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Kommentar

Interview in der "Bild"-Zeitung: Lieber Herr Spahn, bitte reden Sie nicht von Dingen, die Sie nicht nachvollziehen können

Unser neuer Gesundheitsminister Jens Spahn schwingt gern die kontroverse Keule. Erst vor Kurzem hatte er es mit Aussagen zu Armut und Hartz IV in die Schlagzeilen geschafft. Nun legte er in der "BamS" mit den Themen Schwangerschaftsabbrüche und Pharmaindustrie nach – und unsere Autorin ist genervt. 

Jens Spahn

Keine Woche im Amt und schon wieder in den Schlagzeilen: Gesundheitsminister Jens Spahn gibt sich gern kontrovers

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Schon vor seiner Vereidigung war unser neuer Gesundheitsminister mit kontroversen Aussagen in den Schlagzeilen gelandet. Deutschland habe kein Armutsproblem, rief er dem Fußvolk ganz unverfroren von seinem hohen Ross zu und die Menschen waren sauer. Anstatt daraus zu lernen und lieber zwei Sekunden länger nachzudenken, bevor er spricht, legte Jens Spahn nun direkt mit einem weiteren strittigen Interview nach. 

Über Schwangerschaftsabbrüche, Armut und Forschungsgelder – ein Kommentar

Lieber Herr Spahn,

ich denke, wir sind uns einig, dass Ihr Einstieg bislang so mäßig erfolgreich war. Noch VOR dem Antritt des Ministeramtes haben Sie in ganz Deutschland Schlagzeilen gemacht. Und wissen Sie was? Völlig verdient. Sie können jetzt noch so viel zurückrudern und sich falsch verstanden fühlen und den Verständnisvollen geben: Wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt und kurz davor ist, eines der wichtigsten Ämter des Landes zu bekleiden, dann hat man aufzupassen, was man sagt.

Und "Hartz IV bedeutet nicht Armut" können Sie meinetwegen bei einem Sektfrühstück im schicken Restaurant Ihren gleichermaßen gut betuchten Polit-Kumpels zuraunen und sich dann gegenseitig kräftig auf die Schenkel klopfen, wenn Sie die Ironie der Situation erkennen – aber erzählen Sie nicht in einem Interview, ein Schließen der Tafeln würde für niemanden Hungerleiden bedeuten und tun dann so, als wüssten Sie, wovon Sie reden, weil Sie irgendwann tatsächlich mal in persönlichen Kontakt mit einer alleinerziehenden Mutter gekommen sind. Das glaubt Ihnen kein Mensch.

 Vor ein paar Tagen schrieb mein Kollege Walter Wüllenweber ebenfalls einen Kommentar zu Ihrer Person – wie gesagt, Sie sind heiß diskutiert – und sagte darin: "Hunger und existenzgefährdende Not wurden in der Bundesrepublik abgeschafft". Die Debatte zur Armut in Deutschland sei schon fast überflüssig, denn niemals seien die Armen in Deutschland so reich gewesen. Das ist sicherlich korrekt. Zum Glück geht es unserer Gesellschaft deutlich besser als noch vor einigen Jahrzehnten. Aber sollte man die Lebensqualität anderer Menschen wirklich daran messen, wie viel schlechter sie noch vor ein paar Jahren war? Das ändert ja nichts an der jetzigen Situation. Zu einer Gesellschaft, die sich mit der Entwicklung von fliegenden Autos auseinandersetzen möchte, gehört auch ein flächendeckendes finanzielles Gleichgewicht, das es einer arbeitssuchenden Person erlaubt, ab und zu mit den Kindern ins Kino zu gehen, ohne sich hinterher dafür rechtfertigen zu müssen.

