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Junge Europäer vor der Wahl: Lucas, 30, Spanien: "Wir brauchen einen Politik-Führerschein"

Fast jeder fünfte Einwohner der 28 EU-Staaten ist zwischen 17 und 29 Jahre alt. Aber was denken die zukünftigen Generationen über Europa? Das haben wir junge Europäer vor der Wahl gefragt. Wir sollten Politik erst einmal verstehen, bevor wir wählen gehen, findet Lucas aus Spanien.

Europawahl Politik Europäer

Lucas (30) aus Spanien will lieber in Europa leben als irgendwo anders. Trotzdem ist er frustriert über die aktuelle Situation in der EU.

Unter www.neon.de/europawahl findet ihr alle Infos und noch mehr junge Stimmen zur Europawahl 2019.

"Meine Mutter ist 1999 von Brasilien nach Spanien gekommen, um hier ein besseres Leben zu beginnen. Ich bin über ihre Entscheidung heute sehr froh – denn dadurch habe ich viel mehr Chancen, als wenn ich in Brasilien geblieben wäre. Hier ist das gesamte Leben deutlich leichter und man kann auch mehr verdienen. Und da Spanien ein Teil der EU ist, habe ich die Rechte, überall in Europa zu leben, zu studieren und zu arbeiten. Aber ich denke, Europa ist ein Projekt, in das man noch viel Zeit und Mühe investieren muss. Ob das klappen wird, da bin ich mir allerdings nicht immer so sicher.

Führerschein für Wahlen

Denn die meisten Menschen sehen die EU vor allem als eine Ansammlung von Institutionen, die unglaublich viel Geld ausgeben, aber nichts bewirken. Ein spanischer Abgeordneter im EU-Parlament verdient deutlich mehr als der Durchschnittsbürger hier im Land – das müsste sich ändern. Ich habe außerdem den Eindruck, dass viele eher die nationale Politik interessiert und sie gar nichts über die EU wissen. Denn die Menschen haben keinen Anteil an der Politik der EU – ich weiß aktuell nicht, worüber die Abgeordneten entscheiden und in den Nachrichten und von unserer Politik erfahren wir sehr wenig darüber. Dann ist es auch leicht, sich einen Schuldigen zu suchen, wenn es Probleme gibt. Für viele Spanier ist das in der EU Angela Merkel, denn sie glauben immer noch, dass sie das Sagen hat. Vielleicht kommt dieser Eindruck noch aus der Zeit der Bankenkrise, in der Deutschland sehr präsent war.

Die jungen Menschen wissen viel zu wenig über die Wahl. Aber eigentlich sollte es mit Wahlen ja sein wie mit dem Führerschein: Bevor du das Auto fahren darfst, musst du lernen, wie es funktioniert. Und weil die Menschen so wenig wissen, haben es die populistischen Parteien leichter – sie suchen sich einfache Themen wie Ausländer oder Abtreibung, die die Menschen verstehen und die ihr Leben betreffen und versprechen ihnen schnelle Lösungen. Das ist natürlich leicht zu akzeptieren, wenn du dich mit Politik nicht auskennst. Ich interessiere mich für Politik, aber alle Hoffnungen, die ich in den letzten Jahren hatte, haben sich nicht erfüllt. Trump hat gewonnen, die AfD ist in Deutschland groß geworden und VOX in Spanien, die Briten haben sich für den Brexit entschieden. Ich bin schon ein bisschen frustriert darüber und glaube manchmal, dass ich vielleicht viele Zusammenhänge einfach nicht verstehe.

"Wir lernen einfach nicht gern fremde Sprachen und viele Spanier blieben lieber zu Hause, als zu verreisen" 

Auch in Spanien gibt es eine Partei rechtspopulistische Partei: VOX ist bei den aktuellen Wahlen nun ins Parlament eingezogen. Man kann sie schon mit der AfD vergleichen – sie ist jedoch nicht gegen Europa, sondern vor allem gegen Zuwanderung und Ausländer. Sie unterscheiden dabei nach denen, die aus Südamerika kommen und Zuwanderern aus Afrika. Den Unterschied machen dabei angeblich die Sprache und die Kultur. Mir tut diese Einstellung gegenüber Geflüchteten weh. Zwar lebe ich schon seit über 20 Jahren in Spanien, aber eigentlich bin ich ja auch ein Zuwanderer. Und diese Menschen bekommen hier kaum die Chance Anschluss zu finden – etwas, das meiner Familie gelungen ist.

Mir hat Spanien immer alle Möglichkeiten geboten, beruflich und auch privat. Aber die Wirtschaftskrise Anfang 2008 hat das Land hart getroffen, viele Menschen konnten zum Beispiel den Kredit für ihr Haus nicht mehr bezahlen oder sind arbeitslos geworden. Ich habe einen Bachelor in Literaturwissenschaften und einen Master gemacht und danach immer Arbeit gefunden. Aber viele junge (Natur-)Wissenschaftler oder Menschen, die medizinische Berufe wie der Krankenpflege arbeiten, müssen das Land verlassen, weil es kaum Angebote für sie gibt. Zudem muss man unterscheiden, wie gut die Ausbildung der Einzelnen ist: Besonders im Süden des Landes arbeiten viele Menschen im Tourismusbereich. Dort gibt es viele Arbeitslose und Schwarzarbeit. Hinzu kommt oft auch die spanischen Mentalität: Wir lernen einfach nicht gern fremde Sprachen und viele Spanier blieben lieber zu Hause als zu verreisen oder im Ausland zu arbeiten, weil es in anderen Ländern kalt und teuer ist. Aber mit mangelnden Fremdsprachenkenntnissen oder wenn man nicht bereit ist zu reisen, ist es schwieriger, einen Job zu finden.

Was können wir tun?

Ich möchte mein Leben in Spanien und in Europa verbringen – in den USA oder Asien kann man vielleicht mehr verdienen, aber hier haben einen funktionierenden Sozialstaat und hier erscheint mir das Leben lebenswerter in Bezug auf Familie und Privatleben. Damit es in Europa vorangeht, würde ich gern mehr dazu beitragen, als mir aktuell möglich ist. Ich bin Mitglied einer europafreundlichen Partei und diskutiere mit Freunden über Politik. Wir können uns lediglich informieren und einer Partei unsere Stimme geben, von der wir hoffen, dass sie etwas verändert. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob Europa langfristig eine Zukunft hat - das wird man sehen müssen. Ich möchte, dass meine kleine Cousine oder meine Kinder später auch überall leben und arbeiten können und diese Wahl haben. Vielleicht muss es dafür erst schlechter werden, bevor sich die Länder wieder besinnen.

lau
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