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Reportage

Im Hinterhof der Globalisierung: Welchen Preis die Näherinnen in Bangladesch für unsere Billigmode zahlen

Bangladesch ist der Hinterhof der Globalisierung. Dort produzierte Textilien gehen zu Schleuderpreisen im Westen über die Ladentheke. Das ist nur möglich, weil in die Arbeiterinnen in den Nähereien einen hohen Preis bezahlen. Ein Ortsbesuch.

Von Tilman Gerwien, zurzeit Dhaka, Bangladesch

Frauen in bunten Gewändern legen weiße Schuhsohlen auf ein Fließband zwischen ihnen

"Ich rede nur über Sachen, die ich mir angeschaut habe", sagt der Minister aus Deutschland. Man muss sagen: Das kann er hier haben! Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, steht in einer Textilfabrik in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch und streicht mit seinen Händen über eine Jeans, fast zärtlich.

An dem Kleidungsstück hängt schon das Preisetikett für den Verkauf in Deutschland: 19,99 Euro. Ein Kampfpreis. Und wieviel kriegt der Fabrikbesitzer dafür, 18.000 Kilometer vom deutschen Endkunden entfernt? "Six Dollar", sagt der Chef von "Tivoli Apparels" einer Kleiderfabrik im schmutzig-grauen Außenbezirk Tongi. Sechs Dollar, das sind ungefähr 5,50 Euro. Die Gewinnspanne beträgt also rund 14 Euro. Nicht schlecht für Lidl, Aldi, Rossmann, Kaufland und all die anderen, die in dieser und ähnlichen Fabriken fertigen lassen: billig, billig, billig. Und die Kleidung in Deutschland weiterverkaufen, immer noch billig, billig, billig, das ist in der Summe: ein Riesengeschäft. 

In dem Werk in Bangladesh wird unter anderem für Aldi und Lidl produziert

In dem Werk in Bangladesh wird unter anderem für Aldi und Lidl produziert

stern

T-Shirts aus Bangladesch für 2,50 Euro

Es gibt dafür ein schönes, altes Wort, ein Wort, das alles auf den Punkt bringt: Kapitalismus. Wie er funktioniert, was er mit den Menschen und unserer Umwelt macht, das kann man hier sehen, hören, riechen schmecken, fühlen, in dieser boomenden Metropole, die tagein tagaus unter einem bleischweren Teppich von Smog liegt, sodass die Einwohner den Himmel nicht mehr sehen, nie, nie mehr. 

Wer sehen will, wie es funktioniert und wo all das herkommt, die T-Shirts bei Primark für 2,50 Euro, die Damen-Jeans für 14 Euro und wer sich fragt, wie das geht, der muss hierherkommen. Hier kann man sehen, wer all das zusammenschneidert und zusammennäht, was wir schick finden und günstig nennen. Hier kann man aber auch sehen, wer eigentlich den Preis für die Profite zahlt. Auf wessen Kosten sie gemacht werden. Und wer für unsere "Schnäppchen" die Knochen hinhält.

Über mehrere Etagen erstreckt sich "Tivoli Apparels", in riesigen Hallen sitzen die 2.800 Arbeiterinnen und Arbeiter, endlos aufgereiht hinter ihren Zuschneidetischen und Nähmaschinen. Der Lärm ist ohrenbetäubend, die Maschinen rattern unaufhörlich, die Weltmärkte schlafen ja auch nie , sagen die Manager, die Luft ist vom Staub und Abrieb der Stoffe geschwängert, Ventilatoren drehen sich träge, bringen aber kaum Erleichterung und über allem scheppert aus den Lautsprechern unaufhörlich ein Liedchen, es soll wohl die Arbeitsmotivation heben. Seine Melodie erinnert stark an "We shall overcome".

Das Personal wird angewiesen, Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten

Das Personal wird angewiesen, Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten

stern

"We shall overcome" – wir werden das hier überstehen, irgendwie. Das ist eigentlich ein durchaus treffendes Motto für das Leben und den Job der Texitlarbeiterinnen, die hier im Akkord ein Kleidungsstück nach dem anderen zusammennähen. Auf großen Tafeln sind die Arbeitsnormen angeschlagen, die zu erfüllen sind, "pieces per hour", wieviel Teile pro Stunde. Vorarbeiter patrouillieren durch die Reihen, achten auf Disziplin und korrekte Ausfertigung der bis ins letzte Detail ebenfalls auf Tafeln ausgehängten Fertigungsschritte. 

Der Hinterhof der Globalisierung

Bangladesch boomt, das Land hat die höchste Wachstumsrate Asiens, sein Pro-Kopf-Einkommen wird demnächst das Niveau von Indien erreichen. 170 Millionen Einwohner, zweitgrößter Textilproduzent der Welt. 85 Prozent der Exporterlöse erwirtschaftet die Bekleidungsindustrie. Die Lohnkosten sind niedriger als in China, Indien oder Kambodscha, vier Millionen Menschen finden daher in den fast 5.000 Näh- und Schuhfabriken des Landes Arbeit. Bangladesch: ein Shooting-Star der Globalisierung. Aber auch: der Hinterhof der Globalisierung. Betriebsräte zu gründen kann lebensgefährlich sein oder zumindest den Job kosten, eine Unfallversicherung ist erst im Aufbau, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Mutterschutz: All das gibt es, wenn überhaupt, erst in zarten Anfängen. Der Mindestlohn für einfache Arbeiterinnen beträgt 8.000 Taka. Das sind 86 Euro. 