Und kaum hatten wir fast vergessen, dass Sie unter akutem Realitätsverlust leiden, schon holen Sie die nächste kontroverse Keule raus. Herr Spahn, wir sind hier nicht beim Dschungelcamp, Sie kämpfen nicht um Sendezeit. Im Interview mit der "Bild am Sonntag", das zu allem Überfluss am Tag Ihrer Vereidigung geführt wurde, geben Sie Dinge von sich, die man ohne Weiteres als totalen Bockmist bezeichnen könnte. Excuse the Wortwahl, aber wollen Sie diesen Satz zum Thema Paragraf 219a vielleicht noch einmal überdenken: "In dieser Debatte wird manchmal gar nicht mehr berücksichtigt, dass es um ungeborenes menschliches Leben geht." 

Nee stimmt, die Frauen, die auf die Barrikaden gehen, weil sie keinen Zugang zu Experten-Informationen zum Thema Schwangerschaftsabbruch haben, haben völlig vergessen, dass es um menschliches Leben geht. Die wollen einfach nur wissen, wo sie möglichst billig abtreiben können, um dann gedankenlos und ohne Rücksicht auf Verluste weiter zu pimpern. Jetzt mal ganz ironiefrei gefragt: Das ist nicht Ihr Ernst, oder? Sie können sich tausend Bewertungen auf Google durchlesen, bevor Sie entscheiden, bei welchem schicken Zahnarzt Sie Ihre professionelle Zahnreinigung vornehmen lassen wollen und wir gehen einfach auf gut Glück zum nächstbesten Frauenarzt und hoffen, dass der uns einigermaßen hygienisch bei einer der schwierigsten Entscheidungen unseres Lebens hilft. Klingt fair.

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Manchmal ist Schweigen eben Gold, Herr Spahn

Und das ist es ja leider noch nicht einmal gewesen. Im Interview geben Sie außerdem zu Papier, dass Sie sich gerne für die Demenz-Forschung einsetzen wollen. Das finde ich sehr lobenswert. Aber dann machen Sie es mit einem Satz direkt wieder kaputt. Wieso, Herr Spahn? Wieso können Sie nicht einmal lange genug nachdenken, um nicht direkt alle wieder zu vergraulen. Ich möchte hierzu gern Twitter-Userin "Hegestufe II" zitieren: "Was genau meint er wohl mit: 'Die Ent­wick­lung von Medi­ka­men­ten gegen Demenz muss sich loh­nen'? Wie wäre es mit: 'Erkrankte ältere Menschen, die von Rente oder Sozialhilfe leben, müssen sie sich verdammt noch mal leisten können'?" Gut gebrüllt, Löwe.

Wobei, laut Ihrer Hochrechnung, Herr Spahn, kann man sich mit Sozialhilfe ja ohne Probleme alles Mögliche leisten. Aber das ist ja ohnehin alles egal, wenn wir keine Termine bei den gnadenlos überbuchten Ärzten bekommen, die uns die teuren Medikamente verschreiben könnten. Und in die Notaufnahme sollen wir ja nicht, schon gar nicht mit drei Wochen währenden Rückenschmerzen. Stimmt, ist viel sinnvoller, wenn man das die zehn Wochen bis zum nächsten freien Termin beim Orthopäden mit sich rumschleppt. Einfach schön mit Schmerzmitteln übertünchen. Die bringen Geld in die Forschungskassen und außerdem soll sich der Besuch beim Onkel Doktor ja auch lohnen. 

Und wenn die Arzneimittel dann alle teurer werden, um Ihr Image durch Demenz-Forschung aufzupolieren und das Termin-Problem beim Arzt mit Online-Beratung "gelöst" wurde, dann ist die Gesamtsituation ohnehin so beängstigend für ältere Menschen, dass sie es lieber ganz lassen und früher sterben. Das senkt dann auch die Rate der Demenzerkrankungen und am Ende können Sie das Ganze als Erfolg verbuchen und mal wieder mit Ihren Buddies anstoßen. Am besten bestellen Sie sich zum Sekt noch ein paar Nüsse, die sind gut fürs Gedächtnis. 

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