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Neue Filiale in Berlin Stell dir vor, Primark eröffnet - und keiner geht hin


Die Billigmode von Primark lockt nicht nur Schnäppchenjäger zur Eröffnung der neuen Filiale auf dem Berliner Alexanderplatz – sondern auch Protestler. Denn die Billigklamotten stehen in der Kritik.
Von Oliver Fuchs und Katharina Grimm

Wo sind nur alle? Die leeren Absperrgitter auf dem Berliner Alexanderplatz wirken grotesk, nur vereinzelt stehen Menschen herum und warten. Dabei sollte doch hier die große Eröffnung der neuen Primark-Filiale gefeiert werden, bis zu 10.000 Menschen wurden erwartet. Im Herzen der Hauptstadt hat sich die irische Billigmode-Kette eine 5300-Quadratmeter-Boutique geleistet. Männer mit schwarzen Sonnenbrillen und maßgefertigten Anzügen posieren vor der Eingangstür, ein DJ legt Musik auf, die Sonne scheint. Alles ist bereit für die große Marketingsause. Nur eines fehlt: die Käufer. Es scheint fast so, als ob sich der Rummel um die unter fragwürdigen Bedingungen gefertigten Klamotten gelegt hat.

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Kritik ebbt nicht ab

Auf der anderen Seite des Platzes haben sich die Kritiker der Modemarke aufgebaut. Gleich mehrere Aktivistengruppen haben via Facebook zum Protest aufgerufen – und ihre Anhänger sind gekommen. Eine große Menschengruppe steht dort und protestiert: gegen die Ausbeutung von Arbeitern, gegen schlechte Arbeitssicherheit, gegen Sklavengehälter, gegen grenzenlosen Konsum. Über eine Lautsprecher-Anlage ruft ein Sprecher die Aktivisten auf, eine Schlange zu bilden. "Damit wir sehen können, wie viele wir sind", ruft er. Die Demonstranten stellen sich hintereinander auf. Die Schlange reicht quer über den Platz, bis fast bis zu den Pforten der neuen Filiale.

Die Modeindustrie steht unter Druck. Spätestens seit dem Einsturz der Textilfertigung Rana Plaza in Bangladesch, bei dem mehr als 1100 Textilarbeiter ums Leben gekommen sind und mehr als 2000 verletzt wurden, hagelt es Kritik an den mitunter unwürdigen und lebensgefährlichen Produktionsbedingungen. Fast alle Modemarken lassen ihre Kollektionen in Fernost herstellen. Auch Primark hatte in der eingestürzten Fabrik produzieren lassen. Und erst kürzlich geriet der Kleidungskonzern in die Schlagzeilen, weil eingenähte Botschaften wie "SOS" oder "Wir schuften wir Ochsen" in Kleidungsstücken entdeckt wurden. Auch wenn der Konzern die Echtheit der Etiketten anzweifelt, werfen Kritiker dem Unternehmen, aber auch den Kunden vor, durch die "Geiz-ist-geil"-Mentalität die Ausbeutung und Gefährdung der Arbeiter zu forcieren. Doch Angebot und im Fall von Primark vor allem die Nachfrage regulieren den Markt. Angesagte Trends für nur ein paar Euro? Die Verlockung war auch in Berlin zu groß.

Reden, nicht brüllen

Knapp eine Stunde bevor sich die Tore von Primark öffnen, füllt sich der Platz. Die meist jungen Käufer reihen sich brav in die Gitter ein und warten. Doch die Aktivisten sind hartnäckig. Wie Helen. Die junge Textildesignerin setzt sich seit drei Jahren aktiv für fair produzierte Kleidung ein. Sie ist nicht hergekommen, um die Primark-Kunden anzubrüllen. Sie will mit ihnen ins Gespräch kommen: "Ganz einfache Fragen darüber stellen, wo ihre Kleider herkommen. Wie sie gemacht sind. Die Leute zum Nachdenken bringen."

Primark selbst lege "größten Wert auf das Wohlergehen der Arbeitskräfte in seiner Lieferkette", heißt es beim Konzern. Tatsächlich unterwirft sich das Unternehmen einem Zertifizierungs- und Kontrollverfahren zu den Arbeits- und Sicherheitsbedingungen an den Produktionsstandorten. Dies wird kontrolliert, da Primark Mitglied der Ethical Trading Initiative ist. Dieser Zusammenschluss von Unternehmen, Organisationen und Gewerkschaften will die Arebitsbedingungen durch selbst auferlegte Standards verbessern Das reicht den Protestlern nicht, sie fordern deutlich mehr Engagement von den Unternehmen.

Na und?

Auf dem Alexanderplatz wollen sie mit den Primark-Kunden reden, sie wachrütteln. Doch bei Leuten wie Katja beißen sie damit auf Granit. Mit ihr kann man nicht streiten. Denn Katja ist mit allem einverstanden. "Die haben ja Recht", sagt sie und zuckt mit den Schultern. "Klar ist bei Primark nicht alles sauber. Trotzdem sag ich: na und? Guck mal, heute eröffnet ein Stück weiter ein Kik. Wieso demonstrieren die Leute nicht da?" Man habe heute in Deutschland ganz andere Probleme. Da müsse jeder gucken, wo er bleibt. Für Helen und ihre Mitstreiter sind Katja und all die anderen Mädels in der Primark-Schlange eine moralische Katastrophe: Sie kennen ihre Argumente, sie bestätigen sie – und warten dennoch auf die Eröffnung. Moneten gegen Moral, ein ungleicher Kampf.

Nur noch wenige Minuten bis zur Eröffnung. Die Menge wird unruhig. Aus Vorfreude wird Spannung und daraus Anspannung. Viele der Wartenden kennen das schon: Wenn H&M eine billige Top-Designer-Kollektion im Angebot hat, sei das ähnlich. Hier haben die Damen die gleiche Strategie: Warten auf den Moment, bloß nicht hinter der Tür stehen, dann komme man zu spät rein. Alles, was augenscheinlich gefällt, zusammenraffen. Billig ist es ja eh alles.

3.. 2.. 1.. meins!

Hinter Katja wächst die Schlange. Lauter Leute, die genauso denken, wie sie. Die ersten beginnen zu drängeln. Gleichzeitig leert sich der Platz um die Aktivisten. Die Stimmung kippt. Der Primark-DJ dreht auf, übertönt jetzt mühelos alle Proteste. Und die Einwände der Menschenrechtler prallen ab, an einem Wall von: "Ihr habt Recht. Aber was soll man machen?"

Eine zweite Schlange hat sich vor dem Primark-Pforten gebildet. Mütter mit Kinderwagen. Sie haben ihre Babys mitgenommen, um schneller in den Laden zu kommen. Dann ist es soweit: Der Irische Premierminister Enda Kenny eröffnet den Laden höchstpersönlich und zerschneidet das Band. Danach muss er schnell aus der Schussbahn: Während der DJ "Sexbomb" von Tom Jones auflegt, drängeln und schieben sich rund 500 Frauen, Mütter mit Kinderwagen und Mädchen mit ausgefahrenen Ellenbogen in die inzwischen dreizehnte Filiale in Deutschland. Weitere werden dazukommen.


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