Und genau deshalb kann Primark sein "Kinder-T-Shirt, weiß" bei uns für 2,50 Euro verkaufen.

Als 2013 die Textilfabrik "Rena Plaza" in sich zusammen stürzte, weil das Gebäude baufällig war und eigentlich sogar von der Polizei gesperrt, aber auf der Jagd nach Profit die Arbeiterinnen trotzdem an ihre Nähmaschinen gehetzt wurden, und am Ende mehr als 1.100 Menschen starben, da regt sich bei uns im Westen dann doch das schlechte Gewissen. Seitdem gibt es Fortschritte, beim Brandschutz, bei der Arbeitssicherheit, beim Umgang mit gefährlichen Chemikalien. Im Treppenhaus einer anderen Textilfabrik zeigt der Minister aus Deutschland auf einen Feuerlösch-Schlauch an der Wand. "Das ist hier alles noch nicht Standard. Es ist halt ein sehr weiter Weg."

stern-Reporter Tilman Gerwien reist mit Entwicklungsminister Gerd Müller

stern-Reporter Tilman Gerwien reist mit Entwicklungsminister Gerd Müller

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Tatsächlich, es wird ein sehr weiter Weg, und das hat vor allem einen Grund: Mit dem Gewissen der Konsumenten im Westen ist es so eine Sache. Keiner will es haben, das schlechte Gewissen wie nach dem Unglück von "Rena Plaza". Aber kosten soll das gute Gewissen möglichst nichts. Den Minister begleiten in der Delegation auch Einkäufer von Aldi und Tchibo. Sie sagen: Am Ende ist es fast unmöglich, den Preis auch nur um ein paar Euro anzuheben. Die Kunden in Deutschland springen einfach ab und gehen zur Konkurrenz. Das Leben, die Sicherheit, das Einkommen der Näherinnen hier – all das sei den Kunden in Deutschland nicht egal. Aber am Ende gelte eben immer noch: Geiz ist geil. Gerade bei Textilien.

Die Textilkarawane zieht weiter – nach Afrika?

Keiner kann aussteigen aus diesem Business, das mit dem Wort "zynisch" noch vornehm umschrieben ist. Die Konzerne im Westen nicht, die Näherinnen in Bangladesch schon gar nicht. Das Land ist das schwächste Glied in der weltweiten Lieferkette. "Wenn hier die Lohnkosten steigen, dann zieht die Textilkarawane weiter", sagt ein deutscher Einkäufer, vielleicht nach Afrika, wo jetzt schon die Textilindustrie boomt und wo es noch ein wenig billiger geht. "In dieser Branche gilt das Motto: heute hier, morgen dort."

Weil Bangladesch – zumindest jetzt – noch keine Alternative hat, um die eigene Bevölkerung in Arbeit zu bringen, wird der Preisdruck aus Deutschlands Modefilialen brutal weitergegeben und immer weiter nach unten durchgereicht, bis zu den Näherinnen in der Halle von "Tivoli Apparels". Aber: In Bangladesch sind die Jobs in der Textilindustrie trotzdem begehrt. Vor allem Frauen finden hier Arbeit, das selber verdiente Geld macht sie von ihren Ehemännern ein Stück weit unabhängig, viele Familien finanzieren mit dem Zusatzeinkommen der Näherinnen die Schulbildung ihrer Kinder. Denn die sollen es ja einmal besser haben. 

"Meine Kinder sollen es einmal besser haben", das klingt so deutsch und so vertraut. Eigentlich, so hat der Minister schon in der Regierungsmaschine auf dem Hinflug gesagt, eigentlich haben diese Menschen die gleichen, stinknormalen Träume wie fast alle Menschen. Eine Wohnung, in die es nicht reinregnet. Eine Toilette mit Wasserspülung. Schnelles Internet, ein Handy, vielleicht sogar ein eigenes Auto – und eine gute Schule für die Kinder. Die Globalisierung katapultiert die Menschen in Bangladesch in eine neue Zeit. Und niemand wird sie aufhalten. "Sie wollen ihren Anteil am weltweiten Wohlstand. Und wenn sie ihn in ihrer Heimat nicht bekommen, dann werden sie irgendwann zu uns kommen und ihn sich holen", sagt Müller.

Der Ministertross aus Deutschland setzt sich in Bewegung. Durch den mörderischen Verkehr der Metropole, die mit ihren 20 Millionen Einwohnern ein einziger stinkender, lebensfeindlicher Moloch ist, über buckelige Straßen zur nächsten Fabrik. Früh morgens schon hat Müller gesehen, wie in der Schuhfabrik "Royal Footwear" die Schuhe für Aldi und Decathlon zusammengeklebt wurden. Gleich ist er in einer Textilfabrik, die, so die Info des Ministeriums, "höchste Standards setzt in punkto Arbeitsschutz und Nachhaltigkeit".

Natürlich bekommt Müller als Minister hier bei seinen Besuchen eine "aufgehübschte Wirklichkeit" vorgesetzt, räumt er ein, als er in einer Pause auf der Buckelpiste vor einer Fabrik steht. Die Arbeiterinnen kriegen schöne neue Kittel angezogen und müssen nicht mehr barfuß durch die Fabrikhalle laufen, wenn der hohe Besuch aus "Germany" kommt. Aber Müller findet: Immer noch besser eine aufgehübschte Wirklichkeit sehen als die Augen ganz verschließen. 

wue