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Kommentar

Pressekonferenz zum Thema Bildung: Die AfD fürchtet den "Einheitsmenschen" – und hat mal wieder nichts verstanden

Wieso sich unsere Autorin immer wieder AfD-Pressekonferenzen antut, weiß sie selber nicht. Diesmal ging es um die Themen Bildung und Forschung. Die Erkenntnisse der Partei: Weniger "Gender Mainstreaming", mehr Heimatkunde. Wie kann man nur so blöd sein?

Kinder sitzen nebeneinander und schauen in die Kamera

Die AfD fürchtet eine Umerziehung zum Einheitsmenschen – und stellt sich damit gegen Vielfalt. Klingt komisch, ist auch so.

Getty Images

Ich weiß gar nicht, wieso ich mir das überhaupt noch antue. Eigentlich müsste man bei den Worten der Kollegin "Oh, die AfD hat eine Pressekonferenz gegeben und dabei unter anderem über Kindererziehung und Gender-Mainstreaming gesprochen" sofort schreiend das Weite suchen. Und doch zieht es die Maus wie magisch Richtung Play-Button. Politische Selbstgeißelung. Und die daraus resultierenden stechenden Kopfschmerzen sind jedes Mal wieder gleich schlimm.

Auch im aktuellen Fall blieb ich mit unkontrollierbar schüttelndem Kopf zurück und frage mich, wer diesen Menschen so wehgetan hat. 

Diese Menschen, das sind die sogenannten "Bildungsexperten" der sogenannten "Alternative" für Deutschland, angeführt vom stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion, Tino Chrupalla. Der ist in dieser Position nämlich verantwortlich für die Themen Bildung und Forschung. Natürlich. Als gelernter Lackierer- und Malermeister ist er da bestens aufgehoben und kann seine Expertise einbringen. 

Grund für die Pressekonferenz: Der Ausschuss hat getagt und ist zu einigen Schlüssen gekommen, die jetzt gern mit der Welt geteilt werden sollen. Die Entschlüsse lassen sich leicht zusammenfassen: Man will den Heimatkundeunterricht zurück und den Gender-Ideologien (mit hartem G versteht sich, man kommt ja aus Deutschland) Einhalt gebieten. 

+++Live: Heimatkunde in der Bildungspolitik mit Dr. Götz Frömming, Tino Chrupalla und Nicole Höchst.+++

Gepostet von AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag am Dienstag, 5. Juni 2018

Und weil ich schon wieder so wütend bin, dass ich langsam rote Flecke am Nacken kriege, muss ich das jetzt mal loswerden:

Liebe angebliche Alternative für Deutschland,

wann kommt endlich der Moment, an dem ihr zugebt, dass das alles nur ein großer schlechter Witz war, der irgendwie aus dem Ruder geraten ist? Dass ihr völlig aus Versehen im Bundestag gelandet seid? Dass ihr nie vorhattet, Menschen wie Stefan Räpple, einen gelernten Konditor mit Hypnose-Praxis, als Bildungsexperten darzustellen, der irgendeine Ahnung von Gender-Mainstreaming haben soll? Anders lässt sich all das nämlich wirklich nicht mehr erklären. 

Herr Räpple hat ein Problem damit, dass viele Kitas inzwischen versuchen, veraltete Geschlechter-Stereotypen aufzubrechen, indem dort auch Jungs mit Puppen und Mädchen mit Baggern spielen dürfen, ohne dass die Erzieherinnen und Erzieher komisch gucken oder das Ganze sogar noch kommentieren. Weil das nicht mehr zeitgemäß ist. Weil wir inzwischen wissen, dass es keine Männerberufe und Frauenberufe gibt, sondern nur das, was man als Kind vorgelebt bekommt. Ein Mädchen, dem immer gesagt wird, dass das Auto ein Jungsspielzeug ist, wird wahrscheinlich keine KfZ-Mechanikerin. Und ein Junge, dem man die Puppe aus der Hand reißt, wird sich vielleicht nie trauen zuzugeben, dass er eigentlich gerne Friseur geworden wäre.

Man will keinen "Einheitsmenschen"? Natürlich nicht. Aber die Tatsache, dass alle Kinder ohne Verurteilung Zugang zu den Dingen bekommen, die sie am meisten interessieren, bedeutet doch nicht, dass wir auf einmal alle rumlaufen wie bei "1984". Ich glaube nicht, dass George Orwells dystopische Zukunftsidee daher rührte, dass eine Frau sein Waschbecken repariert hat. Im Gegenteil. Ist die Vorstellung nicht viel gruseliger, dass in den Kitas ein einheitliches System für Mädchen und Jungs gilt? Dass alle Mädchen in rosa Kleidchen rumlaufen und alle Jungs in blauen Hosen und mit Baggern auf dem Shirt? Wieso kann Ole nicht in seinem Lieblingskleid in den Kindergarten kommen, ohne dass jemand "Ist denn heute Fasching??" ruft? Ist warm draußen. Und Ole mag sein Kleid. Punkt.

