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Meinung

Eine Ära vor dem Ende: Warum Angela Merkel immer genervt hat – und warum wir sie trotzdem vermissen werden

Wer in den 90ern oder später geboren wurde, kennt im Zweifel nur eine Kanzlerin: Angela Merkel, in ihren besten Zeiten eine sprichwörtliche (Ersatz-)"Mutti" für das ganze Volk. Ihr angekündigter Abtritt bedeutet deshalb auch eine Zäsur für eine ganze Generation junger Menschen. Was von Merkel bleiben wird.

Angela Merkel

Blick nach unten statt nach vorne: Angela Merkel im Oktober 2018

Am Ende wird ganz sicher dieser Satz bleiben: "Wir schaffen das!" Der Satz, mit dem Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrem verunsicherten Volk im Jahr 2015 Mut machen wollte, dass Deutschland den Zuzug der Geflüchteten schon irgendwie bewältigen werde. Ein wichtiger Satz zur richtigen Zeit. Aber auch ein Satz, der vielleicht den Anfang vom Ende der Ära Merkel eingeleitet hat. Und doch ein Satz, wie wir ihn uns in seiner Deutlichkeit und Unmissverständlichkeit von ihr viel häufiger gewünscht hätten. Aber dazu später im Text.

Es ist nicht weniger als eine Zeitenwende in der Politik: Angela Merkel gibt ihr Amt als CDU-Vorsitzende im Dezember auf, ihre Kanzlerschaft will sie 2021 ausklingen lassen. Auch für eine ganze Generation junger Deutscher ist das eine Zäsur: Wer in den 90ern oder später geboren wurde, kennt im Zweifel nur eine Kanzlerin: Angela Merkel, in ihren besten Zeiten eine sprichwörtliche (Ersatz-)"Mutti" für das ganze Volk.

Angela Merkel: (Ersatz-)Mutti für das ganze Volk

Wie werden diese jungen Menschen die Kanzlerin Merkel in Erinnerung behalten? Oder besser: Was wird für uns von Merkel bleiben jenseits des politischen Vermächtnisses? Denn auch wenn bei der Bewertung der Arbeit eines Bundeskanzlers – ganz im Gegensatz zu der des Bundespräsidenten – genau diese, nämlich die Arbeit, im Vordergrund stehen sollte, und eben nicht emotionale Befindlichkeiten, so verbinden wir doch alle auch eine Stimmung, ein ganz subjektives Gefühl mit der Ära einer Kanzlerin oder eines Kanzlers.

Mich hat Angela Merkel zum Beispiel jahrelang genervt. Und das hatte nicht immer mit ihrer Agenda zu tun, sondern mit ihrer abwartenden Haltung. Mit ihrer Reserviertheit und ihrer Ablehnung gegenüber klaren Ansagen. Merkel hat stets versucht, einfach den längeren Atem zu haben und abzuwarten, bis sich die Dinge zu ihren Gunsten entwickeln. Auf diese Weise hat sie bis vor rund drei Jahren eine beeindruckend konstante Karriere als Kanzlerin hingelegt. 

Lange war mir diese Emotionslosigkeit suspekt, manchmal ärgerte sie mich sogar. Ich war der festen Überzeugung, dass eine Kanzlerin, die 24/7 so leidenschaftslos rüberkommt, wohl kaum die nötige Leidenschaft für diesen Job aufbringen kann. Ihre Geduld wirkte auf mich bloß zögerlich, wenn nicht gar feige.

Wie falsch ich lag!

Mir war in meiner diffusen Abneigung nicht klar, dass es keine bessere Mentalität geben kann als Merkels vermeintliche Bräsigkeit, um den mächtigsten Männern dieser Welt gegenüberzutreten. Nicht selten war Merkel auf ihren Reisen rund um den Globus die einzige Frau in einem Zirkel der Alpha-Männchen – und der Respekt, den diese nicht selten zwielichtigen Typen ihr entgegenbrachten, und das Normalmaß, auf das Merkel sie meist stutzte, war auch der spröden Attitüde der Kanzlerin geschuldet. Für den früheren US-Präsidenten Obama war Merkel laut eigener Aussage gar das Oberhaupt, mit dem er am besten von allen klarkam.

Deutschland ist ein anderes Land als 2005/06

Als Merkel ihr Amt im Jahr 2005 antrat, war Deutschland ein anderes Land und Europa eine andere Idee als die, für die sie heute gehalten wird. Merkel stand lange für jenes Land, das sich rund um die Fußball-WM 2006 der ganzen Welt so vermeintlich locker präsentierte. Sie wusste, dass sie dieses glänzende Image vor allem verwalten musste – und sie trieb diese Verwaltung zur Perfektion.

Bis die langfristigen Folgen der Finanzkrise und die kurzfristigen Folgen der Flüchtlingskrise nicht nur in der internationalen Gemeinschaft, sondern auch innerhalb Deutschlands für große Verunsicherung sorgten. Bestes Beispiel: 2005/06 wäre es einer Partei wie der AfD weitestgehend unmöglich gewesen, Gehör im Bereich sichtbarer Prozentpunkte zu finden. Heute macht die Partei bei jeder Wahl zwischen zehn und 20 Prozent. Tendenz bedrohlich steigend.

Du weißt nicht, was du hast, bis du es verloren hast: Es wird wohl auf die alte, bittere Erkenntnis hinauslaufen, wenn Merkel nicht mehr im Amt ist. In Zeiten, in denen populistische Schreihälse von Amerika bis Brasilien aus niederen Beweggründen an die Macht geraten, könnte die Art und Weise, wie Angela Merkel über rund anderthalb Jahrzehnte dieses Land geführt hat, eines nicht mehr allzu fernen Tages fast exotisch anmuten.

Nicht nur Deutschland, sondern die Weltpolitik dürfte diese Kanzlerin deshalb schon bald schmerzlich vermissen. Konrad Adenauer hat einmal gesagt: "Macht, meine Damen und Herren, verlangt Klugheit, Mäßigung und ein gesteigertes Verantwortungsgefühl." Nach dieser Definition gibt es kaum eine bessere Politikerin als Angela Merkel.

Teilnehmer der Gegendemo "Hamburger Stimmen für Vielfalt"
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