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Meinung

Offener Brief: Ihre populistische Frauenfeindlichkeit wird langsam lächerlich, Herr Spahn!

Irgendwie will man immer noch hoffen, dass Jens Spahn in der nahen Zukunft in lautes Gelächter ausbricht und "War doch alles nur Spaß" ruft. Ansonsten will er nämlich wirklich fünf Millionen Euro für den Gipfel des Mansplaining ausgeben.

Jens Spahn

Gesundheitsminister oder misogyner Kreuzritter – was ist Jens Spahn?

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Die lieben Kolleginnen und Kollegen von "Edition F" haben vor etwa einem Jahr ein paar sehr, sehr wahre Worte in ihr Büro gehängt: "Lebe so, dass Jens Spahn etwas dagegen hätte", steht da. Und ich könnte nicht enthusiastischer zustimmen, denn der Mann rennt schon wieder wie eine Dampfwalze durch die Gegend und will alles plattmachen, was ihn auch nur gleichberechtigt angeguckt hat.

Seine letzte zündende Idee: eine Studie zu psychischen Folgen und emotionalen Spätschäden von Abtreibungen bei Frauen. Fünf Millionen Euro soll der ganze Spaß kosten. Kosten, die das Bundeskabinett dem Gesundheitsminister bereits bewilligt hat. Zeit, dem Minister mal wieder einen Brief zu schreiben.

Versuchen wir es noch mal, Herr Spahn!

Lieber Herr Spahn,

leider haben Sie auf meinen letzten Brief nicht geantwortet. Tagelang habe ich neben dem Briefkasten gewartet – aber es kam nichts. Entweder, Sie feilen noch an Ihrer Antwort auf meine schiere, rhetorische Naturgewalt – was man Ihnen ausnahmsweise mal nicht verübeln könnte –, oder Sie sind tatsächlich einfach so rückgratlos? Mehr Erklärungen wollen mir so ad hoc einfach nicht einfallen.

Sollte es also Türchen eins sein und Sie sitzen immer noch nächtelang schwitzend über dem Versuch einer Erklärung für Ihre bereits mehr als dämlichen Äußerungen zu Armut und Paragraf 219a aus dem vergangenen Jahr, dann gebe ich Ihnen hiermit Futter für den einen oder anderen Absatz mehr.

Denn während man irgendwie naiv in seinem stillen Kämmerlein hofft, dass Ihnen doch noch bewusst wird, dass dieser verbalen Diarrhö, die Sie da von sich geben, dringend Einhalt geboten werden sollte, scheinen Sie gar nicht daran zu denken, in der näheren Zukunft einen rationalen Gedanken zu fassen und machen stattdessen einfach fröhlich und unbehelligt weiter. Eine Studie soll es nun geben. Für fünf Millionen Euro. Um die psychischen Folgen von Abtreibungen zu untersuchen. So so.

Und während Sie jetzt versuchen können, uns das Ganze als Sorge um unser Wohlergehen zu verkaufen, sind Sie so durchschaubar wie die "Bachelor"-Kandidatinnen: Sie wollen nicht den Kerl, sie wollen die Kohle. Beziehungsweise: Sie wollen nicht wissen, wie es Frauen nach Abtreibungen geht, Sie wollen Ergebnisse, die Ihre wahnsinnig frauenfeindliche Agenda unterstützen. Es gibt diese Studien bereits. Eine von 1995, die an der Universität in Manchester durchgeführt worden ist, beispielsweise. Und eine von 2008. Und 2011 machten die Dänen auch noch mal mit. Und alle kommen zum gleichen Schluss: Die Art psychischer Spätfolgen einer Abtreibung, die Sie gern beweisen wollen, gibt es nicht. Abtreibungen führen nicht zu Psychosen.