Politik war übrigens auch lange eine ziemliche Männderdomäne 

Und wo wir schon dabei sind: Was zur Hölle soll der STAATSFEMINISMUS sein??? Laut Herrn Räpple ist das die Gewalt, die die Lehramts- oder Pädagogik-Studierenden an den Hochschulen dazu zwingt, die ihnen später zugeteilten Kinder zu Einheitsmenschen zu erziehen. Entschuldigen Sie bitte, Herr Räpple, dass manche Menschen finden, dass Frauen auch was können. Politik war übrigens auch lange eine ziemliche Männderdomäne. Ist es, um genau zu sein, immer noch – aber mit ihrer Bildungsausschuss-Kollegin Frau Höchst scheinen Sie ja kein Problem zu haben. Wobei die wahrscheinlich auch von so einer dildowedelnden Eso-Kindergärtnerin zur Männerhasserin erzogen wurde. Sonst wäre sie ja jetzt nicht in einem Männerberuf. Hab ich das richtig verstanden?

Wie es für die AfD so üblich ist, wird natürlich auch mit Studien um sich geworfen. So will Herr Räpple eine gelesen haben, in der steht, dass Jungs lieber mit Baumaschinen spielen und Mädchen mit Küchen. Das sieht er als Beweis dafür, dass das auch so bleiben sollte und man bloß die Finger von auf Vielfalt abzielenden Erziehungsmaßnahmen lassen soll. Ja, gut, kann man so kurzsichtig machen, wird dann halt kacke. Natürlich ist das in vielen Studien ganz bestimmt so einzusehen. Aber doch auch nur, weil wir genau diese Form der freien Erziehung noch nicht haben. Es geht ja in keinster Form darum, Kinder in eine bestimmte Richtung zu drängen. Wenn Ole keinen Bock auf die Puppe hat, soll er mit was anderem spielen. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn Ole nicht gesagt wird, dass das doch nix für Jungs ist. Oder, noch subtiler, ihm suggeriert wird, dass er irgendwie anders ist, wenn er mit Puppen spielt.

Und DANN das große Finale: die Schlussfolgerung. Laut Herrn Räpple wird das ganze ja ohnehin nur gemacht, damit Frauen in "Männerberufen" arbeiten gehen, wo sie dann geringere Lohnforderungen stellen als ihr männlicher Gegenpart und deshalb als billige Arbeitskraft und zusätzlicher Steuerzahler verfeuert werden. WHAT? Muss mich kurz hinsetzen, mir ist ganz schwindelig. Wie ist er denn jetzt da gelandet? Deshalb, meint er, müsse man der "Umerziehung" in Kindergärten entgegenwirken, die dazu da sei, Kindern ein "angeblich sozial konstruiertes Geschlecht zu korrigieren". Wieso angeblich? Und welche staatlich geförderte Umerziehung? Sie meinen hoffentlich nicht die zur Verfügung gestellten Materialien, in Form von Bilderbüchern und Broschüren für Erzieher, in denen viele verschiedene Lebens-, Berufs- und Familienentwürfe dargestellt werden, oder?

 

Denn der Sinn der Sache ist hierbei keine Umerziehung, Herr Räpple, vielleicht muss man das nochmal kurz klarstellen, sondern ein Erweitern des Horizonts. Damit sich alle Kinder in diesen Büchern wiederfinden. Nicht nur die, die Mama, Papa und zwei Kinder sind. Oder die, die gerne mit dem Spielzeug spielen, was für ihr Geschlecht als "angebracht" empfunden wird. Damit Ole sieht, dass er anziehen kann, worin er sich am Wohlsten fühlt. Damit er das Gefühl hat, dass er einen Platz in unserer Gesellschaft bekommt, ganz egal, ob er Bagger mag oder nicht. Ole muss deswegen nicht Friseur werden, Herr Räpple, aber er erlebt, dass er es kann, wenn er das gerne möchte. 

Das hat nichts mit Einheitsmenschen zu tun, oder mit Staatsfeminismus, oder mit billigen Arbeitskräften. Das hat was mit Empathie und Offenheit zu tun. 

Noch ein letzter Punkt zum Dampf ablassen

Auf Facebook wurde die Pressekonferenz natürlich auch wieder heiß diskutiert. Aber ein Kommentar sticht heraus: "Mit der AfD kommt die Bildung an die Schulen zurück. Kinder WOLLEN in der Schule lernen und nicht ihren Namen rückwärts tanzen." Da ist mir kurz der Kragen geplatzt. DAS SIND DOCH NICHT DIE ALTERNATIVEN, CONNI! HAST DU DICH ZU IRGENDEINEM ZEITPUNKT MAL WIRKLICH MIT DEM THEMA AUSEINANDERGESETZT ODER WIEDERHOLST DU SEIT DREI JAHREN ETWAS, WAS DU MAL IN DEINEM FB-FEED GELESEN HAST?

Entschuldigung. Geht schon wieder.

AfD-Politiker Alexander Gauland sitzt vor einem blauen Hintergrund, auf den Vogelkot-Flecken montiert sind.