren und seit sie zum Glauben gefunden haben angeblich nicht mehr schwul sind. Das ist da sehr aggressiv aufgeschrieben mit plakativen Headlines à la "ER LEBTE ALS TRANSGENDER", etc. Ist das die Art Glaube, für die du einstehst?

Nein. Sobald mit dem Glauben Menschen verletzt werden, widerspricht das meiner Meinung nach den Grundzügen unseres Glaubens. Ich finde es schade, dass wir Christen uns in Sachen Annahme und Wertschätzung und Nächstenliebe teilweise von der Gesellschaft Nachhilfe geben lassen müssen. Weil das ja eigentlich das Herz unseres christlichen Glaubens ist: Annahme und Nächstenliebe unabhängig davon, wer und wie du bist. Das ist eigentlich das, wofür Jesus gekommen ist. Und dass wir uns da heutzutage teilweise Nachhilfe von der Gesellschaft geben lassen müssen, ist ein Armutszeugnis für uns Christen. Meiner Meinung nach hätten es die Christen sein müssen, die schon vor 50 oder 60 Jahren gesagt hätten "Hier läuft was schief, hier werden Menschen nur wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert".

Glaubst du, dass das die Aufgabe der neuen Generation von Christen ist, der du auch angehörst? Glaube und Religion so in die Zukunft zu heben, dass sie eine Chance hat, in der Zukunft zu überleben?

Ja. Das ist auf jeden Fall eine unserer Aufgaben. Ich glaube allerdings nicht, dass wir den christlichen Glauben zukunftsfähig machen müssten – im Gegenteil. Wir müssen wieder zurück zu unseren Wurzeln kommen und zurück zu unseren Werten kommen. Annahme, Toleranz und Nächstenliebe sind die eigentlichen Werte, auf denen das Menschenbild des Christentums fundiert, und diese sind absolut zukunftsfähig.

Fliegen bei christlichen Konzerten eigentlich auch BHs?

Bislang nicht.

Kriegt man als christlicher Rapper unanständige Nachrichten?

Nicht so viele. Es gibt zwar einen gewissen Hype um einen und auch eine ordentliche Fanbase. Aber für schmutzige Nachrichten sind die meisten zu anständig.

Was noch nicht ist, kann ja noch werden.

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