Aber das interessiert Sie gar nicht, oder? Sie wollen nicht die Wahrheit, Sie wollen Ergebnisse, die Ihre Mittelalter-Ansichten legitimieren. Aber, und jetzt kommt ein kleiner Spoiler-Alert: Kein Ergebnis kann wieder wettmachen, dass Sie über die Pille danach gesagt haben, das seien "keine Smarties". Oder dass Sie behauptet haben, Frauen würden in der Diskussion um Abtreibung vergessen, dass es um menschliches Leben gehe. Und kein Ergebnis der Welt wird dazu führen, dass Ihnen Eierstöcke wachsen. Und solange Sie die nicht haben, frage ich mich auch, was Sie in dieser Diskussion verloren haben.

Wir Frauen sind einfach dumm, aber keine Sorge Mädels, Jens Spahn ist zur Stelle, um uns die Welt zu erklären!

Ohnehin lässt sich sagen: Es ist völlig egal, welches Ergebnis bei Ihrer Studie herauskommt. Vermutlich wird sie sogar aufzeigen, dass Abtreibungen für Frauen ein emotionales Trauma darstellen. Das hat ja auch nie irgendjemand angezweifelt. Aber wissen Sie, womit das in erster Linie zusammenhängt? Mit der Tatsache, dass Menschen wie Sie Ihre behaarten Männernasen nicht einfach mal bei sich behalten und aufhören können, sich überall und immer einzumischen. Ohne Menschen wie Sie und ihre erhobenen Zeigefinger, wäre Abtreibung legal und nicht "illegal, aber straffrei". Wäre es absolute Norm, als Arzt über Abtreibungen informieren zu dürfen, würde niemals jemand davon ausgehen, dass Frauen allen Ernstes dumm genug sind, die Pille danach wie Schokolinsen zu fressen. FÜR WIE DUMM UND INTELLEKTUELL UNTERLEGEN HALTEN SIE UNS EIGENTLICH?!

Frauen gehen seit Jahren auf die Straße, um die Paragraphen 218 und 219a des Strafgesetzbuches abschaffen zu lassen – zu tausenden. Nun haben wir es endlich mal geschafft, dass uns jemand zuhört und tatsächlich darüber nachgedacht wird, die Gesetzeslage zu ändern und Sie kommen rein wie der große Zampano und stellen Bedingungen?! Das kann doch UNMÖGLICH Ihr Ernst sein. Wissen Sie, wie man das auch nennt? Mansplaining. Was haben Sie sich dabei gedacht? 'Ah, ja, ihr dummen Weiber, ich weiß ja, dass ihr seit Jahren um euer Recht auf freie Entscheidung über euren Uterus kämpft, aber ihr habt einfach nicht verstanden, dass das ja auch seelische Folgen für euch haben kann'? Noch mal meine Frage: WO SIND DIE WEIBLICHEN REPRODUKTIONSORGANE, DIE SIE ZU DIESER MEINUNG BEFÄHIGEN?! Sie sind Gesundheitsminister, verdammt noch mal, und nicht Vorsteher der katholischen Gemeinde. Frauen wollen ein Recht auf Abtreibung? Dann geben Sie es Ihnen und schmeißen Sie nicht fünf Millionen Euro aus dem Fenster.

Wie wäre es mit einem Deal? Sie geben das viele Geld sinnvoller aus und ich sage Ihnen einfach jetzt direkt, was bei Ihrer Studie rauskommen wird: Nein, Abtreibungen führen nicht zu Psychosen. Ja, Abtreibungen können zu emotionalen Traumata führen. Was aber eigentlich nur bestätigt, was wir ja schon die ganze Zeit versuchen, Ihnen zu sagen: nämlich dass Frauen das nicht einfach so aus Langeweile machen, sondern weil sie lange über ihre Entscheidung nachgedacht haben und sich trotzdem dafür entscheiden. Wir wissen, was wir tun – und tun es trotzdem. Sehen Sie es ein, Herr Spahn, es ist Zeit, Ihren Kreuzzug zu beenden und sich ein anderes Hobby zu besorgen. Ihre populistische Frauenfeindlichkeit wird langsam lächerlich.Wer da ähnlicher Meinung ist, kann übrigens hier die offene Petition von Nike van Dinther unterschreiben.

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