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Meinung

Terminservice- und Versorgungsgesetz: Jens Spahn will Psychotherapie neu regeln – eine Katastrophe für Betroffene!

Jens Spahn will mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz die Vergabe von Psychotherapieplätzen neu regeln. Unsere Autorin weiß aus eigener Erfahrung, dass dieser Gesetzesentwurf eine Katastrophe für Betroffene wäre.


Jens Spahn will Psychotherapie neu regeln

Unsere Autorin hat eine Botschaft an Jens Spahn: Psychische Erkrankungen sind auch so schon schwer genug (Symbolbild)

Getty Images

Seitdem Jens Spahn Bundesgesundheitsminister ist, glänzt er nicht gerade mit realitätsnahen Gedankengängen. Eins von vielen Beispielen: Mit Hartz IV habe "jeder das, was er zum Leben braucht". Vielleicht sind es auch Aussagen wie diese, die ihm am Freitag den Sieg bei der Wahl für den CDU-Parteivorsitz gekostet haben. Momentan fällt er eher für die darauffolgenden Shitstorms auf als mit seiner Gesundheitspolitik. Und auch ein aktueller Gesetzesentwurf, den er vorgelegt hat, geht mal wieder vollkommen an der Realität vorbei: Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) soll für schnellere Termine und bessere Versorgung sorgen. Klingt erst mal super, aber für Hilfesuchende mit psychischen Erkrankungen wäre dieses Gesetz eine Katastrophe. 

Ein Psychotherapie-Vorgespräch wäre eine enorme Belastung

Warum ich das weiß? Weil ich selbst Hilfe gesucht habe. Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis ich mich dazu durchgerungen habe, mir einzugestehen, dass ich krank bin und da alleine nicht mehr raus komme. Trotzdem hat es noch Wochen gedauert, bis ich mich getraut habe, bei meinem Hausarzt anrufen und um einen Termin zu bitten, weil ich die Befürchtung hatte, eine Depression zu haben. Der Anruf fiel mir unglaublich schwer. Das Wort "Depression" auszusprechen war nicht einfach. Denn sobald man es ausspricht, wird aus dem ständigen Gedanken die Wirklichkeit. 

Das TSVG sieht vor, dass sich Patienten mit psychischen Erkrankungen, bevor sie eine Psychotherapie beginnen können, mit speziellen Ärzten oder Therapeuten treffen müssen, die wiederum die Dringlichkeit einer Therapie einschätzen sollen. Gegen das Gesetz gibt es bereits eine Petition vom Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten, der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung und der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Innerhalb kürzester Zeit erhielt sie über 93.000 Unterschriften. 

"Den psychisch kranken Patientinnen und Patienten wird damit aufgebürdet, oftmals enorme, hoch schambesetzte seelische Belastungen gegenüber Behandlern darzustellen, die sie danach in der Regel nicht wiedersehen werden und die sie nicht selbst nach Vertrauensgesichtspunkten gewählt haben", wird in der Petition gegen den Entwurf von Spahn argumentiert – zu Recht.

"Psychische Erkrankungen sind auch so schon schwer genug, Herr Spahn

Im Wartezimmer meiner Hausärztin fing ich immer wieder an zu weinen. Ein paar Mal war ich kurz davor zu gehen – weil ich Angst davor hatte, ob man mich überhaupt ernst nimmt. Und auch nachdem ich von meiner Ärztin die Diagnose Depression bestätigt bekommen habe, hatte ich panische Angst vor dem Erstgespräch mit meinem Therapeuten.

Wenn ich dazwischen noch ein Vorgespräch mit einem Dritten hätte haben müssen, dem ich wieder "beweisen" muss, dass ich krank bin, hätte ich das Ganze vielleicht komplett abgeblasen. Allein die Überforderung, sich einen freien Therapieplatz suchen zu müssen, ist unglaublich kräftezehrend. Dazu die ständige Angst, nicht ernst genommen zu werden. Schon nach dem dritten Anruf bei Psychotherapeuten auf der Suche nach einem freien Platz wollte ich am liebsten alles hinschmeißen. Jedes Mal wieder erklären zu müssen, warum man so dringend Hilfe braucht, ist anstrengend und fühlt sich auf Grund des gesellschaftlichen Stigmas jedes Mal beschämend an – auch, wenn es das eigentlich nicht sollte. 

Zusätzliche Arbeit für Ärzte und Therapeuten

Meine Ärztin und der Therapeut, den ich glücklicherweise gefunden hatte, konnten sehr wohl auch alleine meine Krankheit diagnostizieren. Dazu braucht es keinen unbeteiligten Dritten. Das prangert auch die Petition an: "Der Entwurf zum Paragraph 92 diskriminiert darüber hinaus auch die psychotherapeutisch tätigen Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten, die aufgrund ihrer Fachkunde und Zulassung alle über die Qualifikation zur Diagnostik, Indikationsstellung und Behandlungsplanung verfügen." Hinzu kommt: Ärzte und Therapeuten haben sowieso schon alle Hände voll zu tun – wieso sollte man sie mit dieser zusätzlichen Aufgabe, Vorgespräche mit fremden Patienten zu führen, belasten? 

Dem TSVG mag vielleicht ein anständiger Grundgedanken vorausgegangen sein – doch mit der Lebenswirklichkeit von Patienten, Ärzten und Therapeuten hat das wenig zu tun. 

Lieber Herr Spahn, ich hoffe, der Gegenwind von 93.000 Menschen hilft Ihnen beim Umdenken. Denn mit Ihrem neuen Gesetz helfen Sie wirklich niemanden – vor allem nicht denen, die die Hilfe so dringend brauchen.

Herzliche Grüße

eine Betroffene, die anonym bleiben will

Depressionen