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Meinung

Echte Männer sind Feministen: Frauen sind noch nicht gleichberechtigt – und ja, liebe Männer, das geht euch etwas an!

Die meisten Männer sehen sich nicht als Teil des Feminismus. Aber warum haben sie so ein Problem damit? Unsere Autoren entlarven fadenscheinige Argumente und sagen: Fragt doch einfach mal bei Frauen nach!

Von Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer

Nein, Feminismus ist nicht nur ein rosarotes Klischee, finden unsere Autoren. Und Männer können dazu sehr wohl einen Beitrag leisten.

Nein, Feminismus ist nicht nur ein rosarotes Klischee, finden unsere Autoren. Und Männer können dazu sehr wohl einen Beitrag leisten.

Getty Images

Können Männer Feministen sein? Müssen sie es sogar oder sollten sie es lieber lassen? Diese einfachen Fragen bergen großes Aggressions- und Konfliktpotential. Jeder, der schon einmal einen Artikel, Blogbeitrag oder ein Video online gestellt hat, in dem es um Feminismus, Gleichberechtigung oder Rollenbilder geht, hat mit ziemlicher Sicherheit mindestens ein paar wütende Kommentare abgekommen, in einigen Fällen gar einen ausgewachsenen Shitstorm geerntet.

Dieser Artikel wird keine Ausnahme sein und, wie schon so viele Texte vorher, Pöbeleien und offenen Hass nach sich ziehen. Diese Angriffe kommen in fast allen Fällen von Männern. Dabei geht es im Feminismus doch nur um Gleichberechtigung, also der Einsatz für eine Gesellschaft, in der Frauen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben wie Männer. Das sollte nicht so kontrovers sein – könnte man meinen.

Ist man(n) Feminist?

Feminismus als Konzept, aber auch als Inhalt polarisiert. Laut einer Civeyumfrage  bezeichnen sich in Deutschland gerade einmal etwas über einem Drittel als Feminist*innen. Bei den Männern ist der Anteil noch niedriger, bei den Frauen etwas höher. Interessant ist, dass die Umfrage nur wenige Prozentpunkte in der Antwortoption "Weiß nicht" verbucht. Die restlichen fast zwei Drittel bezeichnen sich klar nicht als Feminist oder Feministin. Es gibt also kaum Unentschiedene in dieser Frage. Ein klares Ja oder Nein ist die Norm. Jede und jeder hat irgendwie eine Meinung dazu.

Doch woher kommt mehrheitlich die Ablehnung? Es mag viele Leute geben, die einfach das Wort "Feminismus" ablehnen, aber dennoch Gleichberechtigung unterstützen oder leben. Gleichzeitig beweisen die eruptionsartigen Reaktionen auf den neuen Gillette-Werbespot, dass das Problem tiefer liegt. Gleichberechtigung ist kein akademisches Thema, es ist ein emotionales. Nur so lassen sich die mit äußerster Vehemenz geführten Debatten (gerade in den sozialen Medien) erklären.

Für Männer kann es sich in der Hitze des Gefechtes lohnen, einen Schritt zurück zu tun, und die Sache in Ruhe zu betrachten. Worum geht es beim Feminismus? In keinem Land der Welt haben Frauen bisher gleiche Rechte und Möglichkeiten. Nachzulesen ist das u.a im "Global Gender Gap Report" des Weltwirtschaftsforums. Besonderes Ungleichgewicht herrscht in zwei Bereichen: Opfer von Gewaltanwendung und Zugänge zu Machtpositionen in Politik, Wirtschaft und Medien. Der Feminismus versucht diese globale Schräglage zu ändern, also eine Gesellschaft auf Augenhöhe zu schaffen. Wenn man(n) so darüber nachdenkt, ist der Feminismus keine Bedrohung mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit, an der auch Männer teilhaben können und sollten.

Warum es Feminismus braucht

In unserer Arbeit für die UN Women Kampagne "HeForShe"-Deutschland sprechen wir regelmäßig mit Männer (und Frauen) über Feminismus und seine Wichtigkeit. Die meisten Männer sehen sich nicht als Teil des Feminismus oder einer wie auch immer genannten Bewegung für Gleichberechtigung. Die vielen Gründe und Ausflüchte lassen sich nach unserer Beobachtung in drei großen Aussagen zusammenfassen.

