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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Auch Rechte haben Rechte - Gaulands Watergate

Was haben wir als Volk eigentlich verbrochen, uns jetzt auch noch Alexander Gauland in Badehose ansehen zu müssen? Micky Beisenherz kämpft mit dem Impuls, über den AfD-Chefprovokateur zu lachen - und entscheidet sich dagegen.

Micky Beisenherz über Alexander Gauland

Darf man über Alexander Gauland in Badehose lachen? Micky Beisenherz entscheidet sich dagegen.

AFP

Ist ja auch mal schön, im Zusammenhang mit Nazis sagen zu können: Ich hab nicht mitgemacht.

Jetzt mal ganz undramatisch: Als das Foto von in Badehose auftauchte habe ich mich natürlich amüsiert. "Das geschieht ihm recht, dem Arschloch!" Einer, der gerade noch das ultimative deutsche Verbrechen und Abermillionen Tote lapidar als Vogelschiss bezeichnet hatte, sollte nicht allzu sehr auf Wahrung seiner Würde pochen dürfen.

Da allerdings beginnt der Denkfehler. Ja, es geht einem quer runter, einen wie den AfD- Chefprovokateur als "politisch Andersdenkenden" runterzutechnisieren und doch rechtfertigt das nicht, sich seiner Kleidung zu bemächtigen. Davon ab: Was haben wir als Volk eigentlich verbrochen, uns jetzt auch noch Gauland in Badehose ansehen zu müssen? (Das Foto war in vielerlei Hinsicht unscharf: Hatte sie ein Dackelmuster?)

Von Storch kriegt 'ne Torte ins Gesicht, Höcke wird das Anwesen mit Stelen zugebaut, Gauland muss oben ohne durch das Dorf und Facebook dackeln. Alles lustig. Alles scheiße.

Es erzielt noch nicht mal einen positiven Effekt, bedient diese Übergriffigkeit lediglich das ewig gleiche -Opfernarrativ. Und das Schlimmste: Sie hätten sogar recht, wenn sie sagen, dass man bestimmte Sachen "in Deutschland ja gar nicht sagen darf!" Selbst, wenn es Sachen sind, wofür man ihnen eine schmieren möchte.

Wirklich. Es hat mich auch gejuckt. Ist ja nicht so, als läge mir das Wohl von den Höckes dieser Welt am Herzen. Und billige Lacher sind mir mehr als willkommen. Und doch müssen wir uns immer wieder selbst ermahnen, diesen niederen Instinkten nicht zu erliegen (Gott, ich weiß, wie schwer das ist), sondern die Gegenseite, den Feind argumentativ zu stellen.Der AfD-Vorsitzende hat gerade inhaltlich dermaßen die Hosen runtergelassen. Das sollte als Vorlage doch reichen.

Alexander Gaulands gute Mahnung

Übrigens, nehmen wir mal an, er hätte mit seiner obszönen Quantifizierung des Horrors recht und zwölf Jahre NS-Zeit wären rein rechnerisch ein Vogelschiss im Vergleich zu 1000 Jahren deutscher Geschichte - dann muss man aber auch anerkennen, dass 85 Jahre seit der Machtergreifung ein Fingerschnippen sind und wir als modernes Volk keineswegs so viel weiter, als dass der Aufstieg der Nazis heute undenkbar wäre. Eine gute Mahnung eigentlich.

"Ja, aber der ist ein Nazi! Der verdient es, so behandelt zu werden!" Natürlich nicht. Das haben wir leider nicht zu entscheiden. Und wenn wir ehrlich sind, hat das Prinzip der Lächerlichmachung zwar ein paar schöne Likes und gute Quoten gebracht - aber sollte man jemals ernsthaft daran interessiert gewesen sein, den Aufstieg der AfD zu verhindern, ist man mindestens gescheitert.

Kein Freibrief für Schlechtbehandlung

Und 'nem Opa die Klamotten klauen ist schon ein Akt der Verzweiflung. Dumme Äußerungen sind kein Freibrief für Schlechtbehandlung. Insofern liegt der Baggersee-Elser und seine Gesinnungsgenossen falsch. Wer Unsinn redet, ist nicht zum Abschuss freigegeben. 

In dieser Logik müsste sonst Claudia Roth die nächste sein, die nackt durch die Straßen läuft. Und das kann wirklich niemand wollen.

P.S.: Erinnern Sie mich bitte an diesen Text, wenn ich seine Kernaussage wieder mal vergessen habe.