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Datensicherheit: Dein Handy hört wahrscheinlich zu – und du hast keine Ahnung

Es heißt immer wieder, dass unsere Smartphones alles mithören. Unser Autor glaubt zu wissen, dass dem so ist. Sein Handy hört ihn ab. Doch was kann er dagegen tun?

Von Nils Ketterer

Dein Handy hört wahrscheinlich zu – und du hast keine Ahnung

Die "New York Times" (NYT) hat 1000 Apps identifiziert, die tatsächlich im Hintergrund mithören. Wie können wir uns davor schützen, dass unser Handy uns abhört?

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Es war 4 Grad draußen, handschuhkalt würde ich sagen. Vor allem auf dem Rad, da fällt dir an der Ampel schnell mal ein Finger ab, so kalt war es. Ich sagte der Frau, mit der ich an der Ampel stand, dass ich einen verdammt langen Heimweg auf dem Rad vor mir hätte und sie sagte: "Hier, nimm meine Radhandschuhe." Ich habe dann noch zweimal laut drüber nachgedacht – und BÄM.

Da war sie, die Werbeanzeige im Feed am nächsten Morgen. Super Fahrradhandschuhe. Jetzt kaufen. Wenn das ein normaler Handschuh gewesen wäre, wäre alles in Ordnung. Es wird Herbst, ich habe Hände. Why not? Aber ein Fahrradhandschuh? Am nächsten Tag? Das hätte nur jemand wissen können, der dabei gewesen ist. Nur mein Handy war dabei. Langsam wird mir das etwas spooky, liebe Leute. 

Man sieht, was man will? 

Ich weiß, dass man manchmal nur sieht, was man sehen will. Einmal an English Breakfast gedacht und schon sehe ich überall Bohnen und Spiegeleier herumfliegen. Okay, ich weiß, dass unsere Gehirne so funktionieren. Zum Beispiel das Supermarktkassenphänomen: Da merken wir doch auch immer nur, wenn wir in der langsameren Schlange stehen und nie, wenn wir zuerst dran sind. Und dann denken wir, die Welt ist schlecht und ungerecht. Wir manipulieren uns die Realität. Aber damit sind wir nicht allein. Denn ich weiß auch, dass unsere Daten auf unseren Geräten ständig analysiert werden (Google und Facebook machen da keinen Hehl daraus) und so unwahrscheinlich ist es dann auch wieder nicht, dass die eins und eins zusammenzählen.

Das war schon bei meinen wasserdichten Socken so, die mir Instagram so plötzlich angeboten hatte, nachdem ich eine Woche darüber gesprochen hatte, wie nass meine Füße immer auf dem Segelboot waren, und auch bei meiner Mini-Angel in Stiftform – die göttliche Antwort auf meine Reue, nie eine Angel dabei zu haben, wenn ich grad eine bräuchte. Das Internet ist voll von Erfahrungsberichten, die versuchen diese "Zufälle" zu verstehen. Bilden wir uns das wirklich nur ein?

Über 1000 Apps hören im Hintergrund mit

Die "New York Times" (NYT) hat 1000 Apps identifiziert, die tatsächlich im Hintergrund mithören, meistens sind es Spiele. Wenn wir das Handy aktivieren, hören ja sowieso alle mit, das muss man dazu sagen. Bin ich dann paranoid, wenn ich glaube, dass mir irgendein Roboter ständig durch meine Frontkamera zuguckt und sich über meinen Gesichtsausdruck schlapplacht? Oder realistisch?

Die "NYT" hat herausgefunden, dass manche Apps eine Software namens "Alphonso" nutzen, die dem Fernseher oder Kino im Hintergrund zuhört, um zu erkennen, welche Sendung geguckt wird (was einen dann wiederum in eine nette Werbekategorie packt). Shazam arbeitet hier fleißig mit. Die wurden von Apple gekauft. Alle machen mit. Und manche Software kommuniziert sogar mit dem Fernseher auf Frequenzen, die wir nicht hören können. Durch die Hosentasche hindurch. Durch die Handtasche. Vielleicht mehr schlecht als recht.

Meistens wird mir noch genau das gleiche Produkt beworben, das ich gerade gekauft habe. Das ist nicht schlau. Aber es passiert alles dennoch. Um Preise zu individualisieren, um näher an den Kunden zu rücken, um präziser werben zu können – aber auch, um Bedürfnisse beeinflussen zu können. 

Was können wir tun? 

Zuerst einmal uns dessen bewusst werden! Die unsexy Variante der Sicherheit ist wie eh und je: abschalten. Also Kamerazugriff verweigern, Mikrofonzugriff verweigern. Aber wer will das schon. Wir wollen ja Sprachnachrichten und Selfies. Das ist der Deal, solange es noch kein Kopplungsverbot gibt, also das Recht, einen Dienst zu nutzen, ohne Datenverarbeitung.

Bei Geräten wie Alexa und Google Home wird empfohlen, ab und zu mal nachzusehen, ob sie gerade mitschneiden. Denn dort passieren Fehler, die die Aufnahme aktivieren: OKAY, KUCHEN statt OKAY GOOGLE oder ALEXANDER statt ALEXA. Unter "Einstellungen" bzw. "Dashboard" bei Google Home lassen sich die Daten verwalten. Am Ende geht es auch um den politischen Willen, diesen "Tausch-Deal" der Datennutzung zu regulieren.

Wir können uns empören oder nicht. Der Entwicklung stellen oder schweigend weiter User sein. Klar wollen wir nichts, was hinter unserem Rücken passiert. Aber andererseits holen wir uns seit neuestem DIE Profi-Zuhörer in unsere Wohn- und Schlafzimmer. In unsere Küchen und auf unsere Toiletten. Geräte, die immer und überall mithören. Absichtlich. Ich für meinen Teil freue mich ja jedes Mal, wenn mich Siri wieder nicht versteht. Die Welt geht sehr wahrscheinlich unter. Oder auch nicht. Aber bis dahin: Alexa, spiel Despacito!

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