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Frauenhaus in Dhaka: Das unvorstellbare Leid missbrauchter Frauen in Bangladesch

Weil sie nicht mit den Brüdern ihres Mannes schlafen wollte, wurde Monjur, 35, zum Säureopfer. Zuflucht fand sie im Tarango Frauenhaus in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Wir haben mit fünf der Bewohnerinnen über ihr Leid gesprochen.

Von Refinery29-Autorin Billie JD Porter

Frauenhaus in Dhaka: Leid missbrauchter Frauen in Bangladesch

Obwohl Bangladesch in den letzten 20 Jahren von Frauen regiert wurde, ist das Leben der Durchschnittsbürgerinnen noch immer gefährdet. Zwangsehen, Säureattacken und regelmäßige häusliche Gewalt gehören für viele junge Frauen zur Realität

Auf einer Reise nach hatte ich das Glück, eine Organisation besuchen zu dürfen, die sich der Hilfe und Unterstützung von Frauen widmet. Versteckt in den chaotischen Straßen der Hauptstadt Dhaka liegt das Tarango Frauenhaus, eine Art Fairtrade-NGO, die Frauen bei der Ausbildung, Jobfindung und Rehabilitierung hilft. Frauen, die vor Gewalt, sexuellem und psychischem Missbrauch oder aus gesellschaftlichen Zwängen fliehen mussten.

Obwohl Bangladesch in den letzten 20 Jahren von Frauen regiert wurde, ist das Leben der Durchschnittsbürgerinnen noch immer gefährdet. Zwangsehen, Säureattacken und regelmäßige häusliche Gewalt gehören für viele junge Frauen zur Realität.

Wir haben mit fünf von ihnen gesprochen. Fünf mutige, starke Frauen, die das hatten, zu Tarango zu finden und uns von ihrer Geschichte zu erzählen.

Nupur, 16

Nupur war 13 als sie mit einem 25-Jährigen zwangsverheiratet wurde, den sie zuvor noch nie gesehen hatte. Von den Plänen ihrer Eltern wusste sie nichts, bis der ihr zugewiesene Mann mit seiner Familie eines Tages vor der Tür stand, sie begutachtete und das Angebot ihrer Eltern annahm. Wenige Tage später war Nupur ein verheiratetes Mädchen und zog zu ihrem Ehemann, bei dem sie sowohl psychischer als auch körperlicher Gewalt ausgesetzt war – bis ihre Großmutter ihr von Tarango erzählte.

"Er zwang mich dazu, in unserer Hochzeitsnacht Sex mit ihm zu haben. Noch nie zuvor hatte ich solche Angst. Ich erzählte meiner Tante von den Schmerzen, die ich dabei empfand, aber sie sagte nur, das sei normal und ich würde mich daran gewöhnen. Aber es wurde nie besser. Seit der Heirat und der Hochzeitsnacht fühle ich mich gebrandmarkt. Wenn und junge Frauen verheiratet werden, zerstört man ihre Kindheit. Man zerstört ihr ganzes Leben. Ich werde nie wieder eine gute Familie finden, in die ich einheiraten kann. Das macht mir Sorgen."

Monjur, 35

Als Monjur sich weigerte, mit den Brüdern ihres Mannes Sex zu haben, fingen sie an, ihr zu drohen. Eines Nachts brechen die Männer in ihr Zimmer ein und übergießen die junge Frau im Schlaf mit Säure. Bangladesch hat weltweit die höchste Rate an .

"Ich habe erst nach zwei Stunden zum Krankenhaus gefunden. Bis ich dort ankam, hatte sich die Säure sogar durch einige meiner Organe gefressen, was mir auch heute noch, Jahre später, Probleme bereitet. In der Klinik gab es niemanden, der sich mit Säureverletzungen oder Verätzungen auskannte. Man hätte einiges retten können, hätte man die richtigen Maßnahmen ergriffen. Nach dem Unfall konnte ich mich lange Zeit nicht im Spiegel ansehen. Jedes Mal, wenn ich es versuchte, schreckte ich auf.“

Layla, 28

Laylas Ehemann ist nach der Geburt ihrer Tochter verschwunden. Bis heute weiß sie nicht, warum er gegangen ist oder wo er sich aufhält. Sie war allein und hatte kein eigenes Einkommen. Dafür aber eine Tochter, die sie ernähren musste – also fing sie an, in einer Textilfabrik zu arbeiten. Eine Nachbarin, die auf ihre Tochter aufpasste, erzählte ihr schließlich von Tarango.

"Die Bedingungen, unter denen ich in der Fabrik arbeitete, waren schrecklich. Wir wurden katastrophal schlecht behandelt und machten endlose Überstunden. Neulich erst gab es einen Großbrand in der Fabrik, in der ich gearbeitet habe. In meinen dunkelsten Momenten überlegte ich damals sogar, mich und meine eigene Tochter umzubringen, um dem zu entkommen. Ich hatte das Gefühl, ihr nichts bieten zu können. Ich weiß, dass Selbstmord eine Sünde ist, aber mein Schmerz war größer. Heute ist mein Leben anders: Ich arbeite von 9 bis 17 Uhr und verdiene so gut, dass wir beide uns keine Sorgen mehr machen müssen.“

Moriam, 28

Moriam ist eine von fünf Töchtern und in sehr ärmlichen Verhältnissen groß geworden. Trotzdem verlangte ihr Ehemann von ihren Eltern eine große Summe Geld und Goldschmuck als Mitgift. Kaum waren sie verheiratet, hörte er auf zu arbeiten und zwang Moriam dazu, mehrere Jobs anzunehmen und sich allein um den Haushalt zu kümmern. Als sie sich weigerte, schlug er sie.

"Er schlug mich auf die schlimmste Weise, ich kann es nicht beschreiben. Ich hatte Gehirnerschütterungen, mein Trommelfell platzte, er hätte mich töten können, da bin ich mir sicher. Seitdem sind erst fünf Jahre vergangen, aber ich fühle mich heute schon sehr viel sicherer. Ich habe keine Sorgen mehr und mag mein neues Leben. Ich kann hier mit allen Frauen offen über das sprechen, was ich erlebt habe."

Bilkis, 21

Bilkis' Vater starb, als sie sieben Jahre alt war. Ihre Mutter war psychisch krank. Als Kleinkind wurde sie in die Häuser reicherer Bangladescher geschickt, um dort als Hausmädchen zu arbeiten. Ihre Vorgesetzten schlugen sie. Irgendwann beschloss sie, zu gehen. Kurze Zeit lebte sie bei ihrem Onkel, bis dieser sie verheiratete. Bilkis war zu diesem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt.

"Als Kind habe ich immer davon geträumt, zur Schule zu gehen und viel zu lernen, aber so lief es leider nicht für mich. Mein Mann war drogenabhängig. Er fragte immer wieder nach meiner Mitgift, obwohl ich keinerlei Besitztümer hatte und aus einer armen Familie kam. Er schlug und vergewaltigte mich, manchmal warf er mich aus dem Haus und ließ mich vor der Tür schlafen. Irgendwann ging ich heimlich weg und suchte mir einen Job als Hausmädchen in Dhaka. Ich erklärte der Frau, für die ich arbeiten sollte, was mir passiert war, und sie riet mir, zu Tarango zu gehen. Das war vor vier Monaten, seitdem lebe ich hier. Ich bekomme Essen, Bildung, einen Job und habe ein Dach über dem Kopf. Ich kann endlich mit Menschen über meine Probleme sprechen; über das, was mich so viele Jahre lang gequält hat.“

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