1. "Frauen sich doch schon gleichberechtigt!"

Das lässt sich schnell entkräften. Ein Blick auf den oben genannten "Global Gender Gap Report" oder für die EU, den "Gender Equality Index" helfen weiter. Ebenso eine Auseinandersetzung mit Untersuchungen zu häuslicher Gewalt und Objektifizierung in Film und Fernsehen. Dazu sei noch gesagt, dass es beim Feminismus unserer Zeit in den westlichen Gesellschaften generell weniger um rechtliche Gleichstellung geht (auch wenn es hier noch einiges zu tun gibt. Beispiel: Debatte um Paragraph 219a), sondern mehr um kulturelle und soziale Gleichstellung. Sprich: Feminist*innen fordern für Frauen aller Hintergründe für gleiche Arbeit gleiche Bezahlung, die Objektifizierung von Frauen in den Medien sein zu lassen und eine sichere Gesellschaft für Mädchen und Frauen (und auch Männer aller Hintergründe) zu schaffen. Und hier ist noch reichlich was zu tun.

2. "Es gibt doch nun wirklich wichtigere Probleme."

Eine sehr beliebte Ausrede, meist mit Verweis auf Klima-, Euro- oder Wirtschaftskrisen. Richtig ist: Es gibt viele Probleme, die gelöst werden müssen. Die Unterdrückung und das Nichteinbeziehen von Frauen und ihren Perspektiven steckt in vielen der Problemfeldern mit drin. Lösungen lassen sich besser finden, wenn wir dafür unser ganzes gesellschaftliches Potential nutzen, also 100 Prozent der Bevölkerung, nicht bloß die Hälfte. Ein Einsatz für Gleichberechtigung ist also auch ein Einsatz für eine bessere Welt. Dies zeigt sich übrigens auch in einer Reihe von Studien, die erfreuliche Nebeneffekte feststellen, wenn mehr Gleichberechtigung erreicht wird: Beziehungen werden gesünder, Firmen erfolgreicher, politische Systeme stabiler und friedlicher.

3. "Ein solches "Frauenthema" geht mich nichts an."

Dass es sich hier nicht um nur ein Frauenthema handelt, zeigt die tiefe Unsicherheit, die viele Männer zur Zeit haben: Darf ich noch flirten? Was ist ein echter Kerl in einer modernen Gesellschaft? Habe ich wirklich keine Probleme damit, wenn meine Freundin mehr verdient als ich? Diese Fragen sind berechtigt und müssen diskutiert werden – auch von und mit Männern. Auf einer tieferen Ebene geht es nämlich lange nicht nur um Frauenrechte, sondern um den Kern unseres Gesellschaftsbildes und gesellschaftlichen Selbstverständnisses: Sind wir eine Gesellschaft in der alle Menschen gleiche Chancen und Möglichkeiten haben und sich nicht in vorgefertigte Rollenbilder einfügen müssen (sofern sie es nicht wollen)?

Zur Wahrheit gehört auch: Sexismus und Unterdrückung von Frauen gehen in vielen Fällen von Männern aus – manchmal ganz bewusst, oft aber auch unbewusst: Sexistische Witze mögen für eine Jungsgruppe lustig sein, für die junge Frau, die vorbeiläuft aber entwürdigend. Erst wenn Männer ehrlich mit sich selbst sind und anfangen im täglichen Leben Respekt und Anerkennung zu zeigen, ist Gleichberechtigung eine echte Möglichkeit und öffnen wir gemeinsam die Tür hin zu einer inklusiven, erfolgreichen und gerechten Gesellschaft. Dafür müssen und können Männer Teil der Lösung sein.

Frag' einfach nach

Wo kann man(n) also anfangen? Am besten im Gespräch mit Frauen. Ein Vorschlag für heute: Sprich als Mann mit einer Frau in Deinem Umfeld und frag sie folgende zwei Fragen: Was ist Deine Erfahrung mit Sexismus? Und wie kann ich Dich unterstützen?

Wenn wir also diesen Schritt zurücktun, unsere Emotion einmal zügeln und erkennen, dass es im Feminismus um echte Gleichberechtigung, Respekt und Anstand geht, kann eine Schlussfolgerung sein: Ja, echte Männer sind viele Dinge, einer davon: sie sind Feministen und tun ihren Teil für eine bessere Welt.