HOME
#NeonEuropa

Interview zur Europawahl: Youtuber LeFloid: "Aktuell fuckt mich Einiges ab, wenn ich an Europa denke"

Am 26. Mai ist Europawahl – wir nutzen diesen Anlass und fragen junge Europäer, die in unserer Generation in Songs, auf Instagram oder auf Twitter eine Stimme haben, was sie sich von Europa erhoffen. Dieses Mal: Youtuber und Influencer LeFloid

LeFloid Europawahl Interview

Youtube-Star LeFloid setzt seine Stimme besonders für netzpolitische Themen ein.

Picture Alliance

Er führte ein Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und sein Youtube Kanal ist einer der meistabonnierten in Deutschland – LeFloid alias Florian Diedrich gehört zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Youtubern in Deutschland. In der Diskussion um die Einführung der sogenannten Uploadfilter zum Schutz des Urherberrechts auf EU-Ebene rief er seine Follower zum Protest auf. In dieser Diskussion haben die Politiker viel Vertrauen verspielt, findet er - doch genau deshalb müssen wir wählen gehen.

1. Wenn ich an Europa denke, denke ich an ...

…eine starke Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten, die sich klar und deutlich gegenüber Hass und Gewalt positioniert. Aktuell fuckt mich natürlich aber auch Einiges ab, wenn ich an Europa denke – allen voran, wie das neue Urheberrecht durchgewunken wurde und noch mehr, wie die Befürworter den Protest abgewertet haben und ins Lächerliche ziehen wollten. Dadurch wurde das Vertrauen von vielen – und insbesondere vielen Erstwählern – in die Europapolitik enorm geschwächt, was ein fatales Signal ist. Dieses verlorene Vertrauen muss sich Europa nach der Wahl am 26. Mai zurückholen. Und das wird verdammt schwer.    

2. Fühlst du dich als Europäer?

Absolut! Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht die Vorteile zu schätzen weiß, die ein gemeinsames Europa mit sich bringt: Das geht beim einfachen und bequemen Reisen in Europa los, ohne nervige Grenzkontrollen. Und Fliegen ist durch die EU ebenfalls generell günstiger geworden, weil die nationalen Monopole abgeschafft wurden. Ähnlich sieht es beim Telefonieren aus, auch wenn da weiterhin noch viel Luft nach oben ist. Und was auch viele vielleicht gar nicht so auf dem Schirm haben: Wir haben es auch der EU zu verdanken, dass der Garantie-Zeitraum auf zwei Jahre gestiegen ist – früher galt in Deutschland in der Regel nur ein Zeitraum von einem halben Jahr.

Für Deutschland als drittgrößtes Exportland der Welt ist die EU ohnehin eine große Erfolgsstory: Fast zwei Drittel werden in die EU exportiert, sodass die EU dafür sorgt, dass es uns weiterhin so gut geht. Denn all die Schwarzmalerei und düsteren Zukunftsszenarien sind in erster Linie Drohgespenster von Populisten. Außerdem steh ich natürlich völlig für die Werte ein, die Europa vertritt, wenn es um Menschenrechte, Chancengleichheit, sozialen Zusammenhalt und Demokratie geht und den Kampf gegen Hass und Gewalt. Und auch wenn mich einiges in der Europa-Politik tierisch nervt und frustriert – wie schon erwähnt beispielsweise das schamlose Durchwinken des neuen Urheberrechts – so überwiegen die Vorteile bei weitem.  

3. Warum ist die Europawahl wichtig?

Man muss das nicht gut finden, aber es ist trotzdem die Wahrheit: Entscheidungen der EU betreffen uns alle und haben direkten Einfluss auf unseren Alltag in Deutschland. Außerdem dürfen wir Europa auf keinen Fall den Rechten und Populisten überlassen! Seit die Dreiprozenthürde gekippt wurde, haben es Rechtsradikale und Populisten so leicht wie nie, ins europäische Parlament einzuziehen. Deshalb hilft jede Stimme für eine der etablierten Parteien, dass rechte Stimmen in Europa weniger zu sagen haben. Also gilt jetzt mehr denn je: Bewegt eure Ärsche und geht am 26. Mai wählen. Denn nur wer wählt, darf sich auch hinterher beschweren! Viel besser als beschweren ist es auf jeden Fall, den eigenen Teil dazu beitragen, dass auch tatsächlich die Kandidaten ins Parlament einziehen, von denen ihr eure Interessen am besten vertreten seht. Und dazu gehört auch, dass wir Politikern wie Axel Voss klar und deutlich zeigen, dass er mit seiner Art und Weise, wie er Politik macht, in Zukunft keine Rolle mehr in Europa spielen sollte.  

4. Was erhoffst du dir von der Wahl?

Ich erhoffe mir von der Wahl einen klaren Impuls gegen Rechts und eine deutlich stärkere Wahlbeteiligung – unter anderem die zahlreichen Demos gegen Artikel 13 und die "Fridays for Future" haben gezeigt, dass die Politikverdrossenheit auch aufgebrochen werden kann und immer mehr junge Menschen sich politisch engagieren. Bei der Umweltpolitik hat die EU besonders großen Einfluss. Deshalb hoffe ich sehr, dass insbesondere die Erstwähler bei der Europawahl ein deutliches Zeichen setzen und ein für alle Mal klar wird, dass der Spruch "Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa" in Zukunft keine Chance mehr hat. Wir brauchen Visionäre und starke Stimmen im Europa-Parlament und keine verknöcherten Lobbyisten.    

5. Wenn du im EU-Parlament sitzen würdest, was würdest du verbessern?

Der Einfluss von Lobbyisten muss bekämpft werden, die mit allen Mitteln die Interessen von Konzernen und Verbänden durchboxen – selbst wenn es wie bei Artikel 13 auf erhebliche Widerstände (auch innerhalb der eigenen Parteien) stößt und auch technisch völlig fraglich ist, wie das umgesetzt werden soll. Es ist völlig absurd, dass ein Algorithmus auf absehbare Zeit in der Lage sein soll, Satire oder Kritik korrekt zu erkennen. Und das würde ich auf jeden Fall verbessern wollen, dass Politiker Entscheidungen treffen können, bei denen sie weder die (technischen) Hintergründe verstehen, geschweige denn die Auswirkungen einschätzen können.

Serie "Die spinnen, die Deutschen": Österreicherin erzählt, an was sie sich in Deutschland erst gewöhnen musste