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Ständiger Mehrwert: Überinterpretiert: "Warum ich es leid bin, mir alles kaputt zu analysieren"

Zwischen den Zeilen lesen, um die wahre Kernaussage zu finden: Alles, was wir heutzutage tun und denken, muss Bedeutung haben. Unsere Community-Autorin erklärt, warum sie es satt hat, sich von gewollten Interpretationen den Genuss nehmen zu lassen.

Von NEON-Community-Mitglied Geena Gamradt

Person liest draußen ein Buch

Eine Interpretation in jeder Zeile, einen Mehrwert in jedem Wort: Unsere Autorin fragt sich, ob wir uns die Kunst manchmal kaputt analysieren (Symbolbild) 

Unsplash

Ich denke, dass jeder von uns die Klassiker der Literatur kennt: Früher oder später werden sie im Deutsch- oder Englischunterricht einer jeden Schullaufbahn gelehrt, besprochen und analysiert. In meiner Erinnerung stapeln sich zahlreiche gelbe Heftchen, die, bezogen auf ihr Äußeres, nicht besonders viel her machen. Auch ihr Innenleben ist nicht besser: sperrige Sprache, nicht auf Anhieb verständlich, noch weniger nachvollziehbar.

"Eine einzige Wahrheit, die es zu finden gilt"

Meine Schulzeit ist inzwischen einige Jahre her – genug Zeit, um einen gewissen Abstand zu diesen Werken aufbauen zu können. Nun erwische ich mich doch tatsächlich hin und wieder dabei, wie ich mir die unterschiedlichsten Sachverhalte der Geschichten zurück ins Gedächtnis rufe. Wie sie mir unter bestimmten Gesichtspunkten gar nicht mehr so abwegig vorkommen. Viele der angesprochenen Aspekte sind schlicht und ergreifend grundlegende Themen, zeitlose Geschehen. Sie beschäftigen sie sich mit Liebe, mit Selbstfindung, mit Neid, Hass und mutigen Heldentaten. Immer wieder tauchen die selben Probleme in Kunst und Kultur auf, werden lediglich unter anderen Rahmenbedingungen, in anderen Kontexten und in anderer Form behandelt.

Folglich frage ich mich: Was genau hat mich in meiner Schulzeit eigentlich an ihnen gestört? Im Nachhinein kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es das ewige Herumdoktern an "ach so wichtigen" Textpassagen war. Dass die anschließende Analyse vom Handlungsmotiv des Protagonisten in Beziehung auf das allgemeine Weltgeschehen mir nach kürzester Zeit auf die Nerven ging. Mir wurde vermittelt, dass in diesen schwierigen Worten und den verworrenen Sätzen nur eine einzige Wahrheit enthalten ist. Eine einzige Wahrheit, die es zu finden gilt. In jeder Klassenarbeiten versuchte ich diese einzig wahre Kernaussage zu entschlüsseln. In der Regel endete es dann darin, dass ich das Thema verfehlte. Dass ich niemals nicht die wichtigen Schlüsselszenen fand. Dass ich bestenfalls zuviel Einsatz zeigte und meine Zergliederung als Überinterpretationen gekennzeichnet wurde.

"Alles was wir tun und denken, muss einen Mehrwert haben"

Mir kommt es so vor, als sei es zum Merkmal unserer Zeit geworden, dass alles, was wir tun, vielleicht sogar schon das, was wir denken, irgendeinen Mehrwert haben muss, einen bestimmten Zweck erfüllen muss. Reicht es inzwischen nicht mehr, etwas einfach nur zu tun, ohne lehrreiche Botschaft oder Bereicherung für die Gesellschaft? Oder schlimmer noch: Was passiert wohl, wenn ich eine gewisse Zeit lang mal gar nichts tue, außer vielleicht die Erhebungen der Raufasertapete zu zählen? 

In dieser Hinsicht finde ich es sowohl bei klassischer als auch bei zeitgenössischer Literatur und Kunst immer wieder faszinierend, was für Bedeutungen, Symbole und Interpretationen in den kleinsten Details gefunden werden. Dinge, auf die ich nie und nimmer von allein gekommen wäre. Einen solchen Ansatz möchte ich nicht pauschal verteufeln. Das einzige Problem dabei ist: Er stellt ein Hindernis für alle Empfänger dar, die nicht intensiv in die Materie versunken sind. Jene, die sich eher am Rande mit etwas Neuem und Unbekannten beschäftigen wollten. Jene, die sich schlichtweg aus ihrer Komfortzone heraus getraut haben.

"Muss ich mich schlecht fühlen, weil mit das Bild wegen der Farben gefällt?"

Müssen sich diese Menschen (zu welchen ich definitiv auch gehöre) schlecht fühlen, weil ihnen das Bild einfach wegen der Farben gefällt? Müssen wir uns schlecht fühlen, weil wir einen Text wegen des Klanges der aneinandergereihten Worte mögen? Weil wir einen anderen, vielleicht unkonventionellen Aspekt eines Werkes, für uns selbst als wichtig empfinden? Ich hoffe nicht. Natürlich kann vom Urheber ein bestimmter Sachverhalt in den Fokus gestellt worden sein. Doch was ist schlimm daran, wenn noch weitere Impulse einer anderen Interpretation zu Diskussionen führen? Wie wird damit umgegangen, wenn ein Werk schlicht und einfach nichts in uns verursacht? Haben sowohl Werk als auch Künstler dann ihr Ziel verfehlt? 

Die Problematik, der ich mich hier mit Augenmerk auf den Betrachter, Leser oder Zuhörer stelle, kann ebenso gut auch auf den Urheber bezogen werden. Ich frage mich, ob es verwerflich ist, wenn ein Künstler ein Bild gemalt hat, einfach, weil er ein Motiv im Kopf hatte? Können wir es als schlecht bezeichnen, wenn ein Schriftsteller einen Text verfasst, der einfach für das steht, was er ist? Vielleicht für die Schönheit des geschriebenen Wortes, vielleicht nur eine Beschreibung des Augenblicks. Ohne Hintergedanken und ohne Moral. So mag zum Beispiel ein Bild, auf dem Kinder auf einer grünen Wiese mit Bächlein spielen, viele Interpretationen hervorrufen. Ja, sicherlich könnte es ein Hinweis auf die mangelnde Bewegung von Jugendlichen sein, oder gar auf den Klimawandel. Ein alternativer Gedanke wäre aber, dass es lediglich spielende Kinder auf einer Wiese zeigt. Denn die Frage bleibt: Müssen all diese Werke wirklich immerzu vollgepackt mit Weisheiten und Kritiken sein?

Die Kunst als erholsamen Zufluchtsort

Es ist gut, diesen Weg zu nutzen, um auf Missstände, Probleme und mögliche Lösungsansätze aufmerksam zu machen. Doch genauso bin ich der Meinung, dass die Kunst dazu dienen darf, uns auf ihre Art den Moment genießen zu lassen. Unser Alltag ist hektisch genug: stetig im Wandel, chaotisch und turbulent. Inmitten dieser Hektik möchte ich zumindest mir selbst die Kunst als einen erholsamen Zufluchtsort erhalten.

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