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Politik: Scharfe Regeln

Nur ein Ja ist ein Ja: Mit neuen Gesetzen will die Political-Correctness-Bewegung Sex reglementieren. Gut so. Dann wird er endlich wieder geil.

Sex-Fotoprojekt Regeln

Text: Lars Weisbrod | Fotos: Elaina Ransford

»Hi«, sagt der dürre junge Mann mit dem Vorstadt-Teenagergesicht und den billig blondierten Haaren. »Bereit?«, fragt die Frau. Sie hält ihr Smartphone hoch, eine kühle Computerstimme befiehlt: »Sag deinen Namen!« Und: »Sag den Namen der Person, mit der du sexuellen Kontakt haben möchtest!« Die Frau folgt den Anweisungen, klickt sich durch die Menüs und macht dann ein Handy-Foto von dem blonden Mann. »Stimmst du dem sexuellen Kontakt zu?«, fragt der Computer. Der Mann schämt sich offensichtlich sehr, nimmt dann all seinen Mut und seine Lust zusammen, sagt laut: »Ja!« Das Handy krächzt »Zustimmung erhalten« und fügt dann mit dem Tonfall einer Maschine, die bald die Weltherrschaft übernehmen wird, weil sie uns Menschen gar nichts mehr zutraut, hinzu: »Viel Spaß!«

»Wenn ich geil bin, will ich oft einen großen Schwanz in meinem Gesicht«, schreibt unsere Fotografin zu diesem Bild.

Das Umdenken ist überfällig

Das Werbevideo für die App »We-Consent« ist auf eine gruselige Art und Weise komisch. Was die Szene aber auf keinen Fall ist, ist: heiß, geil, scharf, sexy. Die App soll amerikanischen Studenten helfen, vor jedem »sexuellen Kontakt« sicherzustellen, dass dieser einvernehmlich passiert. An immer mehr US-Universitäten ist es inzwischen vorgeschrieben, eine derartige Einverständniserklärung einzuholen – seit Mitte des Jahres beispielsweise auch an den New Yorker Universitäten Columbia und NYU. »Yes means Yes« nennt sich die neue Richtlinie – »Ja heißt Ja«. Jede »sexuelle Aktivität«, für die der Partner nicht seine explizite Zustimmung gegeben hat, wird als Verstoß dagegen gewertet. Wie dieses »Ja« aussehen soll, ist nicht genau definiert: Manche Experten fordern eine verbale Zustimmung (»Ja, ich will.«?). Andere geben sich mit nonverbalen Signalen zu frieden (ein Nicken oder Lächeln?). »Die Abwesenheit von Widerspruch oder Widerstand bedeutet keine Zustimmung«, heißt es in dem Gesetz, das für alle staatlichen Universitäten Kaliforniens gilt. Bei Verstößen können Hochschulen den Täter abmahnen oder von der Uni werfen. Und auch in Deutschland beschäftigt sich Justizminister Heiko Maas mit der Frage, inwieweit sexuelle Kontakte stärker geregelt und formalisiert werden müssen, um Vergewaltigungen und Nötigungen zu verhindern und angemessen zu bestrafen. Nicht allen gefällt das. »Eine absurde Vorstellung« – so nennt Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am BGH die Idee, »jegliches menschliche Verhalten, das irgendwie sexuell motiviert ist, für strafbar zu erklären – mit ›Ausnahmen‹ durch Zustimmung«. Diese Abwehrhaltung kommt nicht überraschend: Es steht ja tatsächlich ein großer Wandel an. Die Art und Weise, wie wir flirten, lieben und Sex haben, wird sich in Zukunft stark verändern. Aber dieses Umdenken war überfällig. Und das hat nicht nur mit politischer Korrektheit und juristischen Details zu tun, das betrifft nicht nur Vergewaltiger und übergriffige Arschlöcher, die den Willen des Gegenübers ignorieren – das geht uns alle an.

Die Fotoserie wirft fragen auf: Ist es degradierend, was ich im Bett tue? Und wie sichere ich bei diesen Aktionen meine Autonomie?

Besserer Schutz für die Opfer

Die Opfer zu schützen, ist natürlich einer der schlagendsten Gründe, endlich etwas zu verändern: Vergewaltigungsprozesse endeten bislang oft mit einem Freispruch, wenn sich das Opfer nicht erkennbar gegen die Zudringlichkeit gewehrt oder versucht hat, der Situation zu entfliehen. Der Mangel an aktivem Widerstand bedeutet natürlich nicht, dass die oder der Betroffene das doch gut fand, sondern kann daher rühren, dass jemand überfordert war oder sich vor Angst nicht rühren konnte. Diese Gesetzeslücke will das Innenministerium schließen. Die Grünen-Bundestagsfraktion plant, auch Situationen als Nötigung zu definieren, in denen das Opfer »überrascht wird und keine Gelegenheit hat, einen Abwehrwillen zu bilden und zu artikulieren« – zum Beispiel, wenn jemand ungewollt sexuellen Körperkontakt in einem Club oder in der U-Bahn herstellt. Opferverbände und feministische Gruppen fordern, dass jede sexuelle Annäherung, die abgelehnt wird, in Deutschland strafbar sein soll.

Wenn die Regeln, nach denen wir Sex haben sollten, strenger werden, können Opfer Straftaten leichter zur Anzeige bringen. Das ist wichtig und richtig. Aber es ist nicht schwer, sich Situationen auszumalen, in denen eine strenge Auslegung des »Yes means Yes«-Gesetzes seltsam überzogen wirken könnte. Die meisten von uns erinnern sich – verschwommen? – an Clubabende oder Partys, an denen wild rumgeknutscht wurde, bei der alle ein bisschen zu ausgelassen waren, zwar noch bei vollem Bewusstsein, aber schon gefangen im Rausch der Nacht. Und an denen man etwas getan hat, was man nicht wollte – als man sich von einer fremden Person hat mitschleifen lassen, weil ein weiteres »Nein« zu anstrengend gewesen wäre, oder jemanden immer wieder angetanzt hat, obwohl dieser auswich und aufs Klo flüchtete. Das war uncool, dumm, peinlich, sagen wir dann – und strafbar? »Bin ich vergewaltigt worden?« heißt ein autobiografischer Text des Autors Malte Welding, in dem er erzählt, wie er einmal Drogen genommen und sich bei der Vorstellung, den Trip alleine durchzustehen, sehr geängstigt hatte. Irgendwann näherte sich ihm die Freundin, mit der er an diesem Abend rumhing. Obwohl Welding auf gar keinen Fall mit der Frau schlafen wollte und das auch sehr deutlich machte, ließ er es dann doch geschehen – weil die Frau sonst nach Hause gegangen wäre und er mit seiner Drogenparanoia alleine gewesen wäre: »Also zwang ich mich, nur in ihre Augen zu schauen, weil ihre Augen das Einzige waren, das mich körperlich nicht anwiderte.« Das Erlebnis war schlimm für ihn. Aber, das fragt Welding am Ende des Textes, ist das ein Fall, der vor ein Gericht gehört?

Das Ende der Lust?

Hinter diesem Zweifel steckt natürlich unsere übliche Skepsis, wenn es darum geht, dass unser Leben reguliert werden soll. Dass jeder Schritt in unserem Sexleben durch ein juristisch wasserdichtes Verfahren abgesegnet werden soll. Wir sehen all die unangenehmen Situationen bisher als Kehrseite der Medaille, als Kollateralschaden der sexuellen Freiheit. Weil Sex in unserer Vorstellung etwas mit Rausch zu tun hat und mit Kontrollverlust und Ich-will-dich-jetzt-hier-sofort-Baby. Und weil die alte erotische Kunst der Verführung angeblich voraussetzt, dass Ambiguität in der Luft knistert.

»Tea-Bagging« finden viele skurril bis supereklig – anderen, nun ja, schmeckt es.

Aber genau hier liegt der Fehler. Und der zweite Grund, dass sich etwas ändern muss. Unsere Idee von Verführung stammt aus längst vergangenen Zeiten, in denen Kirche und Gesellschaft den Menschen eine superstrenge Sexualmoral abforderten. Fontanes Effi Briest musste von ihrem Verehrern erst lange umschmeichelt werden, bis sie sich zu ihren echten Wünschen bekennen konnte. Lange Zeit nahm man an, dass das Begehren auf der einen Seite steht und der gesellschaftliche Enthaltsamkeitszwang auf der anderen. Die Verführungskunst war ein Mittel zum Zweck, das dafür sorgte, dass das Begehren am Ende den inneren Kampf gewinnt. Aber in unserer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft muss niemand mehr »Nein« sagen, nur weil er glaubt, dass er sonst beim Priester verpfiffen wird. Nicht mehr die Kirche und ihre Regeln stehen zwischen uns und potenziellen Sexpartnern, sondern andere Hürden – individuelle Werte, Vorlieben und Lebensstile. Regeln und Sexverträge müssen deshalb nicht das Ende der Lust bedeuten, sondern können die Probleme lösen.

Sexregeln vertraglich festgelegt

Das beste Beispiel für eine sexuelle Regulierungswut, die noch weit über alle kalifornischen Gesetzte hinausgeht und trotzdem heiß ist, stammt aus der Verfilmung der BDSM-Liebesgeschichte »Fifty Shades of Grey«. In dem sonst so biederen Werk gibt es tatsächlich eine sehr erotische Szene: Anastasia Steele und Christian Grey sitzen sich an einem Tisch gegenüber, das Licht ist gedämmt, vor ihnen liegt ein Stapel edel bedrucktes Papier. Die Vertragsunterlagen. In ihnen wird festgelegt, was er später mit ihr alles anstellen darf. Dann verhandeln die beiden: »Vibratoren?« – »Okay.« – »Dildos?« – »Auch.« – »Genitalklemmen?« – »Auf keinen Fall.« – »Sind hiermit gestrichen.« In ihrem Text »Regelwerk für Lust und Leid« nennt die Soziologin Eva Illouz diese Verhandlungsszene eine »höchst plausible Alternative zur komplizierten und stets ergebnisoffenen Beziehungsarbeit«. Eine der größten Herausforderungen, vor die uns moderne Beziehungen stellen, sei es, die eigene Autonomie aufzugeben, schreibt Illouz. »Der Sadomaso-Vertrag ermöglicht das logisch und psychologisch eigentlich Unmögliche: Durch ihn gibt man freiwillig seinen freien Willen auf und ordnet sich jemand anderem unter.«

Wer Sexverträge abschließt, behält gleichzeitig die Kontrolle und kann sich fallen lassen. Die Frage ist dann nur: Erlauben die Klauseln die »Golden Shower«?

Man muss sich nicht mal für Fesselspiele mit Baumarktzubehör interessieren, um diesen Gedanken plausibel zu finden: Die Verführung war eine Lösung dafür, dass mächtige Institutionen den Menschen keine Autonomie gewährten und ihr Begehren unterdrückten. Die »Yes means Yes«-Verträge könnten das moderne Dilemma auflösen: rauschhafter Sex PLUS Autonomie! Eine Idee, die gerade bei feministischen Gruppen sehr beliebt ist, sind die »Safe Spaces«: Orte und Veranstaltungen, wo unter anderem jede ungefragte Annäherung untersagt ist. Besser wäre es, die Welt zu einem »Safe Space« zu machen – und ein paar Orte als »Unsafe Spaces« zu definieren. Zum Beispiel könnte man vor einer Party einen kollektiven Vertrag abschließen: Jeder, der mitmacht, sagt: Es ist okay, wenn jemand versucht, mich ungefragt zu küssen. Hier gebe ich einen Teil meiner Autonomie freiwillig an der Tür ab. Und wenn ich keine Lust mehr habe, kann ich die Party jederzeit verlassen. Statt neue Regeln fürs Bett als Lusttöter abzutun, sollten wir uns freuen. Auch Sex ist Teil der Kultur und verändert sich fortlaufend. Genau deshalb sollten wir an dem Regelwerk auch mitschreiben.

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Dieser Text ist in der Ausgabe 11